Direkt zum Hauptbereich

New Woman / Xin Nuxing (Cai Chusheng, China 1935)


In den 1920er Jahren lebt die junge Lehrerin und ambitionierte Schriftstellerin Wei Ming (Ruan Lingyu) in Shanghai, wo sie erste literarische Erfolge feiert - freilich ohne etwas dabei zu verdienen. Das Manuskript ihres ersten Romans versucht sie über ihren Bekannten, Lektor Yu Haichou (Zheng Junli), bei dessen renommierten Verlag unterzubringen - was erst gelingt, als der lüsterne Verleger ein Photo von ihr zu sehen bekommt. Wer so appetitlich aussieht, kann gut vermarktet werden! denkt er sich, und das Buch geht in Druck. Zwischenzeitlich allerdings wird ihr an der Schule gekündigt, sodaß sie auf den Erfolg des Buches hoffen muss - und unglücklicherweise ist auch nicht mehr ihre Schwester dazu in der Lage, nach ihrem vaterlosen Kind zu sehen, für das diese, auf dem Land wohnend, gesorgt hatte. Die beiden reisen nach Shanghai an, und als ob das noch nicht genug wäre, erkrankt auch noch die Tochter. Das Geld reicht plötzlich hinten und vorne nicht mehr, und Wei Ming muß sowohl die Avancen lüsterner alterer Herren abwehren, die sie zudem zur Prostitution überreden wollen, wie auch für ihre Familie sorgen; denn die Schulden türmen sich in kürzester Zeit.

NEW WOMAN ist ein chinesisches Stummfilmdrama, das glücklicherweise - wenn nicht in voller Länge - doch recht vollständig erhalten sein dürfte. In den 80ern ist eine zurückhaltende musikalische Untermalung erstellt worden, und später wurden kurioserweise noch die Zwischentitel mit Sprechern vertont. Diese hört man aber ausschließlich während der Titeleinblendungen, nicht während der gezeigten Dialoge. Auch auf der Effektspur wurde ebenso mehrfach nachgeholfen, und einfache Geräusche wie Händeklatschen, das Gestampfe von Stiefeln, oder die Geräusche eines herannahenden Zuges wurden zusätzlich eingefügt. Das Bild ist teilweise sehr zerrüttet, stellenweise aber noch hervorragend erhalten. NEW WOMAN ist inhaltlich ohne Zweifel ein modernes Drama, das auch heute noch aktuell ist. Man erinnere sich nur an das "Mädchenwunder", das Ende der 90er den deutschsprachigen Buchmarkt umkrempelte, und dem immerwieder der absurde Vorwurf untergeschoben wurde, dass das Aussehen der Schriftstellerinnen wichtiger sei, als deren Bücher. Tagesaktuell hingegen die Diskussionen über das Karrierebewußtsein unverheirateter Frauen, denen eine Heirat nicht in den Sinn kommen will, oder generelle emanzipatorische Impulse, die bei der Männerwelt auf Unverständnis stoßen. Die Anhäufung der Schicksalsschläge, die über die Protagonistin hereinbrechen, mag etwa overdone anmuten; gleichwohl bleibt dies im Filmverlauf stets glaubhaft. Und der Absturz nimmt seinen Lauf, wenn niemand ihr unter die Arme greifen will - weil sie entweder zu stolz ist, darum zu bitten, oder man sie daran erinnert, dass in den schönen Künsten eben mit schnödem Geld nicht gerechnet werden darf - Idealismus sei gefragt. 

Vorbild für die Figur der Wei Ming war die in Shanghai arbeitende Schauspielerin Ai Xia (1912-1934), die sich, nach sieben Filmen und erst 21 Jahre alt, mit einer Überdosis Opium das Leben genommen hatte. Nachdem XIN NUXING in der konservativen Kritik und der Boulevardpresse heftig unter Beschuß geriet, die Produktionsgesellschaft Lianhua zu Kürzungen genötigt und zu einer öffentlichen Entschuldigung gedrängt wurde, war auch der Druck auf den Star des Films, Ruan Lingyu, riesengroß geworden. Vor allem, da sie sich selbst in den Klatschspalten wiederfand, nachdem sie sich von ihrem ersten Ehemann hatte scheiden lassen. Kurze Zeit später nahm sie sich tragischerweise, wie die Heldin des Films, mit Schlaftabletten das Leben.

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Tora-san: Our Lovable Tramp / Otoko wa tsurai yo / Tora-San 1 (Yoji Yamada, Japan 1969)

Nach zwanzig langen Jahren des Umherstreifens kehrt Torajiro (Kiyoshi Atsumi) nach Hause zurück: nach Shibamata, einem Vorort von Tokyo. Seine Schwester Sakura (Chieko Baisho) lebt mittlerweile bei Onkel und Tante, da die Eltern verstorben sind. Dort wird er mit offenen Armen empfangen, auch wenn alle wissen, was er für ein Herumtreiber ist. Sakura steht kurz vor der Hochzeit mit dem Sohn eines reichen Industriellen. Somit wäre für ihre Absicherung gesorgt. Zum gemeinsamen Essen mit dessen Eltern nimmt sie Tora als Begleitung mit; das allerdings war ein Fehler: in fantastisch kopfloser Weise betrinkt er sich und ruiniert mit seiner gespielten weltläufigen Gesprächsführung die Zusammenkunft - er verstößt in jeder Form gegen die gebotene Etiquette. Wie er auch im Folgenden, wenn er sich in die Brust wirft, um etwas für andere zu regeln, ein pures Chaos schafft und alles durcheinander bringt. Der Film allerdings ist keine reine Komödie. Denn Tora werden die Verfehlungen vorgehal

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine schöne

Nippon Connection 2018 - Das Programm.

 Es ist für mich mittlerweile zur Tradition geworden, Ende Mai über Fronleichnam nach Frankfurt zu reisen und eine knappe Woche beim Nippon Connection Film Festival dem japanischen Film zu huldigen. Es gibt aber noch einen Grund, dies jedes Jahr zu wiederholen: die Atmosphäre des Festivals ist einzigartig. Das liegt nicht nur daran, dass eigentlich alle Anwesenden ausgesprochen gut gelaunt sind (ein großer Gegensatz zur Berlinale, zum Beispiel) - sondern dass ich dort enorm viele Leute treffen kann, die mir mittlerweile ans Herz gewachsen sind. Und neue Bekanntschaften zu machen, die das Potenzial dazu hätten, wenn man sich öfters sähe. Die Begeisterung für alles Japanische scheint eine tiefe, unausgesprochene Verbundenheit zwischen den Festivalteilnehmern zu stiften, die für einen kurzen Moment alles möglich erscheinen lässt. Auch dieses Jahr ist das Film-Programm wieder sehr schön geworden. Neben dem tollen Rahmenprogramm, bei dem vor allem drei Veranstaltungen für mich hera