Direkt zum Hauptbereich

A Pool without Water / Mizu no nai puuru (Kôji Wakamatsu, 1982)


Überdeutlich ein Film der 80er Jahre: körnige Farbflächen, Neonlicht, Großstadt. Melancholische Synthieflächen zu den Gesichtern von Menschen, die sich in sich selbst zurückgezogen haben. Da ist ein Familienvater, der den Alltag nicht mehr erträgt: er arbeitet bei den Verkehrsbetrieben, steht den ganzen Tag am Eingang zur U-Bahn und muss Fahrscheine entwerten. Auf dem Screenshot oben sieht man seine Hand mit dem Locher, den er in rasender Geschwindigkeit und in panischen Rhythmen zusammenklackert, ein Stakkato zur elegischen Hintergrundmusik. Ein sprechendes Bild ist das: äußerlich scheint er völlig ruhig zu sein und abgetaucht in die Monotonie seiner endlos öden Arbeit - dieses Detail aber offenbart, wie sehr er innerlich aufgeladen ist.

Diese Spannung überträgt sich bald auf die Handlung und findet ein Ventil - mehrfach wird er Zeuge, wie verschiedene Menschen, meist Frauen, Opfer von Rücksichtslosigkeiten, rüpelhaftem Benehmen oder gar körperlicher Gewalt werden. Da ist er dann der Mann, der rot sieht, und für Ordnung sorgt. Oder sorgen will, oft genug bekommt er selbst eines auf die Mütze. Seine Familie vernachlässigt er immer mehr, bald ist er auch abends und nachts unterwegs. Da begegnet er zwei Frauen nacheinander, die er zum Schutz nach Hause bringt - sie wohnen zufällig zusammen und eine der beiden scheint an ihm interessiert. Er kommt öfters vorbei und kontrolliert, ob sie auch die Türe verschlossen haben, oder ob das Fenster offensteht. Wie es dann so kommen muss mit der Obsession kippen diese leicht übergriffigen Handlungen und machen einem Begehren Platz, das sich nimmt, was es will. Mit Chloroform beginnt er zu experimentieren und setzt die Mädchen in einen unfreiwilligen, ohnmächtigen Tiefschlaf. Mit einer Atemmaske geschützt, besteigt er dann seine Opfer (vier Jahre vor David Lynchs BLUE VELVET). Diese wissen am nächsten Morgen nicht, wie ihnen geschehen ist - vor allem steht merkwürdigerweise ein liebevoll zubereitetes Frühstück auf dem Esstisch...

Wakamatsu gelingt es immer wieder, den Zuschauer herauszufordern. Könnte man zunächst noch denken, dass bei einem Regisseur, der mehrere Dekaden in der japanischen Sexfilm-Industrie gearbeitet hat, der Plot nur ein Alibi sei um gesichtslose Rammelsequenzen zu verknüpfen, so belehrt einen A POOL WITHOUT WATER  ein weiteres Mal eines Besseren (und die ganzen vorigen Reviews hier auf der Seite sollten das ebenso verdeutlicht haben). Zunächst einmal sieht der Film unglaublich gut aus in seiner Großstatdt-Tristesse, die offenkundig Ausdruck der inneren Verlorenheit der Hauptfigur zu sein scheint. Dann hat man es hier tatsächlich mit einem sich entwickelnden Plot zu tun, einer konkreten Handlung, sowie einer charakterlichen Entwicklung der Hauptfigur. Am meisten vor den Kopf stößt vermutlich die Fürsorglichkeit des Vergewaltigers - so grotesk das klingen mag. Außerdem werden seine Taten nicht unter einer Plüschdecke des Weichzeichners beschönigt, die das Geschehen auf irgendeine perfide Art romantisieren würde. Gleichwohl aber sieht man einen Mann, der seine "Bestimmung" findet, da er es wagt, seinen Trieben nachzugehen. Die Sexszenen werden dabei völlig unerotisch abgebildet, schon viel eher sind seine photographischen Bestrebungen bemerkenswert. Auch im Sinne des Tabubruchs. Auf geradezu liebevolle Weise arrangiert er die bewußtlosen Mädchen vor der Linse seiner Kamera zu erotisch bizarren Tableaus um kunstvolle Photos zu machen, die dann auch von Wakamatsu als schöne Arrangements eingefangen werden (und die dann der Zuschauer goutiert).

