Direkt zum Hauptbereich

Thuppakki / The Gun (A.R. Murugadoss, Indien 2012)


Thuppakki, ein tamilischer Actionthriller, der aber in Mumbai spielt, hält sich sehr gut in der IMDb mit einer Bewertung von 7,8 Punkten. Wo diese gute Bewertung herrührt, ist mir indes schleierhaft. Qualitäten irgendeiner Art kann der Film allenfalls auf einer subtilen subkutanen Ebene aufweisen, die mir verborgen geblieben ist. Sondern ganz im Gegenteil: er ist ein primitives, übles Ding. Sexistisch, peinlich, überdreht, erzkonservativ und auf groteske Weise gewaltverherrlichend. Die amerikanische NRA, die National Rifle Association samt Homefront-Fanatikerclub könnten sich Thuppakki in ihre Schulbibliothek stellen. Und der Protagonist, gespielt von Vijay, gibt seinen Armeeoffizier (der zugleich ein ultra-tougher Undercoveragent ist) mit einer schablonenenhaften Stümperhaftigkeit, die an normierte Grinse-Sammelklebebildchen von Fußballspieleralben erinnern. Er, der Agent in guter Sache, soll ein terroristisches Netzwerk in Mumbai aushebeln, das in jüngster Zeit durch Bombenanschläge die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt - wozu ihm jedes Mittel Recht ist. Da ist ein sadistisch inszenierer Kopfschuß noch eine Kleinigkeit, mit der Murugadoss seinen Helden Recht über die besonders üblen "sleeper cells" sprechen lässt. Und ganz am Ende, wenn man den Mist schließlich durchgestanden hat, dann werden auch noch die Heldentaten der Armeesoldaten gerühmt. Grauenhaft!

Auf einem Bahnhof freilich, wo sich die Heldenfiguren von ihren - heulenden - Angehörigen und jüngst angetrauten - und verzweifelten - Frauen verabschieden (die vermutlich schon schwanger sind Dank ihrer potenten Lenden), weil sie sich zurück zu ihrer fern entlegenen Einheit begeben müssen, im Dienste für ihr Land, für das sie sich zu opfern bereit sind, wird mit Pomp und Gefühl der Einsatzbereitschaft der Männer gehuldigt. Selbstlos sind sie, in ihrem Kampf. Agent Jagdish ist aber ein ganz besonders harter Hund, der überhaupt keine Hemmungen kennt, der auch Leib und Leben Unschuldiger einsetzt (sogar seiner eigenen Schwester!), um einen Selbstmordattentäter dingfest zu machen. Es folgt kurz darauf eine grauenhafte, verdrehte Rechtfertigungssuade, die eine solche Handlungsweise notwendig erscheinen lasse. Man mag es kaum glauben, mit was für einem zynischen Menschenbild dieser Film arbeitet - nur um sich selbst an seinem Actionplot aufzugeilen und sich in die eigene Tasche zu wirtschaften.

Natürlich, der Selbstmordattentäter ist dem Polizisten immer im Vorteil, da er auf sich selbst keine Rücksicht nimmt (ein "Vorsprung", der auch in Kathryn Bigelows Film The Hurt Locker thematisiert wird, und dort durch die Rücksichtslosigkeit des Helden gegen sich selbst eingeholt wird). In Thuppakki liegt der Fall aber anders. Denn Jagdish weitet diese Entscheidung auch auf sein Umfeld aus und beantwortet die Frage danach, ob der Tod eines Einzelnen (lies: Unschuldigen) die mögliche Verhinderung eines Todes Vieler rechtfertige eindeutig mit "Ja". Ohne den Einzelnen in die Entscheidung mit einzubeziehen. Und selbst diese Rücksichtslosigkeit wird als Hard Boiled-Element dem Agenten noch als Charakterplus gutgeschrieben; Und für den eigenen Film als Actionsequenz ausgeschlachtet. Ein unerträglicher, zynischer Film, den man sich definitiv ersparen sollte (von einer weiteren Kontroverse ganz zu schweigen). Schade um Kajal Aggarwals Leistung als love interest, die der einzige Lichtblick dieses Haufen filmischen Sondermülls darstellt. Nur mit Handschuhen anzufassen.

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Strenge Kompositionen, die beschädigt werden: Jun Tanakas verstörender Horrorfilm BAMY (Japan, 2017)

Schon in den ersten Minuten wird vollkommen klar, wie souverän Jun Tanaka in seinem Spielfilm-Regiedebüt agiert: lange Phasen ausgedehnter Ruhe wechseln sich ab mit subtilen, dabei intensiven Störungen des allzu gewohnten Alltags. Ein Schirm, der plötzlich durchs Bild fliegt, ein alter Bekannter, der plötzlich auftaucht und schräg unter dem Kapuzenpulli hervorschaut sind Elemente schon ganz am Beginn des Films, die eine stark verunsichernde Atmosphäre erschaffen. Strukturell wird der Film zunächst über seine Kamerabewegungen definiert: eine senkrechte Achse (die Fahrt der Protagonistin im gläsernen Fahrstuhl) wird um eine waagerechte Achse (der Weg über den Vorplatz) ergänzt, was dem Film den Eindruck einer genau durchdachten Konstruiertheit und somit  Zielgerichtetheit zugrundelegt, die durch das Element des herabfallenden Schirms aufgebrochen wird. Strenge Kompositionen, die beschädigt werden. Geometrien. Bild-Ton-Scheren. Außerdem erklingen auf der Tonspur urplötzlich abstrakte …

Banshiwala (Anjan Das, Indien 2010)

The sixth film of Bengali film director Anjan Das is a slowly moving arthouse film which features good actors and beautiful music. It is a literary adaption from the novel The Flautist by Shirshendu Mukhopadhyay and that instrument obviously has been one of the inspirations for the very lyrical, melodical songs here. Anjan Das already died in 2014 after directing eight feature films - for Banshiwala he was awarded two prices at international film festivals.

 The film basically asks the moral question if a house as a building is merely a property (of investment) or if it's somehow a sacred place of remembrance. In this case, the house even is a little bit run-down but still an impressive ancestral manor which bears memories of multiple generations of the family. So, selling it would be the equal to giving away the familial heritage. But there's a dark and hidden secret, too, which has to be challenged as the story comes to a close. In some abstract scenes, the fil…

Mad World - Hong Kong's entry for the foreign language Oscar (Wong Chun, 2016)

Wong Chun's debut feature film is not really part of the Hong Kong International Film Festival, but one I did see during my stay here at Mongkok's Broadway Circuit outlet as a regular screening on a sunday morning.

It's a quiet and atmospheric film that is quite beautifully shot and extremely well acted by Eric Tsang (kudos!) and Shawn Yue, his son suffering from bipolar disease. It's a film about fatherhood and responsibilities, about getting old in financially difficult times. They both live in a shared flat with three other parties. No one seems to be able to pay rent anymore in Hong Kong. It's really depressing.

Mad World is definitely worth watching, as it has been screened in Busan and in Toronto. It got mixed reviews overall, but I really don't understand why. There are no loose ends, the plot is fragmented with flashbacks to family history, but that always makes sense and adds to the depth of the characters. I really liked it and recommend…