Direkt zum Hauptbereich

Rise of the Zombie (Devaki Singh & Luke Kenny, Indien 2013)


Es ist schon sehr spannend, wieviel schlechte Kritik dieses B-Movie in der Presse eingefahren hat. Dabei hat der Film sehr viel zu bieten und versucht aus seinen Schwächen, etwa vom niedrigen Budget herrührend, auf kreative Weise das Beste zu machen. Und das ist sympathisch und manchmal spannender als das, was üppig budgetierte Mainstreamer hinbekommen. Denn Rise of the Zombie unterläuft häufig die Erwartung des Zuschauers, wenn auch - zugegebenermaßen - nicht immer nur im positiven Sinne. Nur soviel zu Beginn: gefallen hat er mir letztlich ziemlich gut - trotz seiner offensichtlichen Schwächen.

Neil Parker ist ein passionierter Wildlife-Fotograf, der die meiste Zeit auf Reisen ist und seine privaten und sozialen Kontakte vernachlässigt. Auch seine Freundin bemängelt dies und droht ihm damit, ihn zu verlassen. Doch da ist Neil schon wieder beim nächsten Auftrag, in einem weit entlegenen Tal, wo er sein Zelt aufschlägt um seltene Tierarten, Flora und Fauna und Einsamkeit also, abzulichten. Dort führt er das Leben eines Einsiedlers und fühlt sich offensichtlich sehr am richtigen Platze. Als er beim Fotografieren aber eines Tags von einem Insekt gestochen wird und deser Tatsache, die sich bald in eine dicke Schwellung auswächst, keine Bedeutung schenkt, da beginnt er sich zu verändern. Er bekommt Halluzinationen, plötzliche Krämpfe und Schüttelfrost, Hunger auf Fleisch. Derweil frisst sich die Wunde den Arm hinauf und ergreift immer weiter Besitz von seinem Körper, bis Neil, einem Kannibalen gleich und wie in einem permanenten LSD-Rausch, lebende Tiere jagt und verspeist. Und bald sind es auch Menschen, die er, zufällig vorbeikommend, anfällt und verspeist. Neil verwandelt sich in einen delirierenden Zombie.

Rise of the Zombie ist unzweifelhaft der Film von Luke Kenny, der hier in Personalunion als Co-Regisseur, Hauptdarsteller und Produzent auftritt. Der Film allerdings braucht sehr lange, bis er zu seinem Thema findet, doch die gesamte Zeit ist Neil, also Kenny, das vornehmliche Interesse der Kamera. Und er macht seine Sache gut. Vor allem in den späteren Szenen, in denen er seinem Wahnsinn anheim fällt, driftet er ganz wunderbar hinein und wieder heraus aus den verschiedenen Stadien der Verwunderung, der Angst, des Wahnsinns, des Entrücktseins und des Außer-Sich-Seins. Da der Film nur mit seinem Setting und den wenigen Schauspielern auskommen muss, bleibt so ein Großteil am Schnitt, der Montage und insbesondere der Tonspur / der Musik hängen, die hier vor allem für eine dichte Atmosphäre sorgen. Und da werden dann auch keine Kompromisse eingegangen, da wird gecuttet was das Zeug hält und die Tonspur dröhnt so asozial alles zu, dass es ein Pracht ist. Dass der Film darüber hinaus aber dennoch an seinem schwachen Drehbuch leidet, ist unübersehbar. Denn ab dem Moment, in dem Neil sich verändert, hat der Film eigentlich nichts mehr zu erzählen. Neil verwandelt sich eben in immer krassere Stadien der Zombiefizierung hinein, einen eigentlichen Plot gibt es aber nun nicht mehr. Nur die Freundin und der beste Freund machen sich langsam Sorgen und brechen zu ihm auf. Doch da liegen schon die Leichen um das Zelt herum. Und plötzlich, nach 90 Minuten ist der Film dann auch vorbei - ohne zu seinem Ende gekommen zu sein. Teil 2 wird freilich angekündigt (mit dem Titel Land of the Zombie) und man wird den Eindruck nicht los, hier hat jemand eine Filmidee auf zwei ganze Spielfilme gestreckt. Schade, denn dadurch verspielt Rise of the Zombie ein wenig sein Potenzial - wobei seine gemächliche Entwicklung zugleich auch seine Stärke ist. Wie auch immer: ein sehenswerter Horrorflick.

