Direkt zum Hauptbereich

Hong Kong International Film Festival 2014: ON THE JOB (Erik Matti, Philippinen 2013)


Das Chaos ist die Struktur. Wie in den Bildern, so geht es, zumindest auch in der erzählten Geschichte, lange sehr durcheinander. Bis man alle Handlungsfäden auseinandersortiert hat, braucht es schon ein Weile. Aber schon von Beginn an, wenn die erste Sequenz die beiden Auftragskiller bei einem "Job" zeigt, ist man vollkommen hooked. Joel Torre und Gerald Anderson sind zwei Auftragskiller, die im Dienste eines undurchsichtigen und korrupten Syndikats Auftragsmorde durchführen. Das Besondere dabei: sie sitzen eigentlich seit Jahren im Knast. Keiner würde sie als Täter verdächtigen. Ein kompliziertes System aus Schmiergeld und Gewalt ermöglicht es ihnen und den Helfeshelfern, sie für diese Aufträge auszuschmuggeln, und anschließend wieder in den Knast hineinzubringen. Ganz wunderbar veranschaulicht das die Kamera in einer frühen Sequenz, die einfach den Protagonisten durch die verwirrenden Gänge, das undurchschaubare Labyrinth des Gefängniskomplexes folgt.

In dieser Art ist auch der erste Auftragsmord inszeniert: ein Labyrinth aus Menschen, ein wogendes Meer aus Körpern, Musik, Trubel und Turbulenz. Bei einem karnelvalsähnlichen Fest, wie sich die beiden heranbewegen an ihr Opfer, und dann völlig offen, kaltblütig und brutal zuschlagen. So sehr der Film ein Farbenmeer ist, so sehr ist er zugleich ein nachtdunkler, durch Schatten verhuschter Irrgarten des Diffusen. Nach dem Auftrag bleibt den beiden ein wenig Zeit, um die eigenen Familien besuchen zu können - neben etwas Geld die eigentliche Bezahlung ihres Jobs. Die Tochter des Protagonisten etwa denkt, er sei permanent auf Dienstreise unterwegs, und deswegen nie zuhause. Die Fassade kann zumindest halbwegs aufrecht erhalten werden.

Die Situation spitzt sich dann allerdings zu, als ein neuer Inspektor mit der Aufklärung der seltsamen Mordefälle beauftragt wird. Das ist der Sonnyboy und philippinische Mädchenschwarm Piolo Pascual, der mit seinem sympathischen Lächlen (oder einem nackten Oberkörper), Begeisterungsrufe im Publikum auszulösen versteht. Dieser stürzt sich hinein in das Geflecht des Syndikats, entdeckt die geheimen Verbindungen, die bis in die höchsten Spitzen der Politik reichen - wo er übrigens auch auf den eigenen Schwiegervater trifft. Damit bringt er eine Lawine ins Rollen, die ihn mitzureißen droht. Hier sind alle korrupt, das gesamte Gesellschaftssystem.

ON THE JOB ist enorm packend inszeniert - alleine die Verfolgungsjagden sind völlig überwältigend. Dazu passt ein hypnotischer, einfach gehaltener Score, der ständig unter der Oberfläche pulsiert wie ein riesiger, unsichtbarer Motor. Außerdem hat man es hier mit zwei unglaublich sympathischen Protagonisten zu tun, sowohl der Cop als auch der Verbrecher stehen in der Gunst gleichwertig nebeneinander. Und dies ist dann doch etwas ungewöhnlich, da die ansonsten klar definierte Linie zwischen Gut und Böse in ON THE JOB vollkommen aufgelöst ist. Da wundert es dann auch nicht mehr, wenn das Publikum auch bei gelungenen Mordaktionen begeistert Beifall klatscht. Wie auch beim Humor konnte man deutliche Unterschiede in der kulturellen Prägung wahrnehmen. Bei manchen Szenen habe ich nicht verstanden, warum meine philippinischen Nebensitzer in heiteres Gelächter ausgebrochen sind. Für europäische Augen war da nichts Lustiges zu erkennen. ON THE JOB ist schnell, hart, und gritty. Sein Ruf eilt ihm voraus, und das zurecht.

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

The Woman who wanted to Die / Segura magura: shinitai onna (Kôji Wakamatsu, Japan 1970)

Ein wahnsinnig schöner Film von Wakamatsu mit einem etwas verwickelten Plot: in einem tief verschneiten Provinznest verbringt ein beinah schon vermähltes Liebespaar ein paar gemeinsame Tage, doch reist ihnen der ehemalige Geliebte der Frau, ein heißblütiger Student, hinterher. Der befreundet sich, dort angekommen - überraschend und auch sexuell - mit einer älteren, reifen Frau, der Wirtin seines Gasthofes. Diese aber ist die ehemalige Geliebte seines Rivalen, des Mannes seiner Freundin. Damals liebten sich die beiden innig, aber ihre Liebe hatte keine Zukunft. Sie hatten sich dazu entschieden, den Doppelselbstmord aus Liebe   durchzuführen, was aber an der Willensstärke des Mannes gescheitert war, der sich, nachdem er die Frau mit einem Schwerthieb niedergestreckt hatte, nicht selbst töten konnte. Fortan quälte ihn die Gewissheit, seine große Liebe emordet zu haben, aber selbst zu feige gewesen zu sein. Die Frau jedoch überlebte schwerverletzt, zu einem Leben im Leid fern des Ge...

Wenn Kunst und Qual und Lust zusammen kommen ~ IREZUMI - The Spirit of Tattoo (Yoichi Takabayashi, Japan, 1982)

  Yuki no hana , Blumen des Schnees sind es, die auf perfekte Haut tätowiert werden; Abbildungen, die besonders gelingen, wenn beim Akt des Stechens die körperliche Ekstase einhergeht. In diesem Erotik-Drama, das die Kunst des Tätowierens vor allem auf seinen spirituellen Überbau hin abklopft, gerät das Leben einer Frau aus den Fugen. Die Erfahrungen, die sie macht, verändern sie über die Zeit völlig und so weiß am Anfang niemand, wo das enden wird - jedenfalls nicht dort, wo es die dominante Männergesellschaft vorgesehen hatte. Im Hintergrund lauert aber ein größeres Drama, das sich später enthüllt - und auch hier ist das Motiv der Schneeflocke zentral.  Hideo Fujii, ehemals Technik-Assistent bei Hideo Gosha und Nagisa Oshima ist Kameramann bei Yoichi Takabayashis IREZUMI (aus dem Jahr 1982 - nicht mit dem gleichnamigen Film von Yasuzo Masumura verwechseln), ist in IREZUMI für die Kamera verantwortlich. Die Bilder sind gelungen in ihrem manchmal etwas biederen Vers...

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...