Direkt zum Hauptbereich

Apart from You / Kimi to Wakarete (Mikio Naruse, Japan 1933)


 Es sind oft die kleinen Nebenszenen, die Seitenblicke, in denen ein Bruch passiert, sich ein Film dann unvermutet öffnet hin zu einer Bedeutungsverschiebung, die man nicht mehr vergessen kann. Auch in Mikio Naruses frühem Stummfilm Apart from You gibt es (mehrere) dieser Momente: da kommt das Sorgenkind Yoshio (Akio Isono) ins Zimmer herein und bemerkt beschämt - was ungewöhnlich für ihn ist, da ansonsten eher ein Raufbold, im Begriff auf die schiefe Bahn zu geraten - am Knie das Loch in seiner Hose. Da hält er schnell seine Kappe drüber, doch auch in dieser befindet sich ein Loch, sodass das Loch auf Loch zu liegen kommt, und er damit, anstatt seine ärmliche Herkunft verbergend, sie unfreiwillig selbst umso deutlicher entlarvt. Später dann eine weitere solche Szene, da aber haben sich Yoshio und die zweite Protagonisten des Films, die junge Geisha Terugiku (die fabelhafte Sumiko Mizukubo, der Leuchtstern dieses Films), die ihm so sympathisch ist und die sich ihm angenommen hat (um der Mutter Willen, bevor das eigene Herz überzufließen beginnt), bereits schon angenähert. Sie versucht, ihm eine Hand zu reichen und eine Lebensalternative aufzuzeigen vor dem sicheren Absturz in die Kriminalität. Die Angst ist plötzlich verflogen, und bei einem Besuch am Meer bei ihren Eltern, wo er Terugiku hin begleitet, versucht er dann die Löcher in seinen Socken zu verstecken. Glücklicherweise aber ist ein Pinsel mit Tusche zur Hand, womit er kurzerhand seine Zehen schwärzt.


Es ist eine Geschichte der Frauen, wie Mikio Naruse immer Geschichten von Frauenschicksalen erzählt: das ist sein Sujet. Und Apart from You ist einer seiner ersten, frühen Erfolge; neben dem vielleicht noch bekannteren Film Yogoto no Yume / Nightly Dreams aus demselben Jahr. Beide Filme landeten im Jahr 1933 auf der Top Ten-Bestenliste der Kinema Junpo. Es hatte lange gedauert, bis Mikio Naruse endlich sein Potential bei der Shochiku entfalten durfte: Naruse war Shiro Kido, dem legendären Studioboss, suspekt. Zu zurückhaltend, zu schüchtern, allzu melancholisch, schien er diesem zu sein. (1) Und das, obwohl er seit seinem fünfzehnten Lebensjahr als Assistent im Studio gearbeitet hatte und mit Yasujiro Ozu und Heinosuke Gosho zwei prominente Fürsprecher hatte. Catherine Russell zitiert Naruses Stammschauspielerin Hideko Takamine: "Mr. Naruse was more than merely reticent: he was a person, whose refusal to talk was downright malicious." (2) Was man sich kaum vorstellen kann, bei diesem sympathischen Bild weiter unten. In der Literatur allerdings bestätigt sich dieser Eindruck überall: Naruse galt als Arbeitstier mit schweren sozialen Defiziten, den nichts als seine Arbeit interessiert haben muss. Auch seine eigene Familie musste stets zurückstehen - er habe in seiner langen Karriere nicht ein einziges Mal ein vorgelegtes Drehbuch, einen Auftrag abgelehnt. 


 In Apart from You geht es um die Sorgen und Nöte der nun älter werdenden Geisha Kikue (Mitsuko Yoshikawa) - die sich vor allem um die Zukunft ihres delinquenten Sohnes sorgt. Ein Mann ist nicht im Haus, sie ist allein erziehend, und durch die Umstände dazu gezwungen, diese Arbeit zu verrichten. Schwer frustriert vom Leben spricht sie auch immer öfter, sogar zum Missfallen ihres Stammkunden, dem Sake zu. Dieser beginnt bereits nach jüngeren Damen Ausschau zu halten und Kikue fühlt sich auf dem Abstellgleis angekommen. Der Begriff Geisha ist hier übrigens noch in seiner ursprünglichen Form zu verstehen, als der der hochgebildeten, in den Künsten ausgebildeten Unterhalterin. Mit Körperlichkeiten hatte das nichts zu tun, und wenn es doch einmal dazu kam, dann nur auf Basis gegenseitiger Einwilligung. Das Gravitationsfeld des Films aber ist der Sohn Yoshio, der das Mitglied einer Bande von Ganoven ist, die das Viertel unsicher macht. Eigentlich sollte er noch zur Schule gehen, doch dort ist er freilich schon lange nicht mehr gewesen. "Already in Apart from You, the delinquency of the son of a single mother is a key Naruse theme." (3) Ganz glaubwürdig ist das übrigens nicht, denn Isono wirkt etwas zu alt für seine Rolle. Andererseits entspricht diese Unschärfe dann aber wieder seiner Beziehung gegenüber Terugiku, die sich zunächst unentschieden zwischen schwesterlicher Zuneigung und aufkeimender Liebe bewegt.


