Direkt zum Hauptbereich

Kalicharan (Subhash Ghai, Indien 1976)


KALICHARAN ist ein Spektakel. Es geht vor allem um einen Gangster, der ein doppeltes Spiel spielt (Din Dayal aka LION) und den Polizeihauptmann Khanna, der den Taugenichts Kalicharan (Shatrughan Sinha) anheuert, weil er dem Elite-Polizisten Prabhakar ähnlich sieht. Und es gibt... sehr wenig Plot, der sich zu einer schlüssigen Handlung zusammenfassen ließe. Nun, es geht vor allem darum, mit Hilfe eines Gangsters einem Gangster das Handwerk zu legen. Auf seinem Weg erkennt Kalicharan noch den Killer Shetty, nun in Diensten LIONs, der vor langer Zeit einer der Vergewaltiger seiner Schwester war. Und er nimmt Rache.

Dem Film zu folgen ist zunächst ein recht schwieriges Unterfangen, da die Untertitel nicht gerade von einem Muttersprachler formuliert worden sind. Dass zwei Protagonisten auch noch Doppelrollen spielen, bzw. unter verschiedenen Pseudonymen auftreten, macht es nicht einfacher. Auch die Tatsache, dass eine stringente Handlungsentwicklung fehlt, hilft nicht gerade. Dennoch ist KALICHARAN ein enorm unterhaltsames Feuerwerk der absurden Ideen, voller kurioser Verfolgungsjagden, debiler Zweikämpfe, des absurden Humors, und: ja, der mitreissenden Songs.

Besonders erwähnenswert ist der hohe Sleaze-Anteil einiger Szenen. Etwa die Szene, in der Reena Roy auf eigene Faust sich in die Höhle des Löwen begibt um den Gangstern auf die Schliche zu kommen, und dann beinah vergewaltigt wird. Musik und Ausdruck, Schnitt, Montage sind bester Schlock mit langen Messern in den Händen toll geschminkter Wildcat-Frauen und einem Prabhakar, der urplötzlich wie aus dem Nichts auftaucht, um sie zu retten. Die anschließende Keilerei erinnert sehr an Saloonprügeleien in Westernfilmen, bei denen das gesamte Mobiliar zu Bruch geht. Prabhakar kämpft sogar mit seinem Ledergürtel, den er als Peitsche nutzt. Oder die Szene auf dem Marktplatz, in der er dem Vortstadtgangster Shaaka die Leviten liest. Dieser hat nur ein Bein, und als es zum Duell mit einem Dreizack (!) kommt, bindet sich Prabhakar mit einem Band selbst das Bein hoch, um keinen Vorteil zu haben.

Der Film hat Tempo und hohen Unterhaltungswert. Die 140minütige Spielzeit, die bei Bollywoodfilmen wohl üblich ist, ist zwar meine Sache nicht - doch muss ich gestehen, die Zeit verging wie im Fluge. Ob der Film Relevanz für die indische Filmgeschichte hat, kann ich nicht beurteilen. Man liest aber, er sei das gelungene und karrierebeflügelnde Regiedebut Subhash Ghais, der sich zu einem renommierten Regisseur entwickelt habe. Auch für die Darsteller Shatrughan Prasad Sinha (der heute Politik macht) und Reena Roy ist KALICHARAN wohl so etwas wie der Kickstarter ihrer Karriere gewesen.


