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Man of Tai Chi (Keanu Reeves, USA / China / Hongkong 2013)


MAN OF TAI CHI ist ein Martial-Arts-Genrefilm, der auf einer sehr simplen Storyline aufbaut (anscheinend wurde tatsächlich vier Jahre am Drehbuch gearbeitet, was dann doch eher verwunderlich ist) und der einigen Kritikern als stümperhaftes Machwerk aufstößt. Nun, man könnte den Plot auch als bare to the bone (oder einfach: klassisch) bezeichnen, was sich dann schon besser anhört. Und Reeves' Bemühungen, mit seinem ehemaligen Stuntman und Kampfkunstlehrer aus MATRIX-Zeiten einen Film zu drehen, der hier die Hauptfigur und den Tai Chi-Eleven namens Chen Linhu / Tiger Chen spielt, als eine bemerkenswert persönliche Entscheidung begrüßen. Mit an Bord ist auch der legendäre Yuen Woo-ping als Garant für Kampfkunstchoreographie, sowie Kameramann Elliot Davis (TWILIGHT, DOGTOWN BOYS, OUT OF SIGHT), der sowohl das ländliche China jenseits der Großstädte derart einzufangen weiß, als ob man sich in einem klassischen Kung Fu-Film befände, als auch die lackierten Oberflächenfassaden eines aseptischen Wolkenkratzers in Hong Kong, und dabei einen durchdesignten, staubfreien, japanischen (!) Minimalismus zelebrierend, der für Modernität und Internationalität stehen soll. Und für viel Geld.

Denn darum geht es im Film. Tiger Chen rackert sich in Peking ab: in seinem Job als Paketbote. Und als letzter verbliebener Schüler einer aussterbenden Disziplin des Tai Chi, ist er so etwas wie ein spiritueller Sohn seines alten, weisen Meisters (Yu Hai). Als die befrackten Schergen der Baumafia den 600 Jahre alten Tempel seiner Schule abreissen wollen, da fühlt sich Tiger in die Pflicht genommen und kann das Angebot des mysteriösen Geschäftsmanns mit dem dubiosen Namen Donaka Mark nicht ablehnen, für ihn zu kämpfen. Zu spät bemerkt er, mit wem er sich eingelassen hat: mit einem skrupellosen Unternehmer, der für eine wohlhabende und dekadente Geldelite Kämpfe organisiert, und diese Schaukämpfe - zunächst ohne Wissen der Fighter - per Internet weltweit zugänglich macht. Der Höhepunkt soll dann freilich ein Kampf auf Leben und Tod sein (inszeniert auf einer Bühne wie eine Revuenummer in einem Theater), der Tiger Chens moralischen Konflikt auf die Spitze treibt.

Für Tiger Chen geht es schließlich um die moral-ethische und persönliche Entscheidung, eine eher passive Kunst der Bewegungslehre, eine spezielle Form des Taijiquan als eine aggressive Form der Kampfkunst zu "missbrauchen" - so gibt es mehrere gewichtige Gespräche mit dem Lehrer zu diesem Problem, der ihm freilich rät, integer zu bleiben. Für Donaka Mark geht es hingegen nur zweitrangig um Geld, denn dieser Mann besitzt so viel davon, dass er mehr als ausgesorgt hat. Es gehe ihm darum, eine derart starke Persönlichkeit wie Tiger Chen dorthin zu treiben, dass er "seine Unschuld" verliere. Dazu schaut er dann unerbittlich drein mit dem typisch versteinerten Keanu Reeves-Gesicht und knurrt ein wenig. Das alles ist nun nicht weiter bemerkenswert, wäre der Film nicht sehr professionell und mit Elan gemacht, mit der richtigen Balance, und dann doch nicht zu sehr auf die Pauke hauend. Das liegt vor allem an den Schauspielern, allen voran Tiger Chen selbst, der neben seinen kämpferischen Fähigkeiten auch ein ordentlicher Mime ist. Oder an Simon Yam, der eine kleine Rolle hat. Oder an der tollen Karen Mok, die als souveräne Polizistin auftritt. An den vielen kleinen Momenten, wo man das Amerikanische ganz vergisst, und in denen der Film näher an Herman Yaus IP MAN: FINAL ist, als an irgendwelchen US-Kampffilm-Standards. Das sieht man an Kuss-Szenen, an der Art wie Dialoge inszeniert sind, oder wie die häuslichen Verhältnisse abgebildet werden. An der Art, wie Stadt (generell) ins Bild gesetzt wird, gar nicht mit einem wie häufig leider üblichen, skandalisierenden westlichen Blick für die Ärgernisse des asiatischen Molochs. Für solche Bilder interessiert sich der Film zum Glück überhaupt nicht, es scheint Normalität für ihn zu sein.

So addieren sich Kleinigkeiten zu einem Gesamtbild, dass meiner Meinung nach doch sehr positiv ausfällt. Auch wenn der Anti-Held am Ende auf der Flucht groteskerweise von Hong Kong nach China hinüberschwimmt! Nichts Neues erfindet MAN OF TAI CHI (zum Glück, das muss ja nicht jeder Film wollen), aber er updated einen Genremechanismus, der für einmal nicht ins ironische Tarantino-Zitat gewendet wird. MAN OF TAI CHI ist ein ernst zu nehmender Film eines vom Asiatischen begeisterten Amerikaners. Und dafür, dass man es mit einem amerikanischen asiatischen Film zu tun hat, fühlt er sich erstaunlich asiatisch an.

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