Direkt zum Hauptbereich

Azooma / A Fair Society / Gongjeongsahoe (Lee Ji-seung, Südkorea 2013)


Nicht nur, aber gerade in den letzten Jahren hat sich das Filmland Südkorea besonders mit seinen Rache-Thrillern hervorgetan - zumindest was die internationale Wahrnehmung betrifft. AZOOMA ist ein weiterer Vertreter dieser Gattung, einer, der in seiner formalen Struktur, in den verschiedenen Ebenen der korrespondierenden Flashbacks recht kunstvoll verschachtelt ist, und der über diese Verknüpfungen sukzessive die Hintergrundstory aufblättert.  Das zentrale Sujet des Filmes ist brisanterweise ein Kindesmißbrauch, genauer: die zehnjährige Tochter Yeon-ju (Lee Jae-hee) der Protagonistin Yoon Young-nam (Theaterdarstellerin Jang Young-nam in ihrer ersten Hauptrolle, die aber auch schon in A WEREWOLF BOY, THE NEIGHBOR oder HINDSIGHT überzeugen konnte) wird eines Tags nach der Schule von einem vorbeikommenden Autofahrer entführt und missbraucht. Schwer traumatisiert überlebt sie die schrecklichen Ereignisse, doch als die Mutter die schleppenden Ermittlungen der Polizei anschieben will, stößt sie auf merkwürdige Hindernisse.

Ihr geschiedener Gatte und Vater des Kindes etwa wiegelt immer wieder genervt ab, er verlustiert sich lieber mit seiner neuen Assistentin und meint, das Kind würde die Sache schon vergessen. Der ermittelnde Inspektor Ma (Ma Dong-seok) hat angeblich zuviel um die Ohren, und sein Telephon klingelt tatsächlich auch die ganze Zeit, als dass er sich in ausreichendem Maße um diesen Fall kümmern könnte. Es dauert eine Ewigkeit, bis einmal eine Psychologin sich des Kindes annehmen darf, zuvor wird sie von den schwer empathielosen Ermittlern zur Sache gelöchert. Oder als Azooma den Täter wiedererkennt und ihn durch die schmutzigen Seitengassen Seouls verfolgt, kommt ihr nicht nur niemand zuhilfe, sondern die eintreffenden Polizisten halten sie für eine durchgedrehte Ziege.

Wie der ironische Titel A FAIR SOCIETY bereits andeutet: fair ist hier gar nichts. Und so geht es dem Film offensichtlich nicht nur um das schmutzige Geschäft eines kleinen Revenge-Thrillers, sondern um mehr. Es geht darum, wie die Gesellschaft unliebsame Ereignisse beiseite schiebt oder unter den Teppich kehrt. So wird an mehreren Stellen thematisiert, dass eine Verhaftung bei solcher Beweislage sowieso nichts bringen würde, dass selbst bei einer Verurteilung der Täter bald wieder frei käme und dergleichen mehr. Vor diesem Hintergrund ist auch das intensive Spiel der Protagonistin zu sehen, die zunehmend hysterischer wird - und damit immer mehr auf sich selbst gestellt ist und zugleich ins Abseits rückt. Mit ihr will bald schon keiner mehr zu tun haben. Anstatt der Ermittlung zu helfen, schadet sie ihr, wenn sie ihr Recht einfordert. Der Begriff Azooma bezeichnet wohl auch nicht nur ein verheiratete, mittelalte Frau, sondern ist pejorativ konnotiert. Der Haupttitel, unter dem der Film firmiert, bezeichnet somit den Blick von außen, wie die Protagonistin von den anderen Figuren gesehen wird.

Der Film gilt als engagierte Kleinproduktion und es ist beachtlich, wie souverän des Debut Lees ausgefallen ist. Aber der Mann ist kein Neuling im Business, er ist einer der Produzenten des Tsunami-Katastrophen-Blockbusters HAEUNDAE. Gleichwie: Sein Ziel verfehlt er dennoch. Denn die eigentliche Rachhandlung, die die letzten zwanzig Minuten einnimmt, ist eine groteske, überdeutliche Gewaltorgie, die in ihrer expliziten Darstellung für einige Magenverstimmungen zum Beispiel beim Internationalen Filmfestival in Busan gesorgt haben dürfte. Wie hier die Kamera draufhält, ist schon sehr, ja, geschmaklos - und das ist besonders enttäuschend, da die potentiell schwierig abzubildenden Missbrauchsszenen des Kindes zuvor dezent gelöst worden waren. Sehr ärgerlich ist das, wenn dann der Film am Ende so draufhaut, und das ohne Mehrwert. Vermutlich hat man hier zynischerweise auf die Marktwirksamkeit des Schocks gesetzt, und damit diesen durchaus ambitionierten Film kaputt gemacht. Schade.

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

The Woman who wanted to Die / Segura magura: shinitai onna (Kôji Wakamatsu, Japan 1970)

Ein wahnsinnig schöner Film von Wakamatsu mit einem etwas verwickelten Plot: in einem tief verschneiten Provinznest verbringt ein beinah schon vermähltes Liebespaar ein paar gemeinsame Tage, doch reist ihnen der ehemalige Geliebte der Frau, ein heißblütiger Student, hinterher. Der befreundet sich, dort angekommen - überraschend und auch sexuell - mit einer älteren, reifen Frau, der Wirtin seines Gasthofes. Diese aber ist die ehemalige Geliebte seines Rivalen, des Mannes seiner Freundin. Damals liebten sich die beiden innig, aber ihre Liebe hatte keine Zukunft. Sie hatten sich dazu entschieden, den Doppelselbstmord aus Liebe   durchzuführen, was aber an der Willensstärke des Mannes gescheitert war, der sich, nachdem er die Frau mit einem Schwerthieb niedergestreckt hatte, nicht selbst töten konnte. Fortan quälte ihn die Gewissheit, seine große Liebe emordet zu haben, aber selbst zu feige gewesen zu sein. Die Frau jedoch überlebte schwerverletzt, zu einem Leben im Leid fern des Ge...

Wenn Kunst und Qual und Lust zusammen kommen ~ IREZUMI - The Spirit of Tattoo (Yoichi Takabayashi, Japan, 1982)

  Yuki no hana , Blumen des Schnees sind es, die auf perfekte Haut tätowiert werden; Abbildungen, die besonders gelingen, wenn beim Akt des Stechens die körperliche Ekstase einhergeht. In diesem Erotik-Drama, das die Kunst des Tätowierens vor allem auf seinen spirituellen Überbau hin abklopft, gerät das Leben einer Frau aus den Fugen. Die Erfahrungen, die sie macht, verändern sie über die Zeit völlig und so weiß am Anfang niemand, wo das enden wird - jedenfalls nicht dort, wo es die dominante Männergesellschaft vorgesehen hatte. Im Hintergrund lauert aber ein größeres Drama, das sich später enthüllt - und auch hier ist das Motiv der Schneeflocke zentral.  Hideo Fujii, ehemals Technik-Assistent bei Hideo Gosha und Nagisa Oshima ist Kameramann bei Yoichi Takabayashis IREZUMI (aus dem Jahr 1982 - nicht mit dem gleichnamigen Film von Yasuzo Masumura verwechseln), ist in IREZUMI für die Kamera verantwortlich. Die Bilder sind gelungen in ihrem manchmal etwas biederen Vers...

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...