Direkt zum Hauptbereich

9413* Reisetagebuch, Teil 3: Manila

von Stefan Borsos



Von der Aufgeräumtheit Singapurs komme ich ins Chaos Manilas. Vieles erinnert mich unweigerlich an Indien: abgezockte Taxifahrer, die Unübersichtlichkeit und Weite der Stadt sowie eine horrible Verkehrslage mit entsprechendem Nahverkehrsnetz; mit meiner Frage nach der örtlichen Bahn werde ich später nur Spott ernten. Dank der unermüdlichen Bemühungen von Rico Maria Ilarde (ALTAR, PRIDYIDER) und Mammu Chua bin ich eigentlich ganz gut vorbereitet, dennoch zahle ich für den gar nicht mal so langen Weg zum Hotel locker das zