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In Public / Gong gong chang suo (Zhang Ke Jia, China 2001)

In diesem Kurzfilm von nur 30 Minuten gibt es keinen handelsüblichen Plot, keine Darsteller, keine Beleuchtung, keine Filmmusik. Nur eine Kamera und ihr Dokument.


Ein Busbahnhof: einige warten, andere kommen an. Ein Mann ist nervös, dann empfängt er seine Frau und seinen Sohn, die von der Reise zurückkehren. Dann eine Bushaltestelle in einer vom Kohlebergbau grau gewordenen Stadt. Ständig fahren schwer beladene Laster vorbei. Im Hintergrund die Stadt, Wohnblocks. Der Bus kommt, Menschen steigen aus, ein, eine Frau verpasst den Bus. Dann ein Bahnhofswarteraum, ein alter Funktionär sitzt grinsend im Rollstuhl, die Ticketfrau reißt Karten ab. Schnitt auf einen Tanzsaal, ältere Paare drehen sich im Kreis.


IN PUBLIC ist also dokumentarisches Kino, ein weiteres Puzzleteil in Jia Zhang-kes Projekt, das zeitgenössische China durch eine Form des dokumentarischen Realismus zu erfassen und darzustellen. Ein Film, der in seiner nüchternen Teilhabe des Alltags vor den Kopf stoßen mag. Eine Herangehensweise, in der sich "die Geschichte" im Kopf des Zuschauers formt. Der Film gibt die Frage, "was Film soll", also an den Zuschauer zurück und vergrätzt so diejenigen, die eine Geschichte im herkömmlichen Sinne geboten bekommen wollen. Fragen, statt Antworten. Klar, warum soll man sich ewig lange einen Busbahnhof irgendwo im hinterlandigsten China ansehen? Es sind eben andere Fragen, die hier gestellt werden. Und dann muss ich sagen, ich könnte mir ja sowas stundenlang anschauen.


Kommentare

  1. Fällt da eigentlich auch ein Sack Reis um? :-Þ

    Wenn Du dir so ereignisreiche und nervenzerfetzende Filme stundenlang ansehen kannst, dann ja vielleicht auch FOG LINE oder NECROLOGY (hier leider ohne den originalen Soundtrack von Sibelius, der dem Film erst die richtige Bedeutungsschwere verleiht).

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  2. Hey, danke für die Links (auch wenn du mich auf den Arm nehmen willst): FOG LINE könnte in der Tat der Anfang eines Lav Diaz-Filmes sein, und so bedeutungshuberisch wie NECROLOGY ist IN PUBLIC bei weitem nicht! Denn da gibt es, neben der Message, eben auch Bilder (deswegen die Screenshots).

    Also, ein Sack Reis, den die Ankommenden mitbringen, wird mit großer Vorsicht abgestellt *grins* - denn für diese arme Familie bedeutet dieses Grundnahrungsmittel noch etwas. Ich kann diesen Spruch übrigens und btw überhaupt nicht mehr leiden.

    Wir könnten jetzt natürlich noch eine Weltkino - Arthouse - Kunstkino - Diskussion vom Zaun brechen, aber das machen wir vielleicht später mal, wenn ich w i r k l i c h langweilige Filme gucke.

    :-)

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  3. Keine Sorge, ich wollte dich nur ein ganz kleines bisschen auf den Arm nehmen. Denn ob Du es glaubst oder nicht, ich habe beide Filme auf DVD. Die sind nämlich auf dieser empfehlenswerten DVD-Box. Die beiden gehören zwar nicht zu meinen Favoriten auf der Box, aber ich kann sie auch immer wieder mal sehen, wenn auch nicht stundenlang.

    NECROLOGY ist eigentlich nur auf den ersten Blick bedeutungshuberisch. Schon die im Verhältnis zu den Bildern maßlos übertriebene Musik weckt den Verdacht, dass da etwas nicht stimmt. Und durch den Abspann wird jede Bedeutung, die man bisher hineingelesen haben mag, konterkariert. Er ist ewig lang (fast ein Drittel des Films), der Soundtrack wechselt von Sibelius zu strammer Marschmusik, und die aufgeführten Charaktere sind nicht nur erfunden, sondern teilweise völlig absurd ("ASSASSIN (WITH TWO ASSISTANTS)", "MAN WHOSE WIFE DOESN'T UNDERSTAND HIM" etc.), und die Namen der Darsteller sind natürlich auch erfunden, bis auf "FILMMAKER....Standish D. Lawder", denn er ist tatsächlich im Film zu sehen (bei 3:24, mit Zigarette im Mund). Der ganze Film ist eigentlich ein absurder Witz. Das passt zur Biographie des Regisseurs, denn Standish Lawder ist Schwiegersohn des Dadaisten Hans Richter (RHYTHMUS 21, VORMITTAGSSPUK, DREAMS THAT MONEY CAN BUY), über den er auch promoviert hat.

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  4. Hans Richter kenne ich nur dem Namen nach durch die Verbindungen zu Hans Arp und Mies van der Rohe. Hört sich aber alles sehr spannend an, die DVD kommt in den Einkaufskorb! Ich danke Dir für den Anstoß!

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