Direkt zum Hauptbereich

Sharasojyu / Shara (Naomi Kawase, Japan 2003)

Als Shuns Bruder beim Fange-Spielen und durch-die-Gassen-Rennen plötzlich verschwindet, bricht der Ernst in den Film ein. Außerdem will das bevorstehende Basara-Fest organisiert werden, in dessen Komitee Shuns Vater den Vorsitz inne hat. Die hübsche Nachbarstochter hat es auf Shun abgesehen und versucht diesen aus seiner Schüchternheit herauszulocken.



Soweit die nüchternen Fakten. Gefilmt wir dieser Alltag in Nara mit extrem langen Einstellungen. Die Vermeidung des Schnitts ist Stilmittel der Autorin Kawase: minutenlang begleitet die Kamera die Protagonisten oder fängt auch mal klassisch anmutende japanische Petitessen ein - eine schöne Blume am Wegesrand, schwenken wir mal hin! Das Fehlen von Filmmusik und Beleuchtung ist obligatorisch, und am Ende sehen wir die Regisseurin selbst in der Rolle der Hochschwangeren, die ein Kind zur Welt bringen wird. So vermengen sich dokumentarisch anmutende Aufnahmen mit einem extrem künstlichen, besser: künstlerischen Stil, der uns scheinbar "ungefiltert" am Leben der Personen Teil haben läßt und zugleich sein ästhetisches Programm, das sicherlich manche als zäh und langweilig bezeichnen würden, immerzu deutlich formuliert. Prägendstes Mittel ist sicherlich die lange Einstellung, die uns nicht aus der Filmwelt erlöst in eine Unterhaltung hinein: eine 7minütige, repetetive Tanzszene wird so ein rauschendes, beinah magisches Filmerlebnis, da man sich als Teilhabender wähnt. Ebenso die Annäherungsszenen der Nachbarstochter: schüchtern sitzen die beiden minutenlang nebeneinander, bevor sich einer getraut, was zu sagen oder gar zu machen! Wenn dann etwas passiert, das ist klar, haut einen auch die Kleinigkeit um wie ein Ereignis.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Masahista / The Masseur (Brillante Mendoza, Philippinen 2005)

Brillante Mendozas erste Spielfilmregie verortet ihn sogleich im Independentkosmos des modernen philippinischen, cineastischen Undergrounds. Geringe Budgets und die Digitalkamera eröffnen jungen Filmemachern die Möglichkeit, nicht nur jenseits einer etablierten Filmindustrie, sondern so gut wie jenseits jeder filmischen Szene aktiv zu werden. Ein Status, der sich auch in der Verfügbarkeit der Filme zeigt. So sind die Filme von Brillante Mendoza, Lav Diaz, Raya Martin, KHAVN de la Cruz u. a. nur in Ausnahmefällen auf DVD greifbar (wenn, dann sowieso nur weltweit), oder sie sind mit etwas Glück auf engagierten Retrospektiven und Filmfestivals zu sehen. Im Falle KHAVNs übrigens durchaus auch auf youtube, selbst eingestellt vom Regisseur. Die Filme eint neben den o. g. Kriterien ein Hang zum ästhetischen Radikalismus in Kombination mit einem Blick auf gesellschaftliche Mißstände, welcher gerne mal als "neorealistischer" italienischer Prägung oder als einer im Geiste des "Cin...

Accident / Yi ngoi (Soi Cheang, HK 2009)

Pou-Soi Cheangs erster Film unter Johnnie Tos Produktionshoheit (Milkyway) ist ein hervorragend schneller, straffer und kluger Genreknaller geworden. Ho Kwok-Fai (Louis Koo) hat ein Killerteam um sich geschart (Stanley Fung, Lam Suet, Michelle Ye), das sich auf die Inszenierung von Auftragsmorden spezialisiert hat. Diese laufen stets nach einem Dominosystem ab und erscheinen - da sie so komplex konstruiert wurden - wie tatsächlich Unfälle. Doch plötzlich wird einer des Teams während einer Aktion durch eine Verkettung tragischer Zufälle getötet. Ho entkommt nur knapp. An diesen Zufall will er nicht glauben und wähnt sich selbst das Ziel eines Killerteams. ACCIDENT beginnt enorm stark - und es ist eine Lust, den kreativen Inszenierungen zuschauen zu können. Cheangs in DOG BITE DOG zelebrierter harter Realismus und die ungestüme Wildheit SHAMOs geht ACCIDENT ab, da wurde er wohl von To gebremst. Doch nicht zum Schlechten: der Film ist sehr flüssig und elegant inszeniert, spart aber nicht ...

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...