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Berlinale 2016: Creepy / クリーピー (Kiyoshi Kurosawa, Japan 2016)


 Nachdem sich Kiyoshi Kurosawa in seinem Science-Fiction-Film REAL sehr weit hinausgewagt hatte, kehrt er mit dem - im Nachhinein muss ich sagen: schon im Titel humoristisch anmutenden - Film CREEPY zurück. Ein Thriller, der zunächst ganz im japanischen Alltag angesiedelt ist und mit wohlbekannten Standardsituationen spielt: was geht beim merkwürdigen Nachbarn eigentlich vor, warum sieht man den nie, warum verhält der sich so komisch! Aber da eigentlich alle Nachbarn prinzipiell immer komisch sind, ist das vielleicht gar nicht merkwürdig? Takakura wundert sich, und auch seine Frau Yasuko, die sich alle Mühe gibt, frisch hierhin umgezogen, bei den neuen Nachbarn einen guten Eindruck zu hinterlassen, hat nach wenigen Versuchen Kontakte zu knüpfen, die Schnauze schon voll. Besonders der creepy-ge Nachbar Nishino, dessen Frau stets krank und damit unsichtbar scheint, der auch seinen Beruf nicht preisgeben will, ist gruselig. Als dann einmal plötzlich dessen Tochter Takakura steckt, sie sei gar nicht die Tochter und Nishino ein "fremder Mann", kommen Takakura ernste Zweifel, ob hier alles mit rechten Dingen zugeht. Der Film macht bald schon eine Schleife Richtung Vergangenheit: Takakura noch als Polizist, der sich immer zu sehr in seine Fälle reinhängt, und dabei rücksichtslos gegen sich selbst ist. Wie es der Zufall will, kommt er mit einem ehemaligen Kollegen in Kontakt, der einen alten Fall aufklären will, in dem eine Familie wie vom Erdboden verschwunden ist und nie wieder auftauchte. Als Takakura in Nachbar Nishinos Vergangenheit herumzuschnüffeln beginnt, erwacht der Gedanke, dass Nishino gar nicht derjenige ist, der er zu sein vorgibt. Vielleicht ist ja gerade er der mysteriöse Unbekannte, der Leichen in Plastiktüten einschweißt und irgendwo in leeren Häusern versteckt?

Was sich hier in der Zusammenfassung wie ein ordentlicher Ritt anhört, wird im Film sauber nach und nach entwickelt. Dieser hat, auch wenn er seine Überzogenheit gerne in Schabernack übersetzt, keine Probleme mit der Glaubwürdigkeit. Vor allem schon deshalb, da er immer mit der Groteske flirtet. Er weiß, er ist ein Genre-Film, der dieses nicht neu erfinden oder gar verkehren wird. CREEPY ist wie ein böser älterer Bruder, der sich immer etwas an die Seite stellt und wissend grinst, weil er schon genau weiß, was hier vor sich geht. Kurosawas Souveränität und Erfahrung zahlen sich dabei offensichtlich aus. Dass dann aus dem atmosphärischen Ermittlungsfilm tatsächlich noch eine rechte Blutschlacht wird, das scheint modernen Gesetzen des Filmemachens geschuldet zu sein. Die Drift ins Uferlose, wie man sie noch aus CURE oder aus KAIRO kennt und lieben gelernt hat, ver-realweltlicht sich in diesem Film zur Groteske, die sich vor allem in der Figur des Nishino manifestiert, der unbekümmert und dreist seinem Gewerke nachgeht. Ich vermute, das könnte einer der Kritikpunkte derjenigen sein, die diesen Film nicht so mochten, wie ich. Gerade dass Kurosawa in CREEPY nicht in das mythopoetische Reich der Schatten abdriftet, gibt dem Film seinen Biss. Sonst würde er nicht funktionieren. Es wäre eine allzu billige Ausflucht vor dem konkreten Horror des Alltags, der über die ganze erste Stunde des Films hin aufgebaut wird - und dessen realweltliche Verankerung durch nachprüfbare Tatsachen beglaubigt werden. Nicht nur die Ermittlungen der Polizisten gehören dazu, sondern auch Takakuras Lehrtätigkeit an der Universität, die den Studenten Grundlagen in das Profiling von Serientätern vermittelt.

Und dass Nishino (herrlich gespielt von Teruyuki Kagawa, aus TOKYO SONATA, RUROUNI KENSHIN und unzähligen japanischen TV-Serien) eben gerade keine typischen Merkmale eines Serienkillers aufweist, macht ihn so gefährlich - weil nicht bestimmbar. Zum Beispiel, auch da leistet sich der Film eine humorvolle Pointe, weil er immer so unfreundlich und grob zu Yasuko ist. Diese beschwert sich bei ihrem Mann, Nishino habe keine Manieren. Takakura meint daraufhin, das sei sogar ganz gut, weil Serienkiller erwiesenermaßen immer ganz besonders freundlich zu ihren Nachbarn wären. Von ihm drohe demnach also keinerlei Gefahr. Wie sehr er sich in Nishino täuscht, der Profiler-Experte, davon zeugt die zweite Hälfte dieses hochspannenden, unterhaltenden und schlicht großartigen Films. Er hätte auf den Wind achten sollen, der plötzlich durch die Bäume und Büsche fährt, als er den Vorgarten von Nishinos Haus betritt. Weniger Mörder fangen und mehr Filme gucken wäre in diesem Fall nützlicher gewesen. Nun denn: Erst THE SEVENTH CODE, dann REAL, und nun CREEPY - damit zementiert Kiyoshi Kurosawa seinen Status und beweist, dass auch sein aktuellstes Werk mit zum Interessantesten gehört, was momentan aus Japan kommt.

Michael Schleeh

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