Direkt zum Hauptbereich

Nippon Connection 2016: Lowlife Love (Eiji Uchida, Japan 2015)

 

Der Independent-Regisseur - das unbekannte Wesen. Von uns Zuschauern hoch verehrt, denn er ist der letzte unbürgerliche Fackelträger der reinen Kunst. So könnte man denken, wenn man naiv an die Sache rangeht. Und Uchida und mit ihm sein großartiger Hauptdarsteller, der ungemein sympathische Kiyohiko Shibukawa, haben nichts besseres zu tun, als uns diese romantische Vorstellung vom wahren Künstler, der an nichts als der radikalen Realisierung seiner Vision interessiert ist, um die Ohren zu schlagen. In Japan wurde der Film hart kritisiert - von innerhalb des Filmbusiness. Ganz einfach deshalb, weil er eine richtige Pestpocke ist, ein Nestbeschmutzer par excellence.

Denn obwohl Indie-Talent Tetsuo vor Jahren mal einen viel diskutierten Film gemacht hat, ist seitdem nichts mehr so richtig zustande gekommen. Oder, um mit der Wahrheit herauszurücken: er ist ein vollkommener Hedonist und Loser, der nur an seinem persönlichen Vorteil interessiert ist. Und dafür ist ihm jede Grenzüberschreitung recht. Er wohnt nur zuhause bei Mutti, leiht sich überall Geld, hält sich mit Porno-Produktionen über Wasser, und beutet seine Schauspieler aus. Seine körperlichen Übergriffe geraten durchaus auch mal in den Bereich der versuchten Vergewaltigung. Er ist dreist, arrogant, ungepflegt. Aber er geht durch den Tag mit einer Chuzpe, die ihm eine Aura der Autorität und Unverwundbarkeit verleiht - welche er freilich gnadenlos ausnutzt. Im Film geht es nun darum, wie er nach dem Casting für sein jüngstes Projekt eine weitere Darstellerin verführen möchte - und diese das nicht zulässt. Und je mehr sie sich verweigert, desto mehr steigert er sich in seine Besitzphantasien hinein. Dafür lässt er sogar die Freundschaft zu seinem "Produzenten" draufgehen, mit dem er die Pornofilme dreht und der in ihn  verliebt ist. Es ist ein heilloses Durcheinander, ein Schlamassel der Eitel- und Abhängigkeiten, in das uns Uchida und sein Produzent Adam Torel von Third Window Films führt. Dieser hatte seine private Schallplattensammlung verkauft, um diese bittere Komödie finanziert zu bekommen. Es ist eine schmutzige Welt von Sex, Ausbeutung und Alkoholexzessen. Es ist die Welt des Independent-Films in Japan.

Oder beinahe. So zumindest die beiden Inszenatoren dieses Films, die beim Q&A auf der Bühne nicht müde werden zu behaupten, dass es solche gnadenlosen Gestalten im Filmbusiness gibt. Wie auch immer, das spielt erstmal für den Film selbst keine Rolle. Dass sich Schauspieler einem Regisseur durchaus mal an den Hals schmeißen, ist wohl bekannt und ausgiebig dokumentiert. Aber dieser nihilistische Blick "hinter die Kulissen" schlachtet schon ein wenig die heilige Kuh dessen, was man immer für hoch und heilig gehalten hatte. Und das ausgesprochen gut gelaunt und kurzweilig. Die Fährnisse dieses "sexbesessenen Kotzbrockens" (Zitat Programmhaft) sind temporeich inszeniert, relativ explizit, körperbetont, und eine wunderbare Gelegenheit, mal durch die schmierigen Seitengassen des ansonsten auf glitzerne Lackfassaden abonnierten Gewerbes nachzugehen. LOWLIFE LOVE ist ein Highlight des Festivals - und wenn dann noch ein Schauspieler wie Denden als abgehalfterter Pinku-Regisseur in einem ausgedehnten Cameo auftritt, dann weiß man, dass man hier nichts falsch machen kann.

Michael Schleeh

***
 

Beliebte Posts aus diesem Blog

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...

Drug War / Du zhan (Johnnie To, China/Hongkong 2012)

Viel Aufhebens wird gemacht um Johnnie Tos "erste" Mainland-Action-Produktion (obwohl der Film durchaus HK-co-produziert ist und auch teilweise in Hong Kong selbst spielt, die zweite Hauptfigur Honk Kong-Superstar Louis Koo ist und To die Romcom DON'T GO BREAKING MY HEART (2011) ebenfalls schon in China drehte) - und damit soll einerseits darauf abgehoben werden, dass das Filmemachen in Hong Kong (wieder mal) in einer Krise stecke, und andererseits der chinesische (Absatz-) Markt, alles dominierend, die habgierigen Krallen ausstreckt. Und in gewisser Weise sind die Befürchtungen auch berechtigt, denn was wird aus dem "unabhängigen" Filmland Hong Kong, wenn sogar schon Johnnie To, eine Ikone der Stadt, seine Filme nach den zensurkonformen Mainlandbedingungen ausrichtet! Aber man darf sich beruhigen: DRUG WAR ist ein echtes Johnnie To-Brett geworden. DRUG WAR wird dominiert von formalen Strukturen, die über zwei Knotenpunkte die Entwicklung des Films steue...