Direkt zum Hauptbereich

Century of Birthing / Siglo Ng Pagluluwal (Lav Diaz, Philippinen 2011)


Am Ende, da löst sich alles in Tanz auf. Diejenigen, die ihren Platz im Gefüge verloren hatten – die wahnsinnig gewordene Schwangere und der Regisseur, der sich in einem jahrelangen Schneidemarathon seines letzten Filmes verloren hat – erobern sich den Raum zurück als zwei um sich selbst drehende Fixpunkte, die, sich gegenseitig erkennend, ins Jauchzen geraten. Ein kurzer Moment der Erfüllung ist das, oder, weil das Thema Religiosität in diesem Film zentral ist, vieleicht auch überhöht und erhabener formuliert: ein Moment der Erlösung. Bevor dann in der letzten Einstellung der Regen auf die Dächer der Hütten und Häuser plattert, so wie er es immer tut und der Raum freigegeben wird für die nächste Erzählung, die nächste Geschichte, den nächsten Film.

 Sechs Stunden später also, ganz am Ende von Lav Diaz’ A Century of Birthing steht der Neuanfang. Und das ist nicht das Einzige, was in diesem Film geboren wird (werden soll) – womit der Film, der mir im Vergleich zu anderen Werken, die ich von Diaz kenne, eine merkwürdig runde Form aufweist und damit eine gewisse Geschlossenheit und Harmonie suggeriert. Auch wenn diese Gestaltetheit in sich wieder eine Offenheit birgt; denn vielleicht sind die Figuren nun vollends dem Wahnsinn anheim gefallen (aber vor solchen großen, überhöhten Gesten muss man sich hüten). Eine Offenheit jedenfalls, die auch der Zuschauer mitbringen muss, wenn er sich einem solchen Mammutfilm ausliefern möchte – und auch klar, Diaz kann natürlich noch viel länger, auch doppelt so lang. Century of Birthing, den man sich neulich bei mubi in voller Länge im Stream anschauen konnte, gehört also zu seinen mittellangen Werken und wäre schon deswegen “gut für Einsteiger” geeignet. Man scheint Angst, oder zumindest Respekt zu haben vor einer solchen Filmlänge, die einem nicht nur Sitzfleisch, sondern, ja: Lebenszeit ab- und auch einfordert. Zwei Zeiteben, die sonst getrennt sind im Kino und nur im besten Falle aufgehoben werden, verschmelzen miteinander (und noch viel weiter sind sie in der Regel zuhause von einander getrennt, wo man gerne mal mit der Fernbedienung spielt). Persönliche Zeit wird bei Diaz Zeit mit dem Film, und der Film spürbar zum Teil der eigenen Lebenszeit...


***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Strenge Kompositionen, die beschädigt werden: Jun Tanakas verstörender Horrorfilm BAMY (Japan, 2017)

Schon in den ersten Minuten wird vollkommen klar, wie souverän Jun Tanaka in seinem Spielfilm-Regiedebüt agiert: lange Phasen ausgedehnter Ruhe wechseln sich ab mit subtilen, dabei intensiven Störungen des allzu gewohnten Alltags. Ein Schirm, der plötzlich durchs Bild fliegt, ein alter Bekannter, der plötzlich auftaucht und schräg unter dem Kapuzenpulli hervorschaut sind Elemente schon ganz am Beginn des Films, die eine stark verunsichernde Atmosphäre erschaffen. Strukturell wird der Film zunächst über seine Kamerabewegungen definiert: eine senkrechte Achse (die Fahrt der Protagonistin im gläsernen Fahrstuhl) wird um eine waagerechte Achse (der Weg über den Vorplatz) ergänzt, was dem Film den Eindruck einer genau durchdachten Konstruiertheit und somit  Zielgerichtetheit zugrundelegt, die durch das Element des herabfallenden Schirms aufgebrochen wird. Strenge Kompositionen, die beschädigt werden. Geometrien. Bild-Ton-Scheren. Außerdem erklingen auf der Tonspur urplötzlich abstrakte …

Banshiwala (Anjan Das, Indien 2010)

The sixth film of Bengali film director Anjan Das is a slowly moving arthouse film which features good actors and beautiful music. It is a literary adaption from the novel The Flautist by Shirshendu Mukhopadhyay and that instrument obviously has been one of the inspirations for the very lyrical, melodical songs here. Anjan Das already died in 2014 after directing eight feature films - for Banshiwala he was awarded two prices at international film festivals.

 The film basically asks the moral question if a house as a building is merely a property (of investment) or if it's somehow a sacred place of remembrance. In this case, the house even is a little bit run-down but still an impressive ancestral manor which bears memories of multiple generations of the family. So, selling it would be the equal to giving away the familial heritage. But there's a dark and hidden secret, too, which has to be challenged as the story comes to a close. In some abstract scenes, the fil…

Mad World - Hong Kong's entry for the foreign language Oscar (Wong Chun, 2016)

Wong Chun's debut feature film is not really part of the Hong Kong International Film Festival, but one I did see during my stay here at Mongkok's Broadway Circuit outlet as a regular screening on a sunday morning.

It's a quiet and atmospheric film that is quite beautifully shot and extremely well acted by Eric Tsang (kudos!) and Shawn Yue, his son suffering from bipolar disease. It's a film about fatherhood and responsibilities, about getting old in financially difficult times. They both live in a shared flat with three other parties. No one seems to be able to pay rent anymore in Hong Kong. It's really depressing.

Mad World is definitely worth watching, as it has been screened in Busan and in Toronto. It got mixed reviews overall, but I really don't understand why. There are no loose ends, the plot is fragmented with flashbacks to family history, but that always makes sense and adds to the depth of the characters. I really liked it and recommend…