Direkt zum Hauptbereich

Nippon Connection 2016: Oyster Factory / Kakikoba (Kazuhiro Soda, Japan 2015)


Der in New York lebende und aus Tokyo stammende japanische Dokumentarfilmer Kazuhiro Soda legt mit OYSTER FACTORY seinen neuesten Film vor: 2007 war er mit CAMPAIGN noch bei der Berlinale vertreten, weitere Filme liefen auf verschiedenen Festivals. Dieser ist nun der sechste Film in einer Reihe von Dokumentarfilmen, die Soda selbst in den Anfangstiteln als Serie durchnummeriert. Der Regisseur tritt zugleich als Produzent, Skriptwriter, Kameramann und Cutter auf. OYSTER FACTORY ist also ein Leidenschaftsprojekt, das mit wenigen Mitteln finanziert wurde und als Autorenkino durchgehen darf. Sein Platz im Programm der Reihe Nippon Visions ist also durchaus angemessen, obwohl Soda alles andere als ein Debutant ist. Und umso toller, dass er mein Eröffnungsfilm des Festivals war, denn dieser Film ist großartig.

Es war ein wenig der Zufall, der mich in diesen Film trieb: Kiyoshi Kurosawas JOURNEY TO THE SHORE, der eigentliche Eröffnungsfilm des Festivals, war bereits rappelvoll, und ich hatte ihn sowieso bereits gesehen (große Empfehlung, Review). Zeitgleich startete nun allerdings OYSTER FACTORY im etwas kleineren Kino in der Naxoshalle, und die Anwesenden schienen allesamt von ihm fasziniert zu sein. Zumindest verließ kein einziger Zuschauer bei zweieinhalb Stunden Laufzeit den Saal. Bei einem überlangen Dokumentarfilm über industrialisierte Austernzucht in der Inlandsee keine Selbstverständlichkeit. Dieser Film ist - neben seinen offensichtlichen Attraktionen wie der idyllischen Naturschönheit - vor allem enorm kurzweilig. Soda portraitiert drei Familienunternehmen, wie sie ihrem entbehrungsreichen Arbeitsalltag in der kleinen Hafenstadt Ushimado nachgehen. Einer der sympathischen Protagonisten ist dabei selbst ein Flüchtling. Er stammt aus Miyagi und ist ein Vertriebener des Tsunamis von 2011 und der radioaktiven Strahlungsbelastung von Fukushima. Seiner Familie, insbesondere seinen drei Töchtern, die immer wie verrückt und nebenbei durch den Film sich balgen, spielen und tollen, wollte er dieses Schicksal, die mögliche Strahlenkrankheit, ersparen. Als Austernfischer übernimmt er den Betrieb seines ehemaligen Arbeitgebers. 

Da sich aber nun für diesen knochenharten Job keinen Nachwuchs findet, sieht er sich gezwungen, chinesische Leiharbeiter einzustellen. Hier wird der Film nochmals um einige Schichten komplexer, da er innerhalb seines Mikrokosmos große gesamtgesellschaftliche Umwälzungen (des Makrokosmos) wie in einem Brennglas stellvertretend thematisiert. Denn über "die Chinesen" ist niemand glücklich. Ein latenter Rassismus wird deutlich in kleinen Nuancen, die sich überall finden. Zugleich aber die offenherzige Freundlichkeit der Japaner: denn er bestellt einen Wohncontainer für die Leiharbeiter, über den selbst die anwesenden Japaner sagen, dass sie gerne in so einem leben würden. Auch hier kommt übrigens wieder das Thema Fukushima ins Spiel, wenn es in einer Diskussionsschleife um die temporary housings der Tsunami-Opfer geht. Dies ist dann auch die vielschichtige menschliche Qualität, die bei Sodas Film immer wieder thematisiert wird - es ist ein komplexes Wechselspiel aus vielerlei Einflüssen, die den status quo des heutigen Menschen in der Gesellschaft bestimmen. Insbesondere da man hier Einblicke gewinnt in einen Broterwerb, der gerne als hinterwäldlerisch abgewertet wird (wenn man von Tokyo aus auf die Peripherie schaut, wie es einmal im Film heißt). Überhaupt faszinierend ist, mit welcher Präzision und Kenntnisreichheit, ja Spezialistentum alles Arbeiten am Produktionsprozess ausgeführt wird. Hier ist jeder ein großer Könner seines Fachs und der gesamte Betriebsablauf hochkomplex und faszinierend aufeinander eingespielt.

