Direkt zum Hauptbereich

Connected / Bo chi tung wah (Benny Chan, China/HK 2008)


Das chinesische Remake von Cellular (US 2004), den man anscheinend kennen muss, da er in jeder Kritik erwähnt wird, ist ein überzeugender Mainstream-Actionfilm geworden. Mit einem Trottel (Louis Koo), der, in eine üble Situation geraten, plötzlich Großes zu leisten im Stande ist, ist der knallharten Action ein komödiantischer Gegenpol gesetzt worden. Die Action hingegen manifestiert sich hier hauptsächlich in halsbrecherischen Verfolgungsjagden jeglicher Art.

Es geht um eine Entführung und skupellose Erpresser, dabei natürlich um Leben und Tod, eine fragile Mobiltelefonleitung, die die entführte Frau mit dem Helden verbindet, und um ein Video, dem alle hinterherjagen. Dieses ist lange Zeit nur ein McGuffin, der hier alles am Rotieren hält. Man weiß längere Zeit nicht, um was es eigentlich geht, oder wer tatsächlich die Guten, wer die Bösen sind. Gröbere Schnitzer sind glücklicherweise vermieden worden, Unwahrscheinlichkeiten selbstredend nicht. Das ist aber tolerabel, bekommt man hier "realitätsnahe" old-school-action präsentiert, die sich durch interessante Darstellungsformen auszeichnet und keinem Superlativismus verpflichtet ist.

Daß in einer chinesischen Erfolgsproduktion Hong Kong schöner aussieht als New York, muß man freilich akzeptieren; die Autos sauberer, alle gut gestylt, aalglatt und die Frauen mit Schmuck behangen sind, und natürlich auch die Wohnräume, etwa die Lofts, schöner designt sind als sonstwo auf der Welt. Die scheinbar notwendige, exzessive Darstellung kapitalistischer Kulturgüter verdeutlicht ein noch unvollständiges Selbstbewußtsein, das die Abbildung zweifelhafter production values als Zeichen von Reichtum, Wohlstand und Erfolg mit Souveränität verwechselt und ähnlich peinlich wirkt, wie die gelackten Oberflächenthriller aus Südkorea. Von Krise keine Spur. Daß solche Filme in diesem Land möglich sind, ist eine feine Sache; es sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß engagierte Filmkunst etwas anderes ist: eine Zensur wird obsolet, wenn sich der Markt selbst zensiert.
 
 ***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...

Fallen Angels / Duo luo tian shi (Wong Kar-Wai, Hongkong 1995)

Eine junge Frau (Michelle Reis) streift durchs nächtliche Hongkong: sie ist auf dem Weg in das heruntergekommene Hotel, in dem sie sich bei einem Job, und nur für diesen, einrichten. Die Bewegungen sind fließend, schnell, routiniert. Dann kommt er, der Killer (Leon Lai), bereitet sich vor, läßt sich Zeit, dann geht es los. Irgendwo muß immer irgendwer getötet werden. Mit mechanischer Präzision führt er den Auftrag aus, eine heiße Schießerei, Lebensgefahr, Schnelligkeit kommt vor Schönheit. Die Einsamkeit des Langzeitkillers. FALLEN ANGELS ist der Kinotrip schlechthin. Genre, Bilderrausch, offenes Erzählen. Hier wird nichts erklärt, alles geschieht, irgendwie, ohne begründet zu werden. Die Geschichte formt sich im Laufe des Sehens. Dass es eine Tragödie ist, merkt man erst später. Dazu noch eine Liebestragödie. Denn die Agentin ist in den Killer verliebt, er aber verbietet sich dies. Sie treffen sich nie, alles bleibt anonym, kaltes Geschäft. Da lernt er die Drifterin kennen. Blo...