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Gandu (Kaushik Mukherjee aka. Q, Indien 2010)


Gandu erzählt keine Geschichte. Es sind zerrissene Fetzen, Ausschnitte, Fragmente eines Lebens in Hinterhöfen, die in unsere Richtung explodieren. Der Film ist ein Aufschrei (auch gegen ein stromlinienförmiges Bollywood), ein ungebändigtes bengalisches Energiebündel, das sich an keine Regeln hält - und schon deswegen gegen die althergebrachten Konventionen der filmischen Narration verstößt.

Gandu heißt Wichser, Arschloch, Depp. Und der Protagonist des Films trägt diesen Titel, der ihm von den anderen verliehen wird, irgendwann mit Würde. Er konstruiert eine Persona um ihn, den Sänger und Rapper der Punkband, den Typen auf Drogen, der sein G an die Hauswände taggt. Er lebt in den Tag hinein, betäubt den Hass auf die Welt und die Angst vor der ungesicherten Zukunft mit allem, das berauscht. Irgendwann lernt er, wie in einem Liebesfilm, durch einen Crash Rikshah kennen. Ein Junge, der so heißt wie das, was er macht. Er fährt eine Rikscha. Mit Bruce Lee drauf, seinem Helden. Und abends macht er Kung Fu-Training, bevor er dann mit Gandu herumzieht und irgendwann Heroin zu rauchen beginnt.

GANDU ist eine Attacke auf den bürgerlichen Geschmack. Er ist laut, ruppig, digital. Schwarzweiße Tristesse, Sex in echt als Pornographie, oder eben als Realität, die nicht die Augen verspießert abwendet, wenn der Schwanz aus der Hose kommt. Die lose Folge der einzelnen Sequenzen ergeben erst mit der Zeit ein lesbares Bild, ständig torpediert mit dem Hineingrätschen des Experimentellen. Schon am Anfang die Splitscreens mit mehreren Kadern und den durchrollenden Texten, den arrangierten Textfetzen. Plötzlich, nach einer Stunde, rollen die Abspanntitel quer durchs Bild. Aber der Film geht noch 25 Minuten weiter. Plötzlich taucht der tatsächliche Regisseur im Film auf und im Schuß-Gegenschuß sieht man die Kamera der eigentlich diegetischen Welt. Dann eine Farbenattacke, als sich Gandu mit der Rothaarigen einlässt, die ihn ranlässt. Und sie packt den Schwanz, bläst ihm einen, die Kamera nimmt das alles mit, es ist eben irgendwie so, wenn man Sex macht. Danach geht man einen Rauchen und wird von den Halluzinationen weggeballert, die mit zum Schönsten an Trips gehören, die ich seit einiger Zeit gesehen habe.

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Der Film kommt von Bildstörung. In hervorragender Qualität (+ Soundtrack-CD in den limitierten Editionen) und mit informativen Texten von Jochen Werner und Martin Gobbin.

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