In eigener Sache:

Wie man sich denken kann, habe ich bei der sogut wie nicht vorhandenen Postingfrequenz an indischen Filmen auf Schneeland keine Ahnung vom indischen Kino und seiner diversen Kinematographien. Das macht aber nichts, jeder fängt klein an (hier gibt es btw. einen Kurzkommentar zu Ram Gopal Varmas Gangsterfilm SARKAR, den ich sehr ordentlich fand. Gut gefallen hat mir auch Mani Ratnams BOMBAY, sowie der pakistanische ZINDA LAASH aka DRACULA IN PAKISTAN von Khwaja Sarfaz. Und auf dem Weg nach Hongkong letzten Herbst habe ich mir im Flugzeug Kiran Raos BOMBAY DIARIES angeschaut, der mit einer dichten Atmosphäre und guten Bildern zu überzeugen wußte). Bis auf diese wenigen Ausnahmen (und einen Abbruch von VON GANZEM HERZEN) bin ich völlig unbeleckt. Man verzeihe mir also bitte meine Unkenntnis - oder überlese einfach meine nun hoffentlich häufiger hier geposteten Beiträge zum indischen Kino.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Shinjuku Mad (Kôji Wakamatsu, Japan 1970)

Der Film beginnt wie ein jazziges Requiem: zu sowohl swingender wie melancholischer Musik läuft die Kamera (wie der Protagonist) durch die Straßen Shinjukus und überall liegen Leichen oder schwerverletzte Jugendliche herum. Ein Gefühl von Vergeblichkeit und Hoffnungslosigkeitg, von Entsetzen macht sich breit. In einem amerikanischen Film wäre das nun die Ausgangslage, und in einem Rückblick würde man sehen, wie es zu diesem Desaster gekommen ist. Nicht so bei Wakamatsu, der von seinen Zuschauern zu wissen erwarten kann, dass man es hier mit den Aufständen der Studenten zu tun hat, die Mitte und Ende der 60er gegen den Staat und das Militär die Stimme und auch ihre Fäuste erhoben, eine Gemeinschaft der Revolte, mit Splittergruppen der Japanischen Roten Armee, oder sonst einer radikalisierten linken Zelle. Vielleicht waren es aber auch nur Künstler oder Hippies, die hier ihr Leben lassen mussten. Vor diesem politischen Hintergrund spielt sich das persönliche Drama eines Vaters ab,...

Mad World - Hong Kong's entry for the foreign language Oscar (Wong Chun, 2016)

Wong Chun's debut feature film is not really part of the Hong Kong International Film Festival , but one I did see during my stay here at Mongkok's Broadway Circuit outlet as a regular screening on a sunday morning. It's a quiet and atmospheric film that is quite beautifully shot and extremely well acted by Eric Tsang (kudos!) and Shawn Yue, his son suffering from bipolar disease. It's a film about fatherhood and responsibilities, about getting old in financially difficult times. They both live in a shared flat with three other parties. No one seems to be able to pay rent anymore in Hong Kong. It's really depressing. Mad World is definitely worth watching, as it has been screened in Busan and in Toronto. It got mixed reviews overall, but I really don't understand why. There are no loose ends, the plot is fragmented with flashbacks to family history, but that always makes sense and adds to the depth of the characters. I really liked it and...

HKIFF 2017: VANITAS (Takuya Uchiyama, Japan 2016)

 Ein kleiner Independent-Film, der für den Fipresci-Preis nominiert war, ein Debüt-Film eines noch jungen, erst 24-jährigen Regisseurs. Ein dennoch souverän gemachtes, relativ stilles Alltagsdrama über vier neue Schüler an einem College in einer Provinzstadt. Man freundet sich an, erlebt gemeinsam ein paar Sachen, Krisen und den üblichen Alltagskram - nur um am Ende herauszufinden, dass man sich doch gar nicht so gut kannte, wie man zunächst vermutet hatte. Der Film endet dann auch in der Tragödie.  Und so geht es in diesem Film mit seinen vier sympathischen Schauspielern letztendlich darum, wie einsam und zurückgezogen - trotz aller Freundschaft - jeder ist, wie diese individualisierte Gesellschaft heute funktioniert. Die japanische Gemeinschaft funktioniert deshalb so gut, da jeder seine eigene Individualität wegsperrt, niemals herauslässt. Denn wirklich kennen tut sich hier keiner, die vier Freunde sind sich fremde Freunde . Besonders markant ist das bei einem der J...