Direkt zum Hauptbereich

Les Liaisons Érotiques / Erotic Liaisons / Erotikku na Kankei (Kôji Wakamatsu, Japan 1992)



Der Eifelturm ist in diesem Film zwar nicht das Zentrum der Lust, aber doch dreht sich hier alles um (auch frivole) Abenteuer in Paris. Mit Choderlos de Laclos Roman Gefährliche Liebschaften hat der Film aber überhaupt nichts gemein; Wakamatsu stellt sogar eine Vorrede ganz an den Anfang des Films, in der eine Sprecherin wie eine TV-Ansagerin den Film audrücklich und humorvoll von jedem klassischen Stoff distanziert und zudem betont, dass hier einen Film vorliege, der, ein ironischer Seitenhieb, überhaupt nichts für Intellektuelle oder gar Filmfestivals sei, schon gar nicht für Cannes.

Ein ungleiches japanisches Pärchen im Exil (Rie Miyazawa und Yuya Uchida, der auch die Hauptrolle in A POOL WITHOUT WATER spielte) betreibt in Paris eine Detektei, in der sie sich jedoch mangels Aufträge recht ordentlich langweilen. Sie verdingt sich pflichtbewußt häufig als Fremdenführerin, damit überhaupt etws Geld in die Kasse kommt, er legt bevorzugt die Beine auf den Schreibtisch. Doch plötzlich taucht der millionenschwere Geschäftsmann Okuyama (Takeshi Kitano) mit einem Auftrag auf: es geht um seine französische Geliebte, von der er glaubt, dass sie ihn betrügt. Die Privatdetektive sollen sie naturgemäß überwachen und sie der Nebenbuhlerei überführen. Kishin übernimmt den Auftrag und gerät schnell in Schlamassel: er verliebt sich in die schöne Französin. Rie macht es aber auch nicht viel besser, sie verknallt sich nämlich in den nonchalanten Auftraggeber Okuyama, der sie mit Geschmeide und Brillanten eindeckt.

EROTIC LIAISONS ist ein schelmenhafer Krimi-, Detektiv- und Gangsterfilm-Romp durch die schöne Stadt Paris, die Wakamatsu auf bezwingende Art einzufangen weiß. Zwar klappert er alle touristischen Ziele nacheinander ab (was doch etwas ermüdend ist), aber beinahe immer gelingt ihm ein spezieller Blick, eine stimmungsvolle Atmosphäre, eine ungewöhnliche Einstellung. Da wünscht man sich, dass er einmal eine deutsche Stadt inszeniert hätte; ob das eben auch möglich wäre, so einen Großstadtfilm in Deutschland zu drehen (vgl. TOTE TAUBEN IN DER BEETHOVENSTRASSE von Samuel Fuller (1973) oder Andrzej Zulawski mit POSSESSION (1981)). Jedenfalls, EROTIC LIAISONS ist ein deutlich an den Mechanismen Hollywoods orientierter Mainstreamfilm mit zwei oder drei großen Stars in den Hauptrollen; Uchida der Rockstar, und Rie Miyazawa, die damals als Sängerin und Schauspielerin, als "Multitalent" durch die Medien gereicht wurde. Japan war verrückt nach ihr, und sie verrückt danach, irgendwie in die Presse zu gelangen. Kein Wunder, dass sie die Chance ergriff, bei Pinku-Legende Wakamatsu in einem scheinbar erotischen Film in der "Stadt des Lasters" mitzuspielen, der dann von ihr allerdings keinen einzigen Zentimeter nackte Haut zeigte. Überhaupt hält sich der Film sehr zurück mit seinem erotischen Content - er schaut sich eben, wenig spektakulär, wie eine Kriminalfilmkomödie mit ein paar dekadenten Ausreissern (Jasper Sharp weist auf einen damaligen Trend hin, erotische Filme zu produzieren, die letztlich überhaupt nicht erotisch waren, und führt als Beispiel BODY OF EVIDENCE mit Madonna an). LES LIAISONS EROTIQUES kann aber letztlich dennoch gefallen, auch wenn sein allzu locker geknüpfter Plot den Zuschauer nicht wirklich mitzureißen vermag. Rie Miyazawa ist sehr charmant und sie macht ihre Sache gut, wie auch Kitano, bei dem man nie genau weiß, ob er nun der ordentliche Businessman mit dunkler Seite ist, oder schon der Yakuza mit einem guten Herzen. Uchidas Verhängnis, sich an die langbeinige Französin verloren zu haben, ist sicherlich für die meisten männlichen Zuschauer ebenfalls ohne Weiteres nachvollziehbar, und Rie Miyazawas Versuche, ihn aus dieser Falle zu befreien, durchaus bezaubernd. Doch, so übel ist der Film gar nicht.





***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Strenge Kompositionen, die beschädigt werden: Jun Tanakas verstörender Horrorfilm BAMY (Japan, 2017)

Schon in den ersten Minuten wird vollkommen klar, wie souverän Jun Tanaka in seinem Spielfilm-Regiedebüt agiert: lange Phasen ausgedehnter Ruhe wechseln sich ab mit subtilen, dabei intensiven Störungen des allzu gewohnten Alltags. Ein Schirm, der plötzlich durchs Bild fliegt, ein alter Bekannter, der plötzlich auftaucht und schräg unter dem Kapuzenpulli hervorschaut sind Elemente schon ganz am Beginn des Films, die eine stark verunsichernde Atmosphäre erschaffen. Strukturell wird der Film zunächst über seine Kamerabewegungen definiert: eine senkrechte Achse (die Fahrt der Protagonistin im gläsernen Fahrstuhl) wird um eine waagerechte Achse (der Weg über den Vorplatz) ergänzt, was dem Film den Eindruck einer genau durchdachten Konstruiertheit und somit  Zielgerichtetheit zugrundelegt, die durch das Element des herabfallenden Schirms aufgebrochen wird. Strenge Kompositionen, die beschädigt werden. Geometrien. Bild-Ton-Scheren. Außerdem erklingen auf der Tonspur urplötzlich abstrakte …

In Bong Joon-hos OKJA (2017) rettet die Liebe eines Mädchens zu seinem Hausschwein eine kleine Welt

Am Beginn von OKJA, Bong Joon-hoos neuestem creature feature für netflix, öffnet sich die koreanische Landschaft auf die schönste Weise. Man staunt über die grünen Hügel und Wälder, die steilen Schluchten und Täler, die einen großen Kontrast setzen zu den allerersten Minuten des Films im Herzen der zubetonierten Metropole Manhattans. Dort nämlich befindet sich die Mirando Corporation, ein Nahrungsmittelhersteller, der mittels Gen-Food seinen Aktienindex hochjubeln möchte. Dazu braucht es Fleisch. Viel Fleisch, und besonders leckeres. Und viel kosten darf es auch nicht. Deswegen werden Riesenschweine gezüchtet (optisch geht das Richtung Seekuh), die Qualitätsfleisch versprechen. Eines der Versuchsschweinchen durfte in den Wäldern und Bergen Koreas aufwachsen, und es ist freilich das Prachtexemplar schlechthin, das dem Film den Titel gibt. Möglicherweise ist es aber vor allem die Liebe, die das Tier erfahren hat, das es so gut gedeihen ließ. Geliebt wird es heiß und innig von dem 13-j…

Wenn die Festplatte raucht: GANTZ:0 - ein Computerspiel getarnt als Film (Yasushi Kawamura & Keiichi Sato, Japan 2016)

"We are stuck in an endless survival game!"
 Im Funkenflug löst sich das Ich auf: rausgebeamt aus dem Spielfeld, in diesem Fall die berühmte Shibuya-Kreuzung (weil: drunter geht's nicht), als das Monster mit dem Tentakelkopf erledigt ist. Der Tote bleibt zurück, die Überlebenden dürfen ins nächste Level vordringen. Nach dem Vorspann, der eigentlich keiner ist, weil nur der Filmtitel eingeblendet wird: next stop: Osaka! Dort sind weitere Monster gesichtet worden, dort muss man sie nun bekämpfen. Freilich auf der Brücke in der Fußgängerzone, in Dotonbori, vor dem Hintergrund der berühmten Werbetafelfeuerwerke (weil: drunter geht's nicht).
 Ein Film, der nicht mehr aussieht wie ein Film, sondern wie ein Computerspiel. Künstliche Charaktere mit Stimmen von Menschen. Alles präzise gesteuert, sogar das Wippen der Brüste im Kampfdress völlig CGI-verseucht. Alles designt, noch viel künstlicher als in den beiden GANTZ - Teilen zuvor. Die Kämpfe haben freilich auch nichts mit…