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

I Am a Hero (Shinsuke Sato, Japan 2016)

Hideo Suzuki ist der Protagonist dieses Films und sein Vorname lässt sich in Kanji geschrieben wohl auch als Held lesen. Eine Tatsache, die der schüchterne Hideo verlegen weit von sich weist. Das sei er nämlich ganz sicher nicht. Vielmehr ist er, wie seine langjährige Freundin stets betont, vor allem ein richtiggehender Loser, der immer noch einem jahrzehntealten, realitätsfernen Jugendtraum nachhängt, ein echter Mangaka, ein Mangazeichner, zu werden. Nicht nur ein namenloser Assistent, der er nämlich ist. Der Filmtitel darf also getrost ironisch gelesen werden - und deutet doch darauf hin, dass mit seinem Protagonisten etwas passieren wird: ein Reifeprozeß, als es eben nicht mehr anders geht, als er dazu gezwungen wird, "seinen Mann zu stehen". Das muss er für seine Ersatzfamilie, eine Krankenschwester und das Schulmädchen Harumi, das sich zur Hälfte in einen Zombie verwandelt hat. Aber eben nur halb, und da sie sich kaum mehr richtig bewegen kann - dabei aber schubweise …

Eine Außenseiterbande stürzt ein Provinznest in Verwirrung ~ Naoko Ogigamis Komödie YOSHINO'S BARBER SHOP (Japan, 2004)

Bereits in Naoko Ogigamis Debüt-Film lassen sich viele Elemente finden, die sie in ihren späteren Filmen immer weiter ausgebaut und verfeinert hat. Alltagskomödien mit einem Schuss Quirkyness, die japanische Besonderheiten aufs Korn nehmen - so könnte man ihre Filme vielleicht ganz einfach umreißen. Hinter dieser scheinbar simplen Oberfläche aber lauert eine tiefere Schicht, eine größere Bedrohung: Einsamkeit, Verlorensein, an einem fremden Ort neu anfangen müssen (Expatriation), eine Familienkonstellation, die zerbrechlich ist. Die Bedrohungen von außen, durch die Gesellschaft. Hier, in YOSHINO, ist es vor allem die Gleichschaltung unter dem Deckmäntelchen der Kultur und Tradition, der sich Ogigami angenommen hat.
 Wer das Filmplakat studiert, sieht schnell, dass die Kinder alle denselben Haarschnitt tragen. Den bekommen sie freilich in YOSHINO'S BARBER SHOP von der resolut spielenden Masako Motai verpasst, die man aus eigentlich allen anderen Filmen der Regisseurin bereits ken…

Nippon Connection 2016: Oyster Factory / Kakikoba (Kazuhiro Soda, Japan 2015)

Der in New York lebende und aus Tokyo stammende japanische Dokumentarfilmer Kazuhiro Soda legt mit OYSTER FACTORY seinen neuesten Film vor: 2007 war er mit CAMPAIGN noch bei der Berlinale vertreten, weitere Filme liefen auf verschiedenen Festivals. Dieser ist nun der sechste Film in einer Reihe von Dokumentarfilmen, die Soda selbst in den Anfangstiteln als Serie durchnummeriert. Der Regisseur tritt zugleich als Produzent, Skriptwriter, Kameramann und Cutter auf. OYSTER FACTORY ist also ein Leidenschaftsprojekt, das mit wenigen Mitteln finanziert wurde und als Autorenkino durchgehen darf. Sein Platz im Programm der Reihe Nippon Visions ist also durchaus angemessen, obwohl Soda alles andere als ein Debutant ist. Und umso toller, dass er mein Eröffnungsfilm des Festivals war, denn dieser Film ist großartig.
Es war ein wenig der Zufall, der mich in diesen Film trieb: Kiyoshi Kurosawas JOURNEY TO THE SHORE, der eigentliche Eröffnungsfilm des Festivals, war bereits rappelvoll, und ich hatt…