Der Regisseur freilich bewertet erstmal nichts. Er begnügt sich damit, abzubilden und zu konfrontieren. Würde er einen moralischen Standpunkt zum Gezeigten einnehmen, wäre der Zuschauer an der Hand genommen und wüßte, wie er sich verhalten soll oder könnte. So bleibt also immer die Frage, weshalb man sich diesen Film denn eigentlich gerne anschaut. Das ist die Verunsicherung, auf die Wakamatsu abzielt. Aber ganz auf jeden Kommentar verzichtet er dann doch nicht - eine Ursache liegt, laut Film, zweifellos in der japanischen Gesellschaft, die dem einzelnen Bürger ein strenges Korsett anlegt, welches ihn dazu verdammt, ein ödes Leben zu führen das alle Leidenschaften unterdückt. Der Pool ohne Wasser ist dabei das allegorische Zentrum des Films, ein Ort, an dem der Täter mehrfach eine der beiden Protagonistinnen trifft. Es ist ein Ort, der seine Bestimmung verfehlt und ohne Nutzen ist, ein kalter Ort wie aus einer anderen, überweltlichen und sinnbildlichen Sphäre (vgl. DEEP END von Jerzy Skolimowksi (1970), wo die Protagonisten ebenfalls in einem leeren Schwimmbecken ihre sexuellen Phantasien ausleben) - in A POOL WITHOUT WATER allerdings wird das Schwimmbecken ein Symbol der Verlorenheit und Einamkeit seiner Figuren.







Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Im Zick-Zack durch den Zombie-Film: ONE CUT OF THE DEAD (Shinichiro Ueda, Japan 2017)

Den Film habe ich vor etwa zwei Wochen gesehen und es ist ganz interessant, was noch in der Erinnerung von ihm übrigbleibt. Und das ist eigentlich recht viel. Was vor allem, wie ich glaube, daran liegt, dass er geschickt mit "Bild-Ankern" arbeitet. Zum Beispiel mit der Pyramide am Ende, die vergisst man nicht so schnell. Genausowenig wie das Haupt-Setting, die verlassene Fabrik. Oder dann den dritten Schauplatz, einen gesichtslosen Büroraum mit 08/15-Mobiliar und wenig Euphorie. Woher die ganze Saftigkeit kommt, wenn ein Film - in der Produktion - dort in dieser nüchternen Tristesse beginnt, ist auch so ein kleines Wunder. Auf der Leinwand ist er dann ja schon eine ganz andere Erfahrung.
Auf letterboxd hatte ich das schon kurz angemerkt: der Film hat ein merkwürdiges, schräges Pacing. Schnell und actionreich am Beginn, dann die Zerstörung der filmischen Illusion und der Aufbau der Backstory, dann Switch zurück und das quasi-live-Making-of. Der Film ist also ein Erzählfilm, …

HKIFF 2019 ~ Three Husbands (Fruit Chan, Hongkong 2018)

Im dritten Teil seiner Prostitutions-Trilogie, achtzehn Jahre nach Durian Durian (2000) und dem großartigen Hollywood Hong Kong (2001), verknüpft Hongkongs Independent-Regielegende Fruit Chan mehrere bisweilen schwer erträgliche Erzählstränge zu einem allzu offensiven Missbrauchsdrama.

 Inhaltlich relativ komplex und stark verwoben mit seinem Handlungsort Hong Kong und den umliegenden chinesischen Provinzen, wird die Hauptfigur Ah Mui von der furchtlosen Chloe Maayan als geistig  leicht behindertes Tanka-Boot - Mädchen kongenial gespielt. Eine junge Frau, die von ihren drei Ehemännern an jeden dahergelaufenen Zahlungswilligen verkauft wird. Der Film ist allerdings ästhetisch unfassbar krude umgesetzt, vor allem wenn es um die Metaphorik für den Geschlechtsakt oder generell die weibliche Fruchtbarkeit geht, deren Bann sich "der Mann" wie schicksalshaft einfach nicht entziehen kann.
 Die Inszenierung des weiblichen Geschlechts in seinen verschiedenen metaphorisierten Darstell…

Im Wahnsinn nachtdunkler Farben: The Ghost Bride (Chito S. Rono, Philippinen 2017)

The Ghost Bride ist einer der unzähligen philippinischen Grusel-Horror-Filme, die in ihrer tendenziell dilettantischen Machart hochsympathisch sind, auch weil es ihnen immer wieder gelingt, für Abwechslung und damit Überraschung zu sorgen: immer wieder spektakulär tolle Bilder, die aus einem Wust aus TV-Film-Optik herausragen, komische Geister aus dem südostasiatischen Raum (hier auch aus der chinesischen Mythologie) inmitten unzähliger amerikanisierter Jump-Scares, saturierte Farben verstörender Alpträume in einem Einheitsgrau der Bildgestaltung. Plötzlich hervorbrechend gutes Schauspiel in einem bisweilen an Overacting leidenden und an Ungelenkheiten krankenden Geisterfilm. Also Dinge, die verstören, faszinieren, begeistern. In einem Film, der streckenweise ziemlich öde, der in seiner Narration behäbig ist, und bei dem man immer wieder den Überblick verliert. Weil er vollgestopft ist mit Nebenhandlungen. Es ist eine typisch philippinische, schwer in sich verästelte Überforderung mit…