In diesem häufig sehr dunklen Film, der viel in der Nacht spielt, wenn eben die Figuren ihrer Arbeit nachgehen, finden sich immer wieder Momente des Innehaltens, in denen Naruse und seinem Kameramann Suketaro Inokai, der auch viel mit Hiroshi Shimizu zusammen gearbeitet hat, tolle Portraitaufnahmen gelingen. Häufig sind es Blicke in Spiegel, durch Fensterscheiben oder Reflexionen in Oberflächen, die eine Identitätssuche und  eine Krise des Ichs der Figuren veranschaulichen. Im Screenshot unten sieht man die beiden Protagonistinnen in der Umlenkung in einem Spiegel, als Yoshios Mutter einzelne graue Haare entdeckt, die sie eine Szene später ausrupfen wird. Im Hintergrund ihre junge Begleiterin, die sich ihr annimmt, und die ihre Zuneigung zu Yoshio entdecken wird.





Apart from You hat einen durchaus melodramatischen Plot, der aus der Fülle ähnlich gelagerter Filme dieser Zeit kaum herausragt. Der Reiz des Films liegt meines Erachtens nicht in der reinen Handlungsbetrachtung, sondern in der cineastischen Narration, wie oben bereits angedeutet, in der Vielzahl  kunstvoll ausgestalteter, auch formaler Motivspuren, die immer wieder in originell realisierten Szenen kulminieren (die Zugfahrt - ein Meisterwerk der Montage!). Mit harten und weichen Schnitten und Blenden, mit Spiegeltechniken, was bis hin zu überraschenden Zuschauertäuschungen reicht, etwa wenn in einer frühen Szene das Verzehren einer Nudelsuppe sich als Traum- oder Wunschsequenz einer hungrigen und schläfrigen Geisha entpuppt, etwas, das sich also lediglich in der Psyche der Figur abspielt.

Eines der vielen wiederkehrenden Motive ist das des Kreises, was von Kamerabewegungen hin zum Spielen mit Yo-Yos auf der Straße und der Aufsicht von oben auf einen, eigentlich zwei, sich drehenden Phonographen (mit Schuss auf die rotierenden Plattenteller) reicht. Überleitungen werden mehrfach  als match-cut gestaltet (das Beieinanderliegen der Beine), Räume werden als sich gegenseitig konfrontierende oder korrespondierende angelegt: auf eine beklemmende Innenraumszene wird auf ein sich weitendes Straßenpanorama geschnitten, helle Räume folgen auf dunkle, auf einen Flötenspieler folgt eine Schallplattenaufnahme, eine komplette Innenraumszene wurde über einen Spiegel (als Abbild / Spiegelbild) gedreht, was sich dadurch auflöst, dass der Spiegel plötzlich mit einem Tuch verhangen wird. Auch später werden immer wieder Spiegel verhangen, sodass die Täuschungsszene immer wieder in Erinnerung gerufen wird. Diese Montagen verfügen häufig über eine solch starke Konnektivität, dass man hier in Apart from You schon sehr gut Naruses spätere, viel gepriesene gleitende Erzähltechnik des "unsichtbaren Schnitts" vorausahnen kann.


Jenseits dieser Aspekte aber ist Kimi to Wakarete ganz einfach ein wunderschöner Film mit etlichen berührenden Szenen, den durchweg eine sanfte Zurückhaltung und eine melancholische Traurigkeit durchzieht. Die Frauen, die hier mit ihrem Schicksal kämpfen, sind zugleich diejenigen, die es in die Hand nehmen und - zwar nicht unbedingt immer völlig selbstbestimmt, dafür ist das Korsett der gesellschaftlichen Zwänge zu eng - aber dennoch selbstbewusst ihre Zukunft zu gestalten versuchen. So durchweht auch immer eine leise Spur der Hoffnung und des positiven Ausblicks einen im Ansatz feministischen Film, der ansonsten durch und durch niederschmetternd sein müsste.