Als roter Faden durch den gesamten Film allerdings bewegt sich eine streunende Katze namens Shiro, also: weiß, die Weiße, die immer wieder überall eindringt und sich nicht abwimmeln lässt. Genauso wie der Regisseur, der auch mit der Kamera in die Leben fremder Menschen eindringt, zu unpopulären Themen Stellung bezieht, keinerlei Idyllisierung vornimmt. Lange Zeit ist OYSTER FACTORY lediglich Abbildung ohne Kommentar, die Bilder sprechen für sich. Erst später, wenn Soda selbst angesprochen wird, die Leute ihn kennenlernen, wird er mit seiner Kamera zunehmend selbst Gegenstand des Films - kulminierend in der Szene, in der die neuen chinesischen Arbeiter schließlich kommen, und die Japaner Angst davor haben, dass die Kamera sie abschrecken könnte. Aber auch da lässt sich Soda nicht unterkriegen und bekommt zugestanden, weiter zu drehen. Kazuhiro Soda in einem übrigens toll fotografierten Film: als die Katze Shiro, die auch mal beißt - als Metapher auf den Filmemacher selbst. Äußerst sehenswert.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die zehn Lieben des Nishino (Hiromi Kawakami, 2019)

In zehn recht knapp gehaltenen Kurzgeschichten wird aus der Perspektive von einigen ehemaligen Geliebten und Freundinnen Nishinos dessen Leben und Charakter beleuchtet. Eigentlich erfährt man dabei mehr über die Frauen und Mädchen selbst, als über den immer etwas mysteriös bleibenden, sexuell doch recht abenteuerlustigen Mann. Er scheint attraktiv zu sein, sanft und zurückhaltend - aber eben ganz und gar nicht schüchtern. Dennoch: Sein Profil bleibt nebulös. Es sind die Frauen, um die es hier geht.
 Dabei werden verschiedene Lebensabschnitte abgehakt, von der Schulzeit über die Universitätsjahre bis hin zum reiferen Alter. Nishino selbst bleibt unverheiratet und unausgesprochen ahnt man, dass er sein Leben zwar genießt, so ausgefüllt es ist, dass er aber andererseits unfähig ist, sich wirklich zu binden. Letztlich nimmt er alles hin, was ihm zustößt. Was ihn freilich auch wieder sympathisch macht, da von ihm keinerlei Bedrängung oder gar Gewalt ausgeht. Die handelnden Figuren sind b…

Im Zick-Zack durch den Zombie-Film: ONE CUT OF THE DEAD (Shinichiro Ueda, Japan 2017)

Den Film habe ich vor etwa zwei Wochen gesehen und es ist ganz interessant, was noch in der Erinnerung von ihm übrigbleibt. Und das ist eigentlich recht viel. Was vor allem, wie ich glaube, daran liegt, dass er geschickt mit "Bild-Ankern" arbeitet. Zum Beispiel mit der Pyramide am Ende, die vergisst man nicht so schnell. Genausowenig wie das Haupt-Setting, die verlassene Fabrik. Oder dann den dritten Schauplatz, einen gesichtslosen Büroraum mit 08/15-Mobiliar und wenig Euphorie. Woher die ganze Saftigkeit kommt, wenn ein Film - in der Produktion - dort in dieser nüchternen Tristesse beginnt, ist auch so ein kleines Wunder. Auf der Leinwand ist er dann ja schon eine ganz andere Erfahrung.
Auf letterboxd hatte ich das schon kurz angemerkt: der Film hat ein merkwürdiges, schräges Pacing. Schnell und actionreich am Beginn, dann die Zerstörung der filmischen Illusion und der Aufbau der Backstory, dann Switch zurück und das quasi-live-Making-of. Der Film ist also ein Erzählfilm, …

Woman of the Lake / Onna no mizumi (Yoshishige Yoshida, Japan 1966)

Die schöne und unglücklich verheiratete Miyako (Mariko Okada) hat eine Affäre mit dem jungen Kitano (Tamotsu Hayakawa), mit dem sie sich tagsüber in Hotels im Stadtzentrum trifft. Ihr Gatte Yuzo (Shinsuke Ashida) scheint davon nichts mitzubekommen; er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann mit einer deutlich wertkonservativen Einstellung. An einer Stelle im Film sagt er einmal, eine gute Ehefrau sei leicht wie ein Lufthauch, man würde ihre Gegenwart niemals bemerken. Diese Ruhe ist nun bedroht, da Kitano von Miyako im Hotel erotische Nacktbilder gemacht hat, die Miyako dummerweise auf dem Heimweg vom Stelldichein in der Tasche mit dabei hat. In dieser Nacht wird sie von einem Unbekannten bedrängt - und sie wehrt sich mit der Tasche, worauf ihr der Mann sie entreißt. Am nächsten Tag bekommt sie einen Anruf von dem Erpresser, sie solle zu ihm in ein Seebad fahren, und das Geld für die Bilder mitbringen.
Dass es dem Erpresser nicht nur ums Geld geht, ist Miyako klar, so gut kennt sie die M…