Direkt zum Hauptbereich

Drug War / Du zhan (Johnnie To, China/Hongkong 2012)


Viel Aufhebens wird gemacht um Johnnie Tos "erste" Mainland-Action-Produktion (obwohl der Film durchaus HK-co-produziert ist und auch teilweise in Hong Kong selbst spielt, die zweite Hauptfigur Honk Kong-Superstar Louis Koo ist und To die Romcom DON'T GO BREAKING MY HEART (2011) ebenfalls schon in China drehte) - und damit soll einerseits darauf abgehoben werden, dass das Filmemachen in Hong Kong (wieder mal) in einer Krise stecke, und andererseits der chinesische (Absatz-) Markt, alles dominierend, die habgierigen Krallen ausstreckt. Und in gewisser Weise sind die Befürchtungen auch berechtigt, denn was wird aus dem "unabhängigen" Filmland Hong Kong, wenn sogar schon Johnnie To, eine Ikone der Stadt, seine Filme nach den zensurkonformen Mainlandbedingungen ausrichtet! Aber man darf sich beruhigen: DRUG WAR ist ein echtes Johnnie To-Brett geworden.

DRUG WAR wird dominiert von formalen Strukturen, die über zwei Knotenpunkte die Entwicklung des Films steuern. Aber neben all den Charaden und Rochaden, den verdeckten Ermittlungen, dem double play, löst sich alles in Bewegung auf, in Verfolgungsszenen und Schießereien. Und anders als in den Hong Kong-Filmen öffnet sich nun meist das Szenario, die Befreiung ist vor allem erstmal eine räumliche - wo nun von Stadt zu Stadt gehetzt wird, über breite Autobahnen und endlose Industriebrachen hinweg, die sich am Horizont verlieren oder im Dunste Mainland Chinas. Die enge Gedrängtheit der Gassen der Metropole Hong Kongs mit seinen sich auftürmenden Kolossen von Hochhäusern aus Stahl und Beton weicht einer offeneren Landschaft, die vor allem aber als Niemandsland inszeniert eine bedrückende Verlorenheit auszudrücken scheint. Die Melancholie Mong Koks wird ersetzt durch eine Melancholie der Ortlosigkeit. Da ist es dann der Überwachungswagen der Polizeieinheit, der in seiner stets nachtdunklen Abgeschottetheit wie in einer Erinnerung die Atmosphäre und den Geruch Hong Kongs ins weite Mainland exportiert. In ein Land, von dem neben dem Staub und der sich verlierenden Weite vor allem die Überwachungskameras gezeigt werden, die an jeder Straßenkreuzung installiert sind, und die dann nicht unwesentlich zur Aufklärung des Falls beitragen. 

Die Übermacht der totalen Überwachung ist indes nicht nur dem totalitären Regime probates Mittel zur Reglementierung und Gängelung seines Volkes, der Film macht Glauben, dass hier freilich jeder ständig vernetzt ist mit dem Smartphone, mit GPS-Trackern und Mikrophonen, die jede Bewegung aufzeichnen und jedes Geräusch direkt in die Datenbank zur Analyse der Experten jagen. Wie die Koffer mit eingeschweißtem Geld und die geschmuggelten Tonnen an Drogen die Empfänger wechseln, so findet auch auf den digitalen Informationskanälen ein ständiger Austausch statt. So rasend, dass man manchesmal den Überblick verliert. Aber letztlich geht es in dem Film, zumindest auf Plotebene darum, wie aus einem aufgegriffenen Drogendealer aus Hong Kong (Louis Koo), dem in Mainland China die Todesstrafe droht, eine Ratte wird, der, um den eigenen Hals zu retten, den Drogenring auffliegen lässt; und wie andererseits vice versa ein stiller Mainland-Cop (Sun Honglei) diese Operation leitend, zum Undercover-Cop wird, die Rolle eines Drogenhändlers spielt, um diese Bande auszuheben. Eine humorvoll, beinah schon komödiantische Nebenerzählung um zwei schon seit mehr als zehn Stunden umherirrende Lastwagenfahrer, die eine brisante Fracht des Drogenkartells transportieren, bildet im Übrigen einen erlösenden Ausgleich zum ansonsten sehr ernst ausgefallenen Haupterzählstrang. Das Finale findet dann auf einer nichtssagenden Allee statt, morgens bei Schulbeginn, in trübem Tageslicht. Das ist ein anderer To, den wir hier sehen, keine Frage, aber auf jeden Fall ein spannender.

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Strenge Kompositionen, die beschädigt werden: Jun Tanakas verstörender Horrorfilm BAMY (Japan, 2017)

Schon in den ersten Minuten wird vollkommen klar, wie souverän Jun Tanaka in seinem Spielfilm-Regiedebüt agiert: lange Phasen ausgedehnter Ruhe wechseln sich ab mit subtilen, dabei intensiven Störungen des allzu gewohnten Alltags. Ein Schirm, der plötzlich durchs Bild fliegt, ein alter Bekannter, der plötzlich auftaucht und schräg unter dem Kapuzenpulli hervorschaut sind Elemente schon ganz am Beginn des Films, die eine stark verunsichernde Atmosphäre erschaffen. Strukturell wird der Film zunächst über seine Kamerabewegungen definiert: eine senkrechte Achse (die Fahrt der Protagonistin im gläsernen Fahrstuhl) wird um eine waagerechte Achse (der Weg über den Vorplatz) ergänzt, was dem Film den Eindruck einer genau durchdachten Konstruiertheit und somit  Zielgerichtetheit zugrundelegt, die durch das Element des herabfallenden Schirms aufgebrochen wird. Strenge Kompositionen, die beschädigt werden. Geometrien. Bild-Ton-Scheren. Außerdem erklingen auf der Tonspur urplötzlich abstrakte …

Banshiwala (Anjan Das, Indien 2010)

The sixth film of Bengali film director Anjan Das is a slowly moving arthouse film which features good actors and beautiful music. It is a literary adaption from the novel The Flautist by Shirshendu Mukhopadhyay and that instrument obviously has been one of the inspirations for the very lyrical, melodical songs here. Anjan Das already died in 2014 after directing eight feature films - for Banshiwala he was awarded two prices at international film festivals.

 The film basically asks the moral question if a house as a building is merely a property (of investment) or if it's somehow a sacred place of remembrance. In this case, the house even is a little bit run-down but still an impressive ancestral manor which bears memories of multiple generations of the family. So, selling it would be the equal to giving away the familial heritage. But there's a dark and hidden secret, too, which has to be challenged as the story comes to a close. In some abstract scenes, the fil…

Mad World - Hong Kong's entry for the foreign language Oscar (Wong Chun, 2016)

Wong Chun's debut feature film is not really part of the Hong Kong International Film Festival, but one I did see during my stay here at Mongkok's Broadway Circuit outlet as a regular screening on a sunday morning.

It's a quiet and atmospheric film that is quite beautifully shot and extremely well acted by Eric Tsang (kudos!) and Shawn Yue, his son suffering from bipolar disease. It's a film about fatherhood and responsibilities, about getting old in financially difficult times. They both live in a shared flat with three other parties. No one seems to be able to pay rent anymore in Hong Kong. It's really depressing.

Mad World is definitely worth watching, as it has been screened in Busan and in Toronto. It got mixed reviews overall, but I really don't understand why. There are no loose ends, the plot is fragmented with flashbacks to family history, but that always makes sense and adds to the depth of the characters. I really liked it and recommend…