Direkt zum Hauptbereich

Nippon Connection 2016: Gonin Saga (Takashi Ishii, Japan 2016)


Es gibt Kinomomente, die sind so überdeckt von Geraune und unklaren Vorahnungen, dass einen die Ungewissheit, was denn nun zu erwarten sei, fast verrückt machen könnte. Entsprechend ambivalent habe die Vorführung von Takashi Ishiis Yakuza-Klassiker-Fortsetzung GONIN SAGA erwartet. Wird das nun eine langweilige Fortsetzung des heiligen Gangsterfilm-Grals, eine Schändung des eigenen Legendenstatus gar? Oder sollte der Film vielleicht sogar was können? Die Meinungen und die Stimmungslage, die man im Vorfeld aus dem Programm-Macher-Team der Nippon Connection herausdestillieren konnte, war ebenso ambivalent. Und Ishii ist auch kaum zu greifen, ein Regisseur, der schon immer alles gemacht hat: zuletzt etwa wieder Pinku-Erotikfilme mit so vielversprechenden Titeln wie SWEET WHIP (2013) oder NIGHT IN NUDE (2011) - etwas, was so gar nicht ins bierernst genommen werden wollende System des europäischen Filmautorenbegriffs passen will. Und so wurde auch, offen und ehrlich, in der Anmoderation auf die internen Diskrepanzen hingewiesen, die die Programmierung dieses Films ausgelöst hatte. Um es kurz zu machen: Takashi Ishii hat meine Erwartungen nicht nur erfüllt, er hat sie sogar völlig übertroffen.

GONIN SAGA beginnt ganz klassisch nach den Mechanismen des Genres: nach einer kurzen, hektischen, hochgetakteten und episodischen Szenenfrequenz, in der die Vorgeschichte erläutert wird, entfaltet sich nach und nach die nachtdunkle, neonbeleuchtete Großstadt-Geschichte um eine Generation väterloser Yakuza-Kinder, die ebendiese Morde an ihren Eltern nun endlich rächen wollen. Dazu findet sich eine heterogene Gruppe von drei Charakteren zusammen (einer von ihnen ist investigativer Journalist auf der Suche nach einer knalligen Story), die dann noch mit der schönen, mysteriösen Prostituierten Asami gemeinsame Sache machen. Das Ziel: Rache an den Clanbossen, und zugleich: ein Raub von zig Millionen Yen aus den Safes eines kriminellen loan sharks. Um sich danach abzusetzen und den Lebensabend zu versüßen. Bevor natürlich alles, wie es sich für einen Neo-Noir gehört, nach einer spektakulären, finalen Shootout-Szene, in Schutt und Asche versinkt.

Zur Kritik am Film war dann freilich zu hören, dass der Anfang katastrophal unübersichtlich sei, und über Gebühr an den Nerven des sowieso schon psychisch angekratzten Publikums am Ende eines langen Festivaltages zehren würde. Übersehen wird dabei natürlich, ganz abgesehen davon, dass sich das genrebedingt so gehört, dass der Zuschauer in eben genau jene Position der Protagonisten versetzt werden soll, die sich in einem undurchschaubaren Netzwerk aus Gefahren, Verbindungen, Zugehörigkeiten und Abhängigkeiten befinden. Viele Figuren, viele Handlungsstränge, unklare Rivalitäten. Wie soll man das verstehen, rational nachvollziehen? Ganz einfach: man kann es nicht. Es ist auch nicht gedacht, das zu tun. Der Inhalt (die Unübersichtlichkeit) gerinnt zur Form, der Film ist also in seiner Mechanik und Struktur vollkommen schlüssig und sinnig. Zudem: nach etwa der Hälfte der Spielzeit entwirrt sich das Netz etwas mit dem gemeinsamen Ziel des Überfalls auf das Yakuzabüro des Kredit-Wucherers. Er fokussiert sich, entschlackt, und wird immer mehr zu einer geradlinigen Erzählung, die sich in ihren Actionmomenten zu einer Eruption des Körperkinos hinreissen lässt, wie man es aus den allerschönsten Exzessen des Yakuza-Films in den 90ern kennt.

Mit dem Abspann, einem Kameraflug über die nächtliche Tokyo Bay zu tribalistisch-perkussiver Musik, die unheimlich und bedrohlich den Zuschauer bis zuletzt in einem Spannungsverhältnis hält, bis auch das letzte Filmbild von der Leinwand verschwunden ist, setzt der Film einen eindrücklichen Schlußpunkt über die Vergeblichkeit des menschlichen Strebens, der nihilistischen Gewalt, die sich immer gegen sich selbst wenden wird. GONIN SAGA trägt die mythische Geschichtsschreibung des Yakuza-Films fort, geht ganz in ihr auf, und ist somit im besten Sinne ein traditioneller Film, der modernen Varianten, die sich allzu oft in eine Form des selbstgefälligen Meta-Humor flüchten, eine Absage erteilt. Es ist eine wunderbare Zeit fürs Kino in der diese Positionen nebeneinander stehen können: GONIN SAGA neben Takeshi Kitanos RYUZO AND HIS SEVEN HENCHMEN (Review) - beides Filme, die ernst genommen werden wollen, und die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Michael Schleeh

***

P.S.: die netten Kollegen von Schöner Denken haben mich nach der Vorführung des Films zu einem nächtlichen Podcast-Gespräch eingeladen, an dem ich gerne teilgenommen habe. Sobald die Episode online ist, werde ich das hier noch verlinken.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Tora-san: Our Lovable Tramp / Otoko wa tsurai yo / Tora-San 1 (Yoji Yamada, Japan 1969)

Nach zwanzig langen Jahren des Umherstreifens kehrt Torajiro (Kiyoshi Atsumi) nach Hause zurück: nach Shibamata, einem Vorort von Tokyo. Seine Schwester Sakura (Chieko Baisho) lebt mittlerweile bei Onkel und Tante, da die Eltern verstorben sind. Dort wird er mit offenen Armen empfangen, auch wenn alle wissen, was er für ein Herumtreiber ist. Sakura steht kurz vor der Hochzeit mit dem Sohn eines reichen Industriellen. Somit wäre für ihre Absicherung gesorgt. Zum gemeinsamen Essen mit dessen Eltern nimmt sie Tora als Begleitung mit; das allerdings war ein Fehler: in fantastisch kopfloser Weise betrinkt er sich und ruiniert mit seiner gespielten weltläufigen Gesprächsführung die Zusammenkunft - er verstößt in jeder Form gegen die gebotene Etiquette. Wie er auch im Folgenden, wenn er sich in die Brust wirft, um etwas für andere zu regeln, ein pures Chaos schafft und alles durcheinander bringt. Der Film allerdings ist keine reine Komödie. Denn Tora werden die Verfehlungen vorgehal

Nippon Connection 2016: Ken and Kazu (Hiroshi Shoji, Japan 2015)

Der Konflikt, der in KEN TO KAZU das Leben der Hauptfiguren ruiniern wird, ist der Spagat zwischen dem Lebensentwurf des kriminellen Kleingangsters und dem einer bürgerlichen Existenz. Als Saki schließlich schwanger wird, setzt sie ihren Freund Ken mächtig unter Druck: endlich mit Kazu zu brechen und ein ordentliches Leben zu beginnen. Etwas, was Ken ihr wohl schon mehrfach versprochen hat, aber anscheinend nicht einhalten wollte. Die Spuren seines unsteten und kriminellen Lebenswandels werden ihm während des Films mehrfach entlarvend ins Gesicht geschrieben: Kratzer auf den Wangen, eine blutige Nase, Schwellungen und blaue Flecken von Prügeleien. Und so muss sich Ken entscheiden, ob er eine Familie gründen und es bei den Einkünften aus seiner Autowerkstatt belassen will, oder ob er dem ständigen Drängen des penetrant grenzüberschreitenden, brutalen Kazu nachgibt und weiterhin Drogen verhökert. Doch Ken kommt nicht gegen ihn an, er wirkt eingeschüchtert und scheint zuviel Angst vo

The Woman who wanted to Die / Segura magura: shinitai onna (Kôji Wakamatsu, Japan 1970)

Ein wahnsinnig schöner Film von Wakamatsu mit einem etwas verwickelten Plot: in einem tief verschneiten Provinznest verbringt ein beinah schon vermähltes Liebespaar ein paar gemeinsame Tage, doch reist ihnen der ehemalige Geliebte der Frau, ein heißblütiger Student, hinterher. Der befreundet sich, dort angekommen - überraschend und auch sexuell - mit einer älteren, reifen Frau, der Wirtin seines Gasthofes. Diese aber ist die ehemalige Geliebte seines Rivalen, des Mannes seiner Freundin. Damals liebten sich die beiden innig, aber ihre Liebe hatte keine Zukunft. Sie hatten sich dazu entschieden, den Doppelselbstmord aus Liebe   durchzuführen, was aber an der Willensstärke des Mannes gescheitert war, der sich, nachdem er die Frau mit einem Schwerthieb niedergestreckt hatte, nicht selbst töten konnte. Fortan quälte ihn die Gewissheit, seine große Liebe emordet zu haben, aber selbst zu feige gewesen zu sein. Die Frau jedoch überlebte schwerverletzt, zu einem Leben im Leid fern des Gelieb