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Ecstasy of the Angels / Tenshi no Kôkotsu (Kôji Wakamatsu, Japan 1972)



All the protesters were trying to do was protect their own tiny little groups, 
and I thought, "It's done. It's the end of the era for the movement."

(Kôji Wakamatsu über Sex Jack im Interview mit Chris D.)

Kôji Wakamatsu: Mainstream Sayonara. Geradlinige Erzählweise, moralische Handlung, klare Figurenkonstellationen, einprägsame Charaktere, Sonne am Himmel. So etwas gibt's hier nicht. Sondern ein wilde Mixtur aus Sex, Gewalt und Politik. Politics and Pinku - so hat Wakamatsu das Pink-Filmgenre immer als Gegenbewegung zum Mainstream und zur Gesellschaft verstanden, als offensive Filme, die die Leute vor den Kopf stoßen. Als kritische Bewegung von außen, die auf die Mitte schaut. Kein Wunder also ist ECSTASY OF THE ANGELS einer der bekanntesten weil exemplarischsten Filme von Wakamatsu, in der diese beiden Themenkomplexe Politik und Sex in exzessiv-paranoider Form auf spektakuläre Weise implodieren, gezeigt anhand einer Gruppe junger Leute, deren Terrorzelle sich aufgrund interner Rivalitäten und gegenseitiger Interessen selbst zerlegt.

Es ist ein sehr befremdlicher, kalter Film, dem alle Leidenschaft ausgesaugt scheint und der, nachdem ich nun doch einiges von ihm gesehen habe, stark aus seinem Oeuvre rauszustechen scheint; weil der Film eine eindeutige Message hat, eine gewisse gefühlskalte und nüchtern ablaufende Funktionalität ausstrahlt, gleichwohl dieser Ablauf völlig anarchisch und turbulent daherkommt. Als ob sich hier der Einfluß von - "militant filmmaker" (Chris D.) - Masao Adachis politischer Agenda, der wieder einmal mit am Drehbuch geschrieben hat (hinter dem Kollektiv-Pseudonym Izuru Deguchi, das in den Credits auftaucht, verbergen sich Wakamatsu selbst, Masao Adachi und Atsushi Yamatoya), stärker entfalten konnte, als in anderen Filmen. Denn in ECSTASY OF THE ANGELS geht es vor allem erstmal um Politik: um eine japanische Terrorzelle, die sich in politischen Grabenkämpfen selbst auflöst. Um welche genau, wird nicht gesagt. Zu dieser Zeit gab es in Japan viele verschiedene radikale Gruppierungen, die sich gegen die Besatzungsmacht Amerika auflehnten und sich damit auch gegen die amerikafreundliche Politik der eigenen Regierung stemmten und ihr vorwarfen, mit den Amis gemeinsame Sache zu machen (ANPO Sicherheits-Abkommen). In der Folge kam es verstärkt zu Unruhen, vor allem in Großstädten und Universitäten, die intellektuelle Szene radikalisierte sich. So beginnt ECSTASY OF THE ANGELS mit einer Operation der Gruppe um den Anführer mit dem Pseudonym "Oktober", die bei Nacht auf eine amerikanische Militärbasis eindringen um Waffen zu stehlen. Der Coup geht schief, einige werden erschossen, Oktober wird schwer verwundet gerettet. Doch er verliert sein Augenlicht, worauf der Stab der terroristischen Zelle ihm die Führung seiner Untergruppierung entzieht. Daraufhin zerreibt sich die Gruppe untereinander, spaltet sich in verschiedene Splittergruppen, und der blinde Oktober scheint schließlich groteskerweise der einzige zu sein, dem noch etwas Weitsicht geblieben ist. Die Szenen der gegenseitigen Bekämpfung werden immer wieder auch sexuell illustriert (sowieso wird ständig penetriert, als Druckmittel auch vergewaltigt) und gipfeln in einem absurden Porno-Photoshooting mit zwei Prostituierten in Schulmädchenuniform, das nun mit den Idealen der Bewegung überhaupt nichts mehr zu tun hat.









Kôji Wakamatsus politische Orientierung ist zwar deutlich zu erkennen, aber er scheut sich nicht vor der Kritik an den eigenen Genossen - auch hier ist Wakamatsu Außenseiter und lässt sich nicht vereinnahmen. Seine Filme sprechen allesamt eine deutliche Sprache der Kritik nicht nur an den gesellschaftlichen Zuständen, sondern vor allem, ganz der Nestbeschmutzer, an den verschiedenen linken Gruppierungen und ihren verschiedenen subkulturellen Ausprägungen (man denke etwa an die von ihm gehasste Hippie-Bewegung). Ziellos, egoistisch, unorganisiert, kannibalistisch, so erscheinen die Aktivisten in seinen Filmen - in  ECSTASY OF THE ANGELS findet das seinen Höhepunkt. Auf Plotebene sicherlich auch darin, wie gegen Ende einer der Genossen wahllos Sprengsätze an öffentlichen, zivilen Orten zündet (Wohnhäuser, Gaststätten, Einkaufspassagen, Busbahnhöfe usw), was vielen Menschen das Leben kostet. Wakamatsu schneidet dann, ganz dem Authentischen verpflichtet, Zeitungsmeldungen hinein, die dieses sinnlose Verhalten anprangern (vgl. die Bilder der Aufstände in Tokyo durch die Studenten, die Wakamatsu von einem Hausdach für seinen Film SEX JACK gemacht hat). Die linke Protestbewegung erhält bei Wakamatsu eine Klatsche, wie sie härter nicht ausfallen könnte: getarnt als Erwachsenenfilm (wohl um den kommerziellen Bedingungen des Genres zu genügen - und um vielleicht ein bißchen Spaß zu haben), selbst wie eine Sprengbombe funktionierend, die nicht nur unter dem Trenchcoat des Softsex-Enthusiasten, sondern auch in dessen Birne hochgeht.

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Ein tolles Interview mit Kôji Wakamatsu findet sich in Chris D.s Buch Outlaw Masters of Japanese Cinema, das sich hier problemlos bestellen lässt. Daraus stammt auch obiges Zitat. Außerdem empfehle ich begleitend die Sichtung von Yasuzo Masumuras A False Student von 1960, der hier wunderbar als companion piece zur weiteren Vertiefung des Themas passt. Ein aktuellerer Film zum Thema, der sich aus anderen, eigentlich den falschen Gründen - nämlich skandalösen - bis nach Europa verbreitet hat, wäre Kazuyoshi Kumakiris Kichiku dai enkai (1997).

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