Direkt zum Hauptbereich

Mahakaal / The Monster (Shyam & Tulsi Ramsay, Indien 1993)


Ein Monster mit Metall-Klauenhand und unbändger Mordlust dringt in die Träume der Studentin Anita (Archana Puran Singh) ein, terrorisiert sie und fügt ihr obskurerweise reale Verletzungen zu. Ein Beweis dafür, dass übersinnliche, übernatürliche Traumwelten über das reale Leben an Macht gewinnen. Auch ihre Freunde und sogar der hemdsärmelige Geliebte Prakash (Karan Shah) können der Heroine (die ein wenig wie eine indische Pam Grier aussieht) wenig helfen, ist sie in den besagten Momenten dem Monster doch völlig ausgeliefert und also wehrlos. Voller Panik irrt sie flüchtend durch lange unterirdische Gänge, stolpert durch nebelwallende Gefilde, verläuft sich in den Irrgärten opulenter Anwesen, fällt in Ohnmacht auf Friedhöfen und kerzenbeleuchteten Opferstätten, ja, sie versucht sogar, sich zur Wehr zu setzen. Doch gegen diesen Unhold, dieses Ungetüm ist kein Kraut gewachsen. Als ihre Freundin Seema schließlich ebenfalls in ihren Träumen von dem Monster heimgesucht wird, verfallen die Mädchen in kollektive Panik. Doch es ist bereits zu spät: kurz darauf wird Seema aus einem der Träume nicht mehr erwachen, das Tier hat sie geholt.

Aber nicht nur im Traum sind die Frauen Bestien und Grobianen ausgeliefert. Auch im normalen Leben haben sie es vor allem mit den Belästigungen durch nervige Mitstudenten oder mit Übergriffen von Perverslingen zu tun, die ihre sexuellen Gelüste notfalls mit Gewalt an ihnen zu stillen gedenken. Es finden sich einige Szenen im Film, in denen Anita und Seema in die Hände dieser marodierenden Banden fallen, und ihnen nur mit Glück, bzw. durch die Hilfe ihrer (männlichen) Freunde die Flucht gelingt. Die prügeln sich glücklicherweise, scheint's, besonders gern, und einer, der Kneipenbesitzer Canteen (!), der zugleich ein Michael Jackson-Impersonator ist (Johnny Lever), kann sogar Kung Fu. Anitas Vater hält von dem ganzen Quatsch nicht viel und weist sie hartherzig und mit autoritärer Strenge darauf hin, dass sie sich besser um ihr Studium kümmern soll, als mit den Jungs an den See zu fahren. Oder sich nachts von einem Untier überfallen zu lassen. Das Einfühlungsvermögen des Mannes ist nicht gerade verschwenderisch ausgeprägt.

Die Ramsay-Brüder haben mit diesem Film einen äußerst unterhaltsamen, wenn auch sehr debilen Trash-Film geschaffen, der keineswegs besonders gruslig oder gar schockierend wäre, sondern der viel eher einer Fahrt auf einer altbekannten, vielleicht etwas ausgeleierten Geisterbahn gleicht. Ein Film, der sich doch reichlich plump und überdeutlich bei den NIGHTMARE ON ELM STREET - Filmen bedient. Wiewohl die Figur des Unholds selbst eher einer Sparversion von Michael Myers aus HALLOWEEN gleicht. Aber dann plötzlich, wenn er sich erzürnt, verändert sich das Gesicht, wird faltig und narbig, wie eben das verbrannte von Freddy Krueger. MAHAKAAL geht hier allerdings mit einer Dreistigkeit vor, die man durchaus charmant finden kann. Und die Klauenhand, die kann auch als Handschuh gut fliegen bei Bedarf, und das Opfer in den Tod hinein würgen.

