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Buchrezension: Florian Coulmas, Die Kultur Japans - Tradition und Moderne


 Der 1949 geborene Coulmas ist Professor für Kultur, Geschichte und Sprache des modernen Japans an der Uni Duisburg und hat 17 Jahre in Japan gelebt. Er versteht es sehr gut, Kulturgeschichte anschaulich zu vermitteln und gliedert das Buch in vier Kapitel: Verhalten und soziale Beziehungen (Übergangsriten, Verwandtschaft, Etikette), Werte und Überzeugungen (Religionen und Glauben), Institutionen (Schule, Firma) und die sog. Materielle Kultur (Körper, Kleidung, Mode, Architektur, Kunst). Das Buch zeichnet sich vor allem durch eine unglaubliche Materialfülle und einen großen Detailreichtum aus, was es einerseits sehr informativ, es andererseits aber auch oft zäh erscheinen läßt, da scheinbar aus Gründen der Vollständigkeit eben noch dieser und jener Punkt abgehandelt werden muß. Überhaupt gibt es einige Überschneidungen im Text, und auch stilistisch gibt es Gegensätze: Zu einem nüchternen, universitär-wissenschaftlichen Stil gesellt sich eine Mündlichkeit, die vermuten läßt, hier wurde ein Vorlesungsmanuskript abgetippt. Außerdem werden manche kulturellen Bereiche fast überhaupt nicht abgehandelt, etwa die japanische Literatur. Das sind aber durchaus kleinere und vernachlässigbare Kritikpunkte. Denn die Hauptleistung besteht darin, Traditionslinien nachzuzeichnen und scheinbare Gegensätze plausibel aufzulösen.

 Ein kleines Beispiel sei genannt: Im Kapitel Architektur geht Coulmas ausführlich auf das japanische Wohnhaus ein. Weshalb das große klassische Dach dominiert, die Wände so dünn sind, weshalb sie verschiebbar sein mußten, weshalb die Räume für unser Empfinden so spartanisch eingerichtet sind - und weshalb das mit dem japanischen Verständnis von Ästhetik harmoniert. 

 Außerdem kontrastiert er das traditionelle Landhaus mit den modernen Stadtbauten, führt Argumente für den Betonbau an. So zeigt er eben Entwicklungslinien auf und führt scheinbar Unterschiedliches zusammen. Für den Filmfreund bedeuten diese Erkenntnisse einen eindeutigen Gewinn, lassen sie sich doch sehr gut auf Filme - ganz offensichtlich - wie Ozus TOKYO STORY anwenden. Die Gegensätze zwischen Stadt/Land, Tradition/Moderne werden noch sichtbarer und können zu einer fundierteren Interpretation herangezogen werden. Japan ist vielleicht doch nicht das Land, das wir nicht verstehen können. Man muß eben nur manchmal ein bißchen graben.

Michael Schleeh

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Florian Coulmas: Die Kultur Japans - Tradition und Moderne, München 2003.

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