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Shichinin no Samurai / Seven Samurai (Akira Kurosawa, Japan 1954)


Japan, 1587: ein kleines Bauerndorf wird regelmäßig jedes Jahr nach der Ernte von einer skrupellosen Räuberbande überfallen, die in ihrem Terror nicht nur die Lebensmittelvorräte entwendet, sondern auch junge Frauen und Mädchen entführt, um sie zu Versklaven und nach Gutdünken zu mißbrauchen. Auch der eine oder andere Bauer muss bei diesen Attacken sein Leben lassen. Die Farmer sind mittlerweile dermaßen eingeschüchtert, dass an eine Gegenwehr nicht mehr zu denken ist. Doch ein paar wackere Gesellen setzen sich schließlich gegen die alle Dörfler lähmende Angst durch, und nachdem sie den weisen Dorfältesten um Rat angesucht haben, reisen sie in die nächste Stadt um Samuraikrieger für ihre Sache anzuheuern. Sie sollen ihnen bei der diesjährigen Ernte gegen die Banditen Schutz gewähren. Verarmte, hungrige und herrenlose Samurai gibt es zuhauf, doch haben die Dorfbewohner fast nichts zu bieten: drei Reismahlzeiten am Tag, ein Dach über dem Kopf und einen Kampf gegen eine Übermacht, der kaum zu gewinnen ist. Ein beinah aussichtsloses Unterfangen...

DIE SIEBEN SAMURAI wird von der Filmgeschichtsschreibung oft als einflussreichster japanischer Film im Westen ausgewiesen und mit Superlativen überhäuft (und das, obwohl in Europa lange Zeit nur die arg zugerichtete, in zwei Etappen gekürzte Fassung zu sehen war). Mir persönlich widerstrebt es sehr in solch einhellige Lobgesänge einzustimmen, doch kann ich in diesem Fall ebenfalls nur meine Begeisterung kundtun: SHICHININ NO SAMURAI ist ein monumentaler, bildgewaltiger, epischer Klassiker. Ein Meisterwerk, das auch gerade wegen seiner enormen Länge in jeder Szene zu überzeugen weiß (Dank weltweit bestellbarer DVD-Editionen ist problemlos die originale 220minütige Fassung greifbar - die mir hier auch zur Sichtung vorliegt), das Dank des hohen Tempos und der Montagetechniken immer spannend und kurzweilig ist: also den Zuschauer fesselt - und das außerdem eine ganze Fülle universeller, moralischer und gesellschaftskritischer Themen verhandelt.

Da ich im Jahr 2010 bereits systematisch Kurosawas Frühwerk abgearbeitet hatte, gelange ich nun zu den  Filmen der mittleren Werkphase mit den bei uns wesentlich bekannteren Filmen, die gemeinhin als seine Hauptwerke gelten (RASHOMON und IKIRU sind freilich ebenfalls dazu zu zählen). Allerdings - man muss es leider konstatieren - scheint sich das Interesse bei der Leserschaft Kurosawa gegenüber in Grenzen zu halten. Selten gingen die Klickzahlen auf diesem Blog so sehr nach unten, wie bei der hier begonnenen Kurosawa-Retrospektive. Man kann es aber auch niemandem verdenken - noch mehr Kurosawa im bereits üppig bearbeiteten Felde! Es wird hier also immer mal wieder einen weiteren Kurosawa geben, in loser, sukzessiv historischer Folge. Genauso werden sich die Einträge eher auf einzelne Aspekte der Filme konzenrieren. Denn extensive Abhandlungen gibt es ja beileibe genug, und ich habe keinerlei Ambitionen, diese hochkomplexen Filme umfassend zu besprechen. Da fehlt mir die Kompetenz, die Ausdauer und schlicht auch die Zeit dafür. Ganz abgesehen vor der enormen Hemmschwelle, sich diesen Filmen textlich überhaupt zu nähern.

Doch zurück zum Film: Dieser zerfällt in zwei beinahe gleich große Hälften, die von einer Intermission separiert werden (man könnte ihn aber auch ebensogut in drei Akte teilen), die wohl der Lauflänge geschuldet ist. Im ersten Teil geht es um den Auszug der Bauern und ihren schweren Stand in der Stadt, die Anheuerung der Samurai - was bereits das erste Abenteuer darstellt. Als der zusammengewürfelte Haufen gefunden ist, treffen sie im Dorf ein und werden zunächst sehr zurückhaltend empfangen. Man beginnt mit der strategischen Planung. Der zweite Teil beginnt mit der Ernte, geht zu den Befestigungsarbeiten über und kommt schließlich zum Höhepunkt des Films, dem Angriff auf das Dorf und der Abwehr der Räuberbande.

In Kurosawas Frühwerk sind die moralischen Kategorien gut/böse häufig sehr eindeutig einzelnen Figuren zugeordnet; und die Handlung ist meist sehr funktional gehalten; sie etabliert diese Apekte und bekräftigt sie. In RASHOMON wurde gerade dieses Prinzip völlig aufgegeben und zur Diskussion gestellt. IKIRU schien mir dahingehend ein Rückschritt zu sein, wenngleich die Positionen in der zweiten Filmhälfte in der Totenwache ausdiskutiert werden. In DIE SIEBEN SAMURAI jedoch wird diese Zuschreibung dezidiert zum Thema gemacht - in einer großartigen Szene, einem atemlosen Monolog Kikuchiyos (Toshiro Mifune), der mit seiner Bauernschläue den Samurai die Leviten liest. Denn diese tendieren dazu, die Bauern zu idealisieren (übrigens ganz wie der Zuschauer). Ohnmächtig gegenüber der ungerechten Gewalt, arbeitsam und genügsam, buckeln sie sich in freier Natur durch ihr Leben, haben nie genug für ein komfortables Dasein und immer zuviel zum Sterben. Unschuldig, gut, und ein hartes Los. Doch die Situation droht zu eskalieren, als von Kikuchiyo eine alte Samurairüstung in einer Hütte gefunden wird. Da dämmert den Mannen, dass hier entweder Leichenfledderei an Standesgleichen betrieben wurde, oder schlimmer noch, durchziehende Kämpfer von den Bauern gemeuchelt wurden (ein Thema, das zehn Jahre später auf schockierende Weise in Kaneto Shindos wundervollem ONIBABA (1964) wieder aufgegriffen wird). Kikuchiyo, der Möchtegernsamurai und Bauernsohn, berichtet daraufhin, die Naivität der Samurai verspottend, in einem langen Monolog (es ist ein der großen Szenen für Mifune in diesem Film) von der Niedertracht der Bauern, ihrer egoistischen, kleingeistigen Habgierigkeit - und davon, wie sie ihre Schätze zu verbergen und zu verstecken wissen:

"What do you think farmers are? Saints? They are the most cunning and untrustworthy animals on earth. If you ask them for rice, they'll say they have none. But they have. They have everything. [...] They are full of lies. When they smell a battle they make themselves bamboo spears. And then they hunt. But they hunt the wounded and the defeated." 

Und wie um es zu bestätigen, wird in der Nacht vor dem Kampf tatsächlich kollektiv ein großes Fass Sake getrunken. Dass an unbekanntem Ort noch mehr davon lagert - und derer Schätze mehr -, dürfte nun allen bestätigt worden sein. Und es ist dann Kambei Shimadas (Takashi Shimuras) weiser Autorität zuzuschreiben, dass die aufgebrachten Samurai gebändigt und zur Disziplin gerufen werden können und nicht selbst ein Massaker unter den gar nicht so armen und wehrlosen Bauern anrichten.

So ist die Darstellung und die Problematisierung des disparaten Nebeneinanders von Gut und Böse sicherlich einer der Aspekte des "universell Menschlichen" bei Kurosawa; dass eben eine eindimensionale Zuschreibung eine unzulässige Verkürzung ist; dass sich gerade in ihrer unperfekten Art die Menschlichkeit offenbart und dass es genau diese Diskrepanz ist, die sie zu den Menschen macht, die sowohl liebenswürdig, als auch zugleich hassenswert sind. Dies zu akzeptieren und zu umarmen, auch um den Preis des persönlichen Nachteils, das ist die Lektion, die die wenigen überlebenden Samurai bei dieser Aventiure lernen, und eine Erkenntnis, die Kambei Shimada schließlich weiser, stärker und erfahrener macht. Die Räuberbande wurde zwar abgewehrt - doch um welchen Preis? Vier große Grabhügel mit eingesteckten Schwertern zählt man auf der Anhöhe. Nur: sind die Bauern die Guten, für die es sich zu sterben lohnte? Oder hat man lediglich einem abstrakten Gerechtigkeitsprinzip hinterhergejagt? Die weiterziehenden Samurai verlassen das Dorf beinahe unbemerkt von den schon wieder ganz mit sich selbst beschäftigten Bauern. Man hat den Eindruck, sie sind dort bereits nicht mehr erwünscht...

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