Gegner des Films sehen in ihm nichts als ein völlig gescheitertes und respektloses Remake eines amerikanischen Genreklassikers, und die Unbeholfenheit, mit der in MAHAKAAL von der Stimmungslage völlig verschiedene Szenen aneinandergekoppelt werden, als Beleidigung des guten Geschmacks - und den Beweis dafür, dass die Zeit der Ramsays als Götter im indischen Horrorolymp Anfang der 90er unweigerlich vorbei gewesen sei. Nun ja, es bleibt nun freilich immer noch die Möglichkeit, den Film als anarchische Groteske zu goutieren, und auf dieser Ebene funktioniert er in jedem Fall. Dass der Film offensichtlich ohne größeres Budget entstanden sein muss, hat ihm nicht wirklich geschadet. Es ist unfassbar toll anzuschauen, wie hier mit sehr viel Liebe zum Detail und Euphorie gearbeitet worden ist, um in quasi jeder Einstellung eine tolles, verqueres, schräges und überraschendes Bild herzustellen. Ohne Hemmungen wird hier überall geklaut (etwa auch bei den 36 KAMMERN DER SHAOLIN oder dem TODESNETZ DER GELBEN SPINNE), mit viel Trockeneis wird Atmosphäre generiert, und dann heißt es: Kreischen was das Zeug hält! Die Tonspur ist eine Delikatesse, da wird immerzu geklotzt und die Terrordissonanzen halten sich niemals zurück, soviel ist sicher. Ein paar gar nicht so üble Song & Dance-Szenen darf man dann völlig unvermittelt auch noch über sich ergehen lassen. Was besonders grotesk wirkt, etwa wenn am Strand plötzlich ein europäischer Softporno durchblitzt und sich die Kamera ungehemmt einem männlichen Blick andient, während es im nächsten Moment wieder voll in die Gruft geht und ein Hindu-Priester irgendetwas von vollendeten Kreisläufen, Familienerbe und Blutopfer brabbelt. Am Ende stellt sich dann heraus, dass der Herr Vater etwas mit der Angelegenheit zu tun hat - wer hätte das gedacht! Das ist toll, MAHAKAAL ist nochmal besser als der etwas wirre PURANI HAVELI, ein Geisterhausfilm und ebenfalls von den Ramsays, den ich hier bereits besprochen habe. Grotesk, ja, aber: sehr schön.

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...

The Warped Ones aka The Wild Love-Makers / Kyonetsu no kisetsu (Koreyoshi Kurahara, Japan 1960)

THE WARPED ONES ist die totale Tayozoku-Madness, ein Film über jugendliche Rebellen im Nachkriegsjapan: zwei "juvenile delinquents" kommen aus dem Gefängnis heraus und beginnen direkt mit ihrer Hatz auf Vergnügungen, auf Mädchen, Alkohol und Befriedigung der Primärbedürfnisse. Wenn die Strecke zu weit ist, klaut man eben kurz einen Wagen. Hat man Hunger, klaut man was am nächsten Straßenstand. Die Sonne brennt vom Himmel, der Schweiß steht auf der Stirn, der Jazzbeat treibt voran, die Artikulation geschieht hauptsächlich durch Grunzen, Brüllen, Knurren und sonstige animalische Laute. Wird gegessen, dann wird geschlungen. Gebratene Hühnchen werden zerrissen, Reis wird gestopft. Wasser wird aus der Kanne direkt in den Mund gegossen und läuft über den von Schweißtropfen perlenden, entblößten Körper. Dieser prototypische Suntribe-Film (die man als Vorläufer der "Neuen Welle" in Japan verstehen kann) ist ein einziger, rasender Exzess der Respektlosigkeit. Die beide...

Nippon Connection 2016: Oyster Factory / Kakikoba (Kazuhiro Soda, Japan 2015)

Der in New York lebende und aus Tokyo stammende japanische Dokumentarfilmer Kazuhiro Soda legt mit OYSTER FACTORY seinen neuesten Film vor: 2007 war er mit CAMPAIGN noch bei der Berlinale vertreten, weitere Filme liefen auf verschiedenen Festivals. Dieser ist nun der sechste Film in einer Reihe von Dokumentarfilmen, die Soda selbst in den Anfangstiteln als Serie durchnummeriert. Der Regisseur tritt zugleich als Produzent, Skriptwriter, Kameramann und Cutter auf. OYSTER FACTORY ist also ein Leidenschaftsprojekt, das mit wenigen Mitteln finanziert wurde und als Autorenkino durchgehen darf. Sein Platz im Programm der Reihe Nippon Visions ist also durchaus angemessen, obwohl Soda alles andere als ein Debutant ist. Und umso toller, dass er mein Eröffnungsfilm des Festivals war, denn dieser Film ist großartig. Es war ein wenig der Zufall, der mich in diesen Film trieb: Kiyoshi Kurosawas JOURNEY TO THE SHORE, der eigentliche Eröffnungsfilm des Festivals, war bereits rappelvoll, und ...