Direkt zum Hauptbereich

Raman Raghav 2.0 / Psycho Raman (Anurag Kashyap, Indien 2016)


 Was an Anurag Kashyaps Serienkiller-Thriller Psycho Raman (aka. Raman Raghav 2.0) zuerst auffällt, ist der harte Gegensatz der Eröffnungsszene in der Diskothek mit der darauffolgenden Stille, in der man zum ersten Mal dem Killer Raman (Nawazuddin Siddiqui) begegnet: während der Polizist Raghavan (Vicky Kaushal) ein Gefangener der Beats und der Drogen ist, die er eingeworfen hat, ist Raman in einem Zimmer eines Abbruchhauses vor den Toren Mumbais eingesperrt. Dort spricht er mit sich selbst mit wehleidiger Stimme, was ihm Schlimmes widerfahren sei. Er probt das richtiggehend, wie ein Schauspieler. Dann ruft er ein paar Jugendliche um Hilfe herbei, die dort gerade Cricket spielen wollten. Sein Vortrag ist so überzeugend, dass sie ihn gleich befreien. Raman darauf, mit einem leisen Lächeln im Gesicht, ausgezehrt und mit schwarzen Augenrändern, streunt durch das Gelände, eine wilde Brache voller wilder Pflanzen umgeben von Ruinen – es ist beinah eine Idylle, eine Idylle des Verfalls. Dort sieht er plötzlich eine schwarze Katze, und weil er die interessant findet, folgt er ihr. Sie führt ihn zu einem Gehöft am äußeren Rand einer Slum-Behausung, wo gerade eine junge Frau Brot backt. Raman will nun dieses Brot, und man sieht ihm an, dass der Wahnsinnige auch die Frau dafür totschlagen wird, um an ein Brot zu kommen. Zufällig findet er einen Stein, der als Mordwerkzeug dienen soll. Die Katze interessiert nicht mehr. Doch als er die Frau beinahe erreicht, erkennt man hinter dem nächsten Eck eine Gruppe junger Männer sitzen, die zur Frau gehören. Raman steht da, der zerrissene Lump, lässt den Stein fallen. Er schwitzt. Die Männer kommen auf ihn zu.

 Man sieht, wie hier eins zum anderen kommt, ungeplant und kontingent. Das Böse, in Form dieses undurchschaubaren Menschen, der freundlich Lächeln kann und mit Sprache manipuliert, wird zur Inkarnation der Todes, wenn er nicht seinen Willen bekommt („Sein Wille geschehe!“). Spiegelbildlich zu seiner Figur ist der versteinerte drogenabhängige Polizeikommissar Raghavan ebenfalls einer, der seine Umgebung für seine Zwecke missbraucht. Was besonders im Ungang mit seiner Freundin augenfällig wird, die er emotional und sexuell ausbeutet. Sie scheint aber erst jetzt zu realisieren, dass ihre Beziehung nur auf einem Gewaltgefälle bestehen kann, denn sobald sie die Stimme erhebt, wird sie kleingemacht. Der Film erzählt nun eigentlich den bekannten Genre-Topos erneut aus, wie sich die Konstitutionen der beiden Männer nicht nur gegenseitig bedingen, sondern auch brauchen. Es ist beinahe wie in einer grotesken intimen Beziehung – Raman sucht Raghav, und wie sie zueinander finden, wird Raghav zu Raman. Das zeigt sehr schön der allerletzte Mord des Filmes, den Raman gar nicht mehr selbst ausführen muss. Nawazuddin Siddiqui, der intelligentere der beiden, lenkt die Geschehnisse selbst dann noch, wenn er eingesperrt in einer Zelle hockt.

 Psycho Raman als Psycho-Thriller ist somit eher kein Film, der die Kategorien Gut und Böse vertauscht, vielmehr ist es eine vollständige Aufhebung der Kategorien in der Darstellung eines gnadenlosen Nihilismus. Der Film, obwohl er durchaus auch am Tag spielt, ist überwiegend dunkel, düster, bedrückend. Ein soziales Anliegen hat er nicht. Hier geht es nicht um den Ausbruch aus dem Käfig der Armut, um die Benachteiligung der Frau, um eine Liebesgeschichte. Oder gar um Moral. Die Verbrechen werden nicht kommentiert, sondern stehen, so erschütternd sie sind, für sich selbst. Dadurch gewinnt der Film eine Offenheit in der Narration, die wirkmächtiger ist, als jeder Kommentar des Regisseurs. Viel eher ist es das Verhältnis von Raman zu Raghav, eine Homo-Erotik der Gewalt, in der die beiden Parteien sich mythisch zueinander hingezogen fühlen, ohne sich und für lange Zeit gar nicht erst zu begegnen. Wer also der eigentlichere, verkommenere Bösewicht in diesem Film ist, lässt sich gar nicht so richtig ausmachen. Skrupellose Mörder sind sie alle beide.

 Psycho Raman ist ein äußerst kompakter und durchkomponierter Film, und zeigt Anurag Kashyap von einer ganz anderen Seite, als bei seinem ausufernd epischen Film GANGS OF WASSEYPUR. Der Film ist bei Rapid Eye Movies als DVD und Blu-ray erschienen. Das Bild der Blu-ray ist exzellent, ein einziger Genuss. Neben dem Hindi-Originalton mit Untertiteln findet sich eine deutsche Synchronisation auf der Scheibe, wie auch die üblichen goodies (ein Making Of, knapp 30 Minuten, sowie der Original-Trailer, weitere VÖs des Labels u.ä.). Wer diesen cineastischen Höhepunkt des anderen Bollywoods noch nicht kennt, sollte bedenkenlos zugreifen.

Michael Schleeh

***


Psycho Raman ist bei Rapid Eye Movies als DVD und Blu-ray erschienen
und via amazon erhältlich ~



***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ali's Wedding (Jeffrey Walker, Australien 2017)

Nachdem der talentierte aber leider erfolglose Ali die Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium an der Universität von Melbourne verpatzt hat, bringt er es nicht übers Herz, seinem Vater den Misserfolg einzugestehen. Der Sohn war die große  Hoffnung des muslimischen Klerikers, der das Zentrum der arabischen Community darstellt, und höchstes Ansehen genießt. Dass dessen Rivale nur auf einen Misserfolg Alis hofft, um selbst den Platz des Vaters einnehmen zu können, ist ein Seitenerzählstrang, der einen hochinteressanten Handlungsverlauf innerhalb der Moschee voranschiebt.
 Das sind humoristische und tolle Einblicke hinter die Kulissen, die man nicht jeden Tag bekommt. Jedoch: Ali lügt. Er habe hervorragend abgeschlossen - und wird nun als Wunderkind gehandelt und sieht sich alsbald gezwungen, ein Leben an der Uni vorzutäuschen. Dort läuft er aber nicht nur permanent dem Sohn des Konkurrenten seines Vaters über den Weg, sondern auch der schönen Libanesin Dianne, in die er sich Hals über Kopf…

HERRMANN (Reda, Deutschland 2012)

Ein nicht mehr ganz junger Familienvater, der aus der linksalternativen Szene zu stammen scheint und der  mittlerweile wohl ziemlich in der Bürgerlichkeit angekommen ist, verabschiedet sich eines Abends von seiner Frau/Freundin und seinem bereits schlafenden Kind, da er noch auf einen Geburtstag will. Sein halb schelmisch-unterwürfig ausgedrückter Wunsch, anschließend noch kurz aufs Konzert zu gehen (dem ein echtes Begehren zugrunde zu liegen scheint, da seine Stimme schon zu zittern beginnt), wird von der verantwortungsbewußteren, vernünftigen Herzdame mit Stirnrunzeln weggeknutscht. Vermutlich kennt auch sie das Lied von der Punkband Oma Hans, wo die Mädchen auf dem Konzert einfach besser küssen als sonstwo. Da muss sie gar nicht mehr viel zu sagen, es liegt alles in ihrem Blick: er soll halt endlich mal erwachsen werden, dieser Berufsjugendliche. Schließlich gibt es jetzt Familie. Und eigentlich hatte er ja auch schon kapituliert, bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hat. Da kan…

Das Lächeln im Angesicht der Tragödie: Yasujirô Shimazus Tonari no Yae-Chan / Our Neighbour, Miss Yae (Japan 1934)

 Als ich vor kurzem einmal wieder Our Neighbour, Miss Yae gesehen hatte, da war das einer von diesen seltenen Momenten, wo man nicht genau weiß, was da eigentlich gerade passiert ist; aber als die Abblende kam, nach dem letzten Bild mit der Kamera in den wolkenverhangenen Himmel hinauf – obwohl sich doch, wenn nicht alles, so doch so manches zum Guten aufgelöst hatte – war ich den Tränen nahe und zutiefst gerührt. Dabei war da gar nichts wirklich Rührseliges passiert, oder gar aufwühlend Melodramatisches. Der Film endet so, wie er anfängt, zumindest auf der Tonspur. Eine liebliche, langgezogen sehnsuchtsvolle Geigenminiatur, die von etwas Herzschmerz aus dem Leben kleiner Leute der unteren Mittelschicht aus irgendeiner japanischen Vorstadt in der Nähe von Tokio verkündet. Einmal sagt die Mutter, heute sei das Wetter so klar, man könne den Fuji sehen, aber das muss man glauben. Im Film taucht er nicht auf. Das ist kein Film für nationale Monumente. Hier wirken Dinge und K…