Direkt zum Hauptbereich

The Complex (Hideo Nakata, Japan 2013)


Die Schwesternschülerin Asuka (Atsuko Maeda) zieht mit ihren Eltern in einen seltsam heruntergekommenen Apartment-Komplex, der sich in einem der Vororte Tokios befindet, und über den sie kurze Zeit später von ihren Mitschülerinnen erfährt, dass es ebendort spucken würde. Und abgesehen davon, dass die ganze Anlage häufig merkwürdig entvölkert wirkt, scheint da eine tiefe Stille vorzuherrschen. Aber, man hört den Wind, die Sonne berührt das Gesicht der Haut, wenn man über den Spielplatz geht. Dort freundet sie sich mit einem Nachbarsjungen an, der sich zunächst vor ihr fürchtet, dann aber Zutrauen fasst. Morgens wird sie von einem Weckerläuten wachgerüttelt, das kommt von nebenan. Doch dort wohne nur ein einsamer, alter Mann, sagt man ihr. Irgendwann hat sie es aber satt, dass man ihn nicht zu Gesicht bekommt und geht einfach hinein in diese zugemüllte Höhle voller Schatten und dicker Gerüche. Dort findet sie ihn, eine ausgetrocknete, leblose Hülle, was einst ein Mensch war, der sich durch die Wand kratzen wollte – wohl zu ihr selbst hinüber, aus Angst vor dem kommenden Tod.

Dann aber verschiebt sich der Horror nach innen, ins Psychologische. Ist es doch nur Asuka, die sich all das ausdenkt, phantasiert, traumatisiert, geschädigt von einem Erlebnis aus der Kindheit? Ist es eine Schuld, die sie mit sich herumschleppt? Immer wieder werden schnelle Bilder eines Autounfalls dazwischengeschnitten, die darauf hinweisen, dass hinter der Sache, die wir im Film zu sehen bekommen, noch eine weitere Ebene lauert – eine womöglich schrecklichere, die sich in die Wirklichkeit hinein Bahn brechen wird?


***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Adolf Muschgs Roman 'Heimkehr nach Fukushima': von der Liebe im Schatten des Reaktors (C.H. Beck, 2018)

Der kognitive Sprung vom "Löschwasser zum Fruchtwasser", den der Architekt Paul Neuhaus in Adolf Muschgs neuem Roman Heimkehr nach Fukushima anstellt, ist ein gewaltiger. Und der Schritt über diesen semantischen Graben hinweg ist so groß, wie einer über die Gräber der toten Japaner des Unglücks vom März des Jahres 2011. Man fühlt sich manchmal etwas unwohl damit und befürchtet, dass es der Autor mit der augenzwinkernden Bildlichkeit etwas übertreibt. Denn das Buch arbeitet mit vielen Dopplungen und Spiegelungen, die den Adalbert Stifter-Narren Paul Neuhaus aus dem Rheintal auf Einladung eines befreundeten Ehepaars nach dem japanischen Fukushima führen.

 Man will Neuhaus vom Gast zum Vermittler machen, denn der Bürgermeister eines verstrahlten Ortes in der Region um den Meiler von Fukushima will diesen wiederbeleben. Normalität soll eindlich ein-, und die ehemaligen Einwohner mögen bitte zurückkehren. Den deutschen Intellektuellen braucht er für seine Idee einer internati…

Ali's Wedding (Jeffrey Walker, Australien 2017)

Nachdem der talentierte aber leider erfolglose Ali die Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium an der Universität von Melbourne verpatzt hat, bringt er es nicht übers Herz, seinem Vater den Misserfolg einzugestehen. Der Sohn war die große  Hoffnung des muslimischen Klerikers, der das Zentrum der arabischen Community darstellt, und höchstes Ansehen genießt. Dass dessen Rivale nur auf einen Misserfolg Alis hofft, um selbst den Platz des Vaters einnehmen zu können, ist ein Seitenerzählstrang, der einen hochinteressanten Handlungsverlauf innerhalb der Moschee voranschiebt.
 Das sind humoristische und tolle Einblicke hinter die Kulissen, die man nicht jeden Tag bekommt. Jedoch: Ali lügt. Er habe hervorragend abgeschlossen - und wird nun als Wunderkind gehandelt und sieht sich alsbald gezwungen, ein Leben an der Uni vorzutäuschen. Dort läuft er aber nicht nur permanent dem Sohn des Konkurrenten seines Vaters über den Weg, sondern auch der schönen Libanesin Dianne, in die er sich Hals über Kopf…

HERRMANN (Reda, Deutschland 2012)

Ein nicht mehr ganz junger Familienvater, der aus der linksalternativen Szene zu stammen scheint und der  mittlerweile wohl ziemlich in der Bürgerlichkeit angekommen ist, verabschiedet sich eines Abends von seiner Frau/Freundin und seinem bereits schlafenden Kind, da er noch auf einen Geburtstag will. Sein halb schelmisch-unterwürfig ausgedrückter Wunsch, anschließend noch kurz aufs Konzert zu gehen (dem ein echtes Begehren zugrunde zu liegen scheint, da seine Stimme schon zu zittern beginnt), wird von der verantwortungsbewußteren, vernünftigen Herzdame mit Stirnrunzeln weggeknutscht. Vermutlich kennt auch sie das Lied von der Punkband Oma Hans, wo die Mädchen auf dem Konzert einfach besser küssen als sonstwo. Da muss sie gar nicht mehr viel zu sagen, es liegt alles in ihrem Blick: er soll halt endlich mal erwachsen werden, dieser Berufsjugendliche. Schließlich gibt es jetzt Familie. Und eigentlich hatte er ja auch schon kapituliert, bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hat. Da kan…