Direkt zum Hauptbereich

Berlinale 2016: Wu Tu / My Land (Fan Jian, China 2015)


 In einem Vorort von Peking: auf einem schmalen Streifen Erdboden erwirtschaftet der Gemüsebauer Chen Jun sein Auskommen für sich und seine Familie. Außerdem, sozial veranlagt, betreibt er eine Telefon-Hotline für Wanderarbeiter, die sich mit ihren Sorgen an ihn wenden können. Doch dunkle Wolken brauen sich zusammen: die Gemeinde, auf deren Grund seine Hutong-Hütte steht, hat das Land an Investoren verkauft, die dort nun Wohntürme für Chinas rasant wachsende Mittelschicht bauen wollen. Die umliegenden Anwohner sind bald vertrieben, doch Chen Jun lässt sich nicht klein kriegen. Er wohne dort seit 20 Jahren, das sei nun sein Recht, das lasse er nicht mit sich machen. Fortan lebt er mit seiner Familie - jetzt ohne Wasser, ohne Strom, das wurde alles abgestellt - in einem Nagelhaus am Rande einer Großbaustelle. Und dann kommt auch noch ein zweites Kind - auf das sich alle freuen.

Dieser Film, aus der Sektion Panorama Dokumente, portraitiert mit schrottigsten Kameras und deshalb grobst-pixeligen Bildern den Lebensalltag dieser Familie aus Idealisten und Bürgerrechtlern (auch die Großeltern sind voll auf der Seite der Aktivisten), wie sie, mit großem Respekt vor dem Flecken Land, auf dem sie seit 20 Jahren leben, mit kritischem Blick gegen die scheinbar allmächtigen Kapitalisten vorgehen. Und sich nicht so einfach vertreiben lassen. Auch als die Ablösezahlungen irgendwann in Ordnung gehen, zu Beginn war die Summe lächerlich gering, sind sie nicht bereit, ihre Sachen zu packen. Da ist es schon lange eine Prinzipiensache geworden und man kann ihren aufrichtigen Kampf nur bewundern. Auch wenn man sich für sich selbst schon lange nicht mehr vorstellen kann, wie man es unter solch widrigen Bedingungen aushält. Alleine schon der permanente Baulärm muss schrecklich gewesen sein. 

Der pekinger Regisseur Fan Jian hat mit WU TU bereits seinen fünften Film gedreht. Davor haben es MANUFACTURING ROMANCE (ebenfalls 2015, ein Film über die oft problematischen Verhältnisse von Eheschließungen bei Wanderarbeitern) und DANCING IN THE CITY (2008), ebenfalls ein Film über chinesische Wanderarbeiter, zu breiterer Aufmerksamkeit geschafft, da sie auf größeren Festivals gelaufen sind. WU TU ist ein sehenswerter Film schon allein deshalb, weil er Fremdes nahebringt und soziales Unrecht in Perspektive rückt. Der Ansatz ist rein dokumentarischer Natur, die Erzählung chronologisch, ungeschönt, selektiv, subjektiv. Die andere Seite der kapitalistischen Investoren, die juristisch vermutlich sogar im Recht ist, kommt nicht zu Wort - der Kamera bleibt stets ganz eng bei der Familie von Chen Jun, und stellt so die soziale Menschlichkeit in den Blickpunkt des Films.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...

Two famous female writers from Japan: Yû Miri's 'Tokyo Ueno Station' & Hiromi Kawakami's 'People from my Neighbourhood'

TOKYO UENO STATION is not a straight narrative, but rather a quite experimental novel. As "the plot" unravels in flashbacks - by an obscure, already seemingly dead medium floating around Ueno park, the story of a life of hardship  is slowly being revealed. Of heavy labor, broken families, financial troubles and finally: homelessness. This is not the exotistic Japan you will find on a successful youtuber's channel. The events get illustrated by those of "greater dimensions", like the historical events around Ueno park hill during the Tokugawa period, the Great Kanto earthquake, the fire bombings at the end of WW II or the life of the Emperor. Quite often, Yû Miri uses methods of association, of glueing scraps and bits of pieces together in order to abstractly poetize the narrative flow . There are passages where ideas or narrative structures dominate the text, which only slowly floats back to its central plot. TOKYO UENO STATION is rather complex and surely is n...

Woman of the Lake / Onna no mizumi (Yoshishige Yoshida, Japan 1966)

Die schöne und unglücklich verheiratete Miyako (Mariko Okada) hat eine Affäre mit dem jungen Kitano (Tamotsu Hayakawa), mit dem sie sich tagsüber in Hotels im Stadtzentrum trifft. Ihr Gatte Yuzo (Shinsuke Ashida) scheint davon nichts mitzubekommen; er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann mit einer deutlich wertkonservativen Einstellung. An einer Stelle im Film sagt er einmal, eine gute Ehefrau sei leicht wie ein Lufthauch, man würde ihre Gegenwart niemals bemerken. Diese Ruhe ist nun bedroht, da Kitano von Miyako im Hotel erotische Nacktbilder gemacht hat, die Miyako dummerweise auf dem Heimweg vom Stelldichein in der Tasche mit dabei hat. In dieser Nacht wird sie von einem Unbekannten bedrängt - und sie wehrt sich mit der Tasche, worauf ihr der Mann sie entreißt. Am nächsten Tag bekommt sie einen Anruf von dem Erpresser, sie solle zu ihm in ein Seebad fahren, und das Geld für die Bilder mitbringen. Dass es dem Erpresser nicht nur ums Geld geht, ist Miyako klar, so gut kennt sie...