Direkt zum Hauptbereich

Galaxy Turnpike (Koki Mitani, Japan 2016)

 

Es ist erstaunlich, wie harsch mancherorts die Kritik diesem Film gegenüber ausfällt. Dabei ist er doch nichts weiter, als eine harmlose Komödie. Eben auch nicht mehr, aber woher die Verärgerung? Vermutlich liegt das an einem aufgestauten Unbehagen dem Kino Koki Mitanis gegenüber, der sich schon immer nicht gerade zurückgehalten hat, wenn es um grenzwertigen over-the-top-Humor ging. Den gibt es hier freilich auch, klar, aber doch nicht in einem Ausmaße, als dass es besonders bemerkenswert wäre. Jedenfalls nicht schlimmer, als der amerikanische Hang zum flotten One-Liner oder die Albernheiten aus Hong Kong. Intensitätsgrade wie die ironischen Zynismen eines DEADPOOL aber sind (nur als Beispiel) meilenweit, bzw. hier: Lichtjahre weit entfernt. Da hält der Film immer noch toll die Balance und schubst sich nur in wenigen, ins Extrem gesteigerten Szenen über den Rand des Ufos. Das macht ihn dann alles in allem doch ziemlich erträglich, sogar erfreulich bisweilen. Das liegt aber auch am großartigen Cast, der hier versammelt wurde. Allen voran: Haruka Ayase, die auch in Hirokazu Kore-edas UNSERE KLEINE SCHWESTER (Review) irre toll gespielt hat. Jedoch: die Komödie, so wissen wir und wurde stets gelehrt, ist das schwierigste aller Filmgenres.

Im Jahr 2256 geht es dem intergalaktischen Diner 'Sandsand Burger 33' nicht besonders gut. Der neue angelegte Highway 246666, der die Erde mit einer Kolonie zwischen Jupiter und Saturn mit Hochgeschwindigkeit verbindet, hat dazu geführt, dass an dieser Ausfahrt kaum mehr einer hält. Sie stehen kurz vor dem Bankrott, und Geschäftsführer Noa (Shingo Katori) hat schon seine Rücktrittspapiere bei irgendeiner intergalaktischen Behörde eingereicht. Wenig freut sich darüber seine Gattin Noe (Haruka Ayase), die so wie sonst keine die leckeren Burger isst - und den Traum ihres Mannes nicht leichtfertig aufgeben will. Was immer das genau heißen soll: einen Plan hat sie auch erstmal noch nicht. 

Im Verlauf des Films spulen sich die Ereignisse nach dem immer gleichen Muster ab: ein neuer Kunde kommt herein und mischt den Betrieb auf. Allesamt sind es space aliens, die ganz verschiedene Eigenschaften und Features aufweisen. Was die dann immer genau sind, das gehört mit zur Entdeckungsfreude des Films, der wie eine Wunderkiste stets etwas neues Erstaunliches aus dem Hut zaubert. Dieser Hang zum Überraschenden, der auch gerne mal etwas drastischer ausfällt (da man sich ja fortwährend übertrumpfen muss), kann dann doch ziemlich auf die Nerven gehen. Oder ganz toll sein, so wie der florale Kopfschmuck von Noas Ex-Freundin Yuka. Das mit langer Zunge urplötzliche durchs Gesichtschlecken ihres Mannes ist dann weniger appetitlich, richtig eklig wird aber erst die Szene, in der er sich - wie jeden Monat - auf dem Fußboden häuten muss. Die Episode mit der Prostituierten aus dem All geht dann auch anders aus, als sich der Kunde das vorstellt. Nur soviel dazu.

Derlei Spektakel reihen sich in GALAXY TURNPIKE aneinander, und es ist wäre wohl ungehörig, diese hier weiter auszuführen. Das Entdecken dieser japanischen Verrücktheiten (ob alle Witzchen international zünden würden?), der Überraschungseffekt, macht einen großen Teil des Spaßes am Film aus, und die Details sollen also nicht weiter gespoilert werden. Wie in einer klassischen Komödie jedenfalls werden diese Ereignisse nicht entwickelt. Hier baut kaum etwas aufeinander auf, das Drehbuch ist doch recht uninspiriert, was das große Ganze angeht: den Film als Narration. Ermüdend wird es dann auch mit der Zeit, immer neue und weitere Szenen und Kuriositäten durchstehen zu müssen, in denen wieder etwas Skurriles geschieht. Vom Drehbuch her gedacht bleibt vieles singulär und damit: additiv und auf lange Sicht willkürlich. Der Aspekt der Screwball-Komödie, der dem Film innewohnt, wird nach und nach zu Comic-Sketch-Niveau herunter gedummt, das man derart auch in einer Late-Night-Show im Fernsehen würde sehen können. Das ist bedauerlich, steht jedoch auch exemplarisch für eine Herangehensweise ans Filmemachen, die dem Zuschauer im Kino gestattet, zwischendurch mal seinen Newsstream am Mobiltelefon zu checken, ohne gleich aus der Geschichte zu fliegen. Schade, dass der Film dann doch so belanglos geworden ist.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Nippon Connection 2016: Oyster Factory / Kakikoba (Kazuhiro Soda, Japan 2015)

Der in New York lebende und aus Tokyo stammende japanische Dokumentarfilmer Kazuhiro Soda legt mit OYSTER FACTORY seinen neuesten Film vor: 2007 war er mit CAMPAIGN noch bei der Berlinale vertreten, weitere Filme liefen auf verschiedenen Festivals. Dieser ist nun der sechste Film in einer Reihe von Dokumentarfilmen, die Soda selbst in den Anfangstiteln als Serie durchnummeriert. Der Regisseur tritt zugleich als Produzent, Skriptwriter, Kameramann und Cutter auf. OYSTER FACTORY ist also ein Leidenschaftsprojekt, das mit wenigen Mitteln finanziert wurde und als Autorenkino durchgehen darf. Sein Platz im Programm der Reihe Nippon Visions ist also durchaus angemessen, obwohl Soda alles andere als ein Debutant ist. Und umso toller, dass er mein Eröffnungsfilm des Festivals war, denn dieser Film ist großartig. Es war ein wenig der Zufall, der mich in diesen Film trieb: Kiyoshi Kurosawas JOURNEY TO THE SHORE, der eigentliche Eröffnungsfilm des Festivals, war bereits rappelvoll, und ...

Sleep Has Her House (Scott Barley, GB 2016)

"And the dark is always hungry." (Scott Barley) Scott Barley's apocalyptical drone-room of a film is a fascinating experience. Not only a film to watch, but definitely one to listen to, as the audio is almost as impressive as its pictures. Very often, the images are blurred in the beginning, but with the slightest movements of the camera, the picture does get clearer, more concrete, focused, but sometimes nothing happens at all, too. Nevertheless, the film feels very dynamic - it's a weird state of an inherent Bildspannung , a suspense (and tension that might rip apart) inside of the images themselves that keeps you totally immersed.  Static movement  of the camera might be the term of technique to describe the process of capturing those dreamlike images, which are almost incomprehensive at first, always hard to grasp. As there seems to be no plot, no dialogue, no actors, there are none of the usual narrative anchors that guide us through a film, or movie. O...

The Warped Ones aka The Wild Love-Makers / Kyonetsu no kisetsu (Koreyoshi Kurahara, Japan 1960)

THE WARPED ONES ist die totale Tayozoku-Madness, ein Film über jugendliche Rebellen im Nachkriegsjapan: zwei "juvenile delinquents" kommen aus dem Gefängnis heraus und beginnen direkt mit ihrer Hatz auf Vergnügungen, auf Mädchen, Alkohol und Befriedigung der Primärbedürfnisse. Wenn die Strecke zu weit ist, klaut man eben kurz einen Wagen. Hat man Hunger, klaut man was am nächsten Straßenstand. Die Sonne brennt vom Himmel, der Schweiß steht auf der Stirn, der Jazzbeat treibt voran, die Artikulation geschieht hauptsächlich durch Grunzen, Brüllen, Knurren und sonstige animalische Laute. Wird gegessen, dann wird geschlungen. Gebratene Hühnchen werden zerrissen, Reis wird gestopft. Wasser wird aus der Kanne direkt in den Mund gegossen und läuft über den von Schweißtropfen perlenden, entblößten Körper. Dieser prototypische Suntribe-Film (die man als Vorläufer der "Neuen Welle" in Japan verstehen kann) ist ein einziger, rasender Exzess der Respektlosigkeit. Die beide...