Direkt zum Hauptbereich

Afterlife / Wandâfuru raifu (Hirokazu Kore-eda, Japan 1998)


Angekommen in einem nüchternen Zwischenreich, müssen zehn Verstorbene den schönsten Moment ihres Leben auswählen, um mit dieser Erinnerung anschließend ins Jenseits einzugehen.

Kore-eda ist ein Regisseur der vom Dokumentarfilm kommt. Das sieht man ihm auch bei seinen filmischen Mitteln im feature film an. Die Kreation irrwitziger Filmwelten ist nicht sein Ding. Stets führt die ruhige Kamera in langen Einstellungen "reales" Leben vor, das sich nicht den Gesetzen des Entertainments unterwirft. Lange Einstellungen, Stille, Respekt vor den Menschen, dem kleinen Moment des Besonderen.
Seine Mittel der Authentizitätserzeugung wählt er gründlich: neben den bereits erwähnten technisch-strukturellen Komponenten ist es auch die Wahl der Schauspieler und Laiendarsteller, für die er sich enorm viel Zeit genommen hatte. So werden die Toten (etwa 10 Personen) allesamt von Laien dargestellt, die Kore-eda nach 500 geführten Interviews ausgewählt hatte. Zudem waren nur die Dialoge der professionellen Schauspieler gescriptet, die Laien, die im Film von ihrem Leben erzählen, sprechen frei und ohne Vorgaben. Auf diese Weise erreicht der Regisseur natürlich eine völlig eigene Form des Authentischen.

Die Suche nach dem schönsten Moment im Leben wird bei Kore-eda zunächst in oben erwähnten sehr konstruierten Plot gepreßt, der reichlich Platz für Kitsch und Pathos geboten hätte. Das wird glücklicherweise durch die nüchterne Realisation eben jenes quasi-dokumentarischen Stils vermieden, der in seiner zurückhaltenden Art den "Banalitäten" des Alltags ihren Platz einräumt. Es ist nicht die "große Liebe", die wir als Erinnerung mit ins Jenseits nehmen, sondern der sommerlichen Luftzug in einem Bus auf dem Weg zur Schule. Auch das nüchterne Ambiente des beinah verkommenen Gebäudes, in dem die Toten untergbracht sind, entbehrt jeder Verklärung und ätherischer Magie. AFTER LIFE ist ein sehr schöner, eindrücklicher Film voller Würde und mit einer kleinen Pointe am Ende, die es nicht gebraucht hätte.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Masahista / The Masseur (Brillante Mendoza, Philippinen 2005)

Brillante Mendozas erste Spielfilmregie verortet ihn sogleich im Independentkosmos des modernen philippinischen, cineastischen Undergrounds. Geringe Budgets und die Digitalkamera eröffnen jungen Filmemachern die Möglichkeit, nicht nur jenseits einer etablierten Filmindustrie, sondern so gut wie jenseits jeder filmischen Szene aktiv zu werden. Ein Status, der sich auch in der Verfügbarkeit der Filme zeigt. So sind die Filme von Brillante Mendoza, Lav Diaz, Raya Martin, KHAVN de la Cruz u. a. nur in Ausnahmefällen auf DVD greifbar (wenn, dann sowieso nur weltweit), oder sie sind mit etwas Glück auf engagierten Retrospektiven und Filmfestivals zu sehen. Im Falle KHAVNs übrigens durchaus auch auf youtube, selbst eingestellt vom Regisseur. Die Filme eint neben den o. g. Kriterien ein Hang zum ästhetischen Radikalismus in Kombination mit einem Blick auf gesellschaftliche Mißstände, welcher gerne mal als "neorealistischer" italienischer Prägung oder als einer im Geiste des "Cin...

Accident / Yi ngoi (Soi Cheang, HK 2009)

Pou-Soi Cheangs erster Film unter Johnnie Tos Produktionshoheit (Milkyway) ist ein hervorragend schneller, straffer und kluger Genreknaller geworden. Ho Kwok-Fai (Louis Koo) hat ein Killerteam um sich geschart (Stanley Fung, Lam Suet, Michelle Ye), das sich auf die Inszenierung von Auftragsmorden spezialisiert hat. Diese laufen stets nach einem Dominosystem ab und erscheinen - da sie so komplex konstruiert wurden - wie tatsächlich Unfälle. Doch plötzlich wird einer des Teams während einer Aktion durch eine Verkettung tragischer Zufälle getötet. Ho entkommt nur knapp. An diesen Zufall will er nicht glauben und wähnt sich selbst das Ziel eines Killerteams. ACCIDENT beginnt enorm stark - und es ist eine Lust, den kreativen Inszenierungen zuschauen zu können. Cheangs in DOG BITE DOG zelebrierter harter Realismus und die ungestüme Wildheit SHAMOs geht ACCIDENT ab, da wurde er wohl von To gebremst. Doch nicht zum Schlechten: der Film ist sehr flüssig und elegant inszeniert, spart aber nicht ...

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...