***
(1) vgl. Michael Kerpan, Apart from You, reviewed in Senses of Cinema.com.
(2) Catherine Russell, The Auteur as Salaryman, in: "The Cinema of Naruse Mikio. Women and Japanese Modernity", Duke UP, London 2008.
(3) Chris Fujiwara, Mikio Naruse: The Other Women and the View from the Outside, in: film comment.com.

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

HKIFF 2013: A Story of Yonosuke (Shuichi Okita, Japan 2012)

Mitte der 80er kommt der junge Yonosuke nach Tokyo um dort zu studieren. Er ist eine ziemlich schräge Gestalt: groß gewachsen, Wuschelhaare, er hat einen ungewöhnlichen Humor und hat einen einnehmend, offenen Charakter. Einer der zugleich irgendwie schräg ist, rausfällt. 16 Jahre später erinnern sich verschiedene Personen, die alle seine Bekanntschaft gemacht hatten, an ihn, und in übergangslos montierten Rückblicken findet der Film - durch seine unterschiedlichen Perspektiven - neue Blickwinkel auf die Person Yonosukes. Hierfür gibt es auch einen Anlaß, der teilt sich aber erst ganz am Ende des Films mit. Dieser Film, eigentlich eine coming-of-age-Geschichte, ist voller origineller Einfälle, von lautem und leisem Witz, immer durchzogen von einer Spur Ironie und Humor. A STORY OF YONOSUKE ist trotz seiner 160 Minuten extrem kurzweilig, und hat eine völlig ungewöhnliche Narration. Beim ersten Einschub eines sozusagen "zukünftigen Flashbacks", denn die Zeit der Haupthan...

The Warped Ones aka The Wild Love-Makers / Kyonetsu no kisetsu (Koreyoshi Kurahara, Japan 1960)

THE WARPED ONES ist die totale Tayozoku-Madness, ein Film über jugendliche Rebellen im Nachkriegsjapan: zwei "juvenile delinquents" kommen aus dem Gefängnis heraus und beginnen direkt mit ihrer Hatz auf Vergnügungen, auf Mädchen, Alkohol und Befriedigung der Primärbedürfnisse. Wenn die Strecke zu weit ist, klaut man eben kurz einen Wagen. Hat man Hunger, klaut man was am nächsten Straßenstand. Die Sonne brennt vom Himmel, der Schweiß steht auf der Stirn, der Jazzbeat treibt voran, die Artikulation geschieht hauptsächlich durch Grunzen, Brüllen, Knurren und sonstige animalische Laute. Wird gegessen, dann wird geschlungen. Gebratene Hühnchen werden zerrissen, Reis wird gestopft. Wasser wird aus der Kanne direkt in den Mund gegossen und läuft über den von Schweißtropfen perlenden, entblößten Körper. Dieser prototypische Suntribe-Film (die man als Vorläufer der "Neuen Welle" in Japan verstehen kann) ist ein einziger, rasender Exzess der Respektlosigkeit. Die beide...

Nippon Connection 2016: Being Good (Mipo O, Japan 2015)

Die koreanisch-stämmige Japanerin Mipo O verbindet in BEING GOOD drei Erzählfäden zu einem Pastiche des alltäglichen Schreckens: versteckte, häusliche Gewalt gegenüber Kindern ist das Thema des engagierten Films. Dass auch in ihrem aktuellen Film die Sozialkritik im Mittelpunkt steht, konnte man sich schon denken, wenn man an ihren Film THE LIGHT SHINES ONLY THERE zurückdenkt, der nicht nur international erfolgreich war (Filmfestivals, Auslands-Oscar-Beitrag 2014), sondern auch auf Platz 1 des jährlichen Filmrankings der renommierten Filmzeitschrift Kinema Junpo landete. Und so denn auch hier: ein Sozialdrama, das emotional vernichtend sich ins Herz des Zuschauers schleicht, ohne dabei in Kitsch abzurutschen oder sich seine Prämisse allzu deutlich auf die Fahne zu schreiben. Es ist ein Film, der an die Substanz geht. Dabei beginnt der Film recht drastisch: schon in den ersten Minuten wird ein kleines Mädchen von der kaltherzigen Mutter im Wohnzimmer verdroschen, dass sie blaue...