Direkt zum Hauptbereich

Purani Haveli (Shyam & Tulsi Ramsay, Indien 1989)


Zwischen Anita (Amita Nangia) und Sunil (Deepak Parashar) kommt es zu einer nicht standesgemäßen Liebschaft - die gutsituierte Familie Anitas ist entsetzt über die Romanze ihrer Tochter, zumal sie die junge Frau bereits einem ekelhaften schnauzbärtigen Onkel versprochen haben, der gerne blaue Kunstfaserblousons trägt. Bei einer Ausfahrt zum neu angekauften Anwesen wird Sunil aber heimlich eingeschleust, sodaß das Liebespaar dennoch ein paar schöne Stunden miteinander verbringen kann. Sie haben allerdings nicht damit gerechnet, dass das Haus verflucht und im Keller eine Bestie eingesperrt ist, der es nach Menschenfleisch dürstet (siehe der Unhold auf der Plakatabbildung oben links). Einmal freigelassen, stolpert das Untier ungeschickt durch die Gegend, doch da den Bedrohten die Angst in die Knochen fährt, können sie sich noch schlechter bewegen als dieses und werden so nach und nach Opfer der mordenden Bestie. Diese schreit aber auch wirklich fürchterlich.

Wie es im Horrorfilm dieser Provenienz anscheinend üblich ist, macht der Plot nicht nur einige deutliche Schlenker, nein, bisweilen driftet er auch mal völlig ab. Etwa wenn es um die Verfolgung Sunils geht, oder die frühzeitige Beischlaferzwingung der Verlobten. Da befinden wir uns plötzlich mitten in einem wüsten Bandenfilm mit Schlägereien, halbnackten Damen, und schlecht gekleideten Aushilfsprüglern. Der Sleaze tropft von der Decke. Da wird die Musik auch mal funkig, die sich ansonsten - ein irrer Score! - hauptsächlich aus dissonanten Kakophonien zusammensetzt, derart schrägen Tonmixturen, dass es einem in die Hirnrinde fährt. Begleitet freilich von stetem Donnerngrollen, Gewittereruptionen und Blitzeflackern (dieselbe Außenaufnahme des Ghost Mansions wird unzählige Male im Film wiederholt, zumeist beim Einsetzen eines neuen "Kapitels"). Was man außerdem mitbekommt: in Indien herrscht häufig die berüchtigte Tag- und Nachtgleiche. Da hätte man die häßliche rot-quadratische Taschenlampe auch zuhause lassen können. Aber: PURANI HAVELI ist ein irres Qualitätsprodukt aus dem Hause der Ramsay-Brothers! Nicht nur, aber eben auch hier, schlagen die niedrigen Budgets des familiär geführten Produktionsteams durch: "Night-time shooting was still a problem to the Ramsays [...]" schreibt Kartik Nair zum Ramsay-Hit PURANA MANDIR aus dem Jahr 1984 - und das ist wohl so geblieben.

Die Ramsays sind eine filmbegeisterte Großfamilie, die die Filmindustrie Mumbais mit ihren aus Begeisterung geborenen Billigproduktionen torpedierten und die trotz niedrigster Produktionsstandards und tiefstem Niveau auch in den Kinos große Erfolge feierten. Eingebunden war die ganze Familie, wie man bereits beim Regisseursduo im Titel sehen kann. Noch einmal Kartik Nair:

"Every few months over the next two decades [ab Mitte der Siebziger], cast and crew alike would be packed into buses and transported to the outskirts of Bombay for filming. Here, brothers Shyam and Tulsi Ramsay would dispatch directorial duties; brother Kumar would write the scenes while brother Gangu would lens them; Kiran Ramsay was usually in charge of sound and Arjun in charge of production; meanwhile, Mother Ramsay would cook for everyone."

Das lesenswerte Essay von Kartik Nair - nicht nur zu den Filmen der Ramsays, sondern auch zur Rezeption derselben, zur indischen Kinostruktur und dem Horrorfilm in Bollywood - ist hier als pdf zu finden. Der Film selbst ist momentan als DVD-Version OOP, ob die verfügbare VCD allerdings Untertitel hat, ist mir leider nicht bekannt. 

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

HKIFF 2013: A Story of Yonosuke (Shuichi Okita, Japan 2012)

Mitte der 80er kommt der junge Yonosuke nach Tokyo um dort zu studieren. Er ist eine ziemlich schräge Gestalt: groß gewachsen, Wuschelhaare, er hat einen ungewöhnlichen Humor und hat einen einnehmend, offenen Charakter. Einer der zugleich irgendwie schräg ist, rausfällt. 16 Jahre später erinnern sich verschiedene Personen, die alle seine Bekanntschaft gemacht hatten, an ihn, und in übergangslos montierten Rückblicken findet der Film - durch seine unterschiedlichen Perspektiven - neue Blickwinkel auf die Person Yonosukes. Hierfür gibt es auch einen Anlaß, der teilt sich aber erst ganz am Ende des Films mit. Dieser Film, eigentlich eine coming-of-age-Geschichte, ist voller origineller Einfälle, von lautem und leisem Witz, immer durchzogen von einer Spur Ironie und Humor. A STORY OF YONOSUKE ist trotz seiner 160 Minuten extrem kurzweilig, und hat eine völlig ungewöhnliche Narration. Beim ersten Einschub eines sozusagen "zukünftigen Flashbacks", denn die Zeit der Haupthan...

The Warped Ones aka The Wild Love-Makers / Kyonetsu no kisetsu (Koreyoshi Kurahara, Japan 1960)

THE WARPED ONES ist die totale Tayozoku-Madness, ein Film über jugendliche Rebellen im Nachkriegsjapan: zwei "juvenile delinquents" kommen aus dem Gefängnis heraus und beginnen direkt mit ihrer Hatz auf Vergnügungen, auf Mädchen, Alkohol und Befriedigung der Primärbedürfnisse. Wenn die Strecke zu weit ist, klaut man eben kurz einen Wagen. Hat man Hunger, klaut man was am nächsten Straßenstand. Die Sonne brennt vom Himmel, der Schweiß steht auf der Stirn, der Jazzbeat treibt voran, die Artikulation geschieht hauptsächlich durch Grunzen, Brüllen, Knurren und sonstige animalische Laute. Wird gegessen, dann wird geschlungen. Gebratene Hühnchen werden zerrissen, Reis wird gestopft. Wasser wird aus der Kanne direkt in den Mund gegossen und läuft über den von Schweißtropfen perlenden, entblößten Körper. Dieser prototypische Suntribe-Film (die man als Vorläufer der "Neuen Welle" in Japan verstehen kann) ist ein einziger, rasender Exzess der Respektlosigkeit. Die beide...

Nippon Connection 2016: Being Good (Mipo O, Japan 2015)

Die koreanisch-stämmige Japanerin Mipo O verbindet in BEING GOOD drei Erzählfäden zu einem Pastiche des alltäglichen Schreckens: versteckte, häusliche Gewalt gegenüber Kindern ist das Thema des engagierten Films. Dass auch in ihrem aktuellen Film die Sozialkritik im Mittelpunkt steht, konnte man sich schon denken, wenn man an ihren Film THE LIGHT SHINES ONLY THERE zurückdenkt, der nicht nur international erfolgreich war (Filmfestivals, Auslands-Oscar-Beitrag 2014), sondern auch auf Platz 1 des jährlichen Filmrankings der renommierten Filmzeitschrift Kinema Junpo landete. Und so denn auch hier: ein Sozialdrama, das emotional vernichtend sich ins Herz des Zuschauers schleicht, ohne dabei in Kitsch abzurutschen oder sich seine Prämisse allzu deutlich auf die Fahne zu schreiben. Es ist ein Film, der an die Substanz geht. Dabei beginnt der Film recht drastisch: schon in den ersten Minuten wird ein kleines Mädchen von der kaltherzigen Mutter im Wohnzimmer verdroschen, dass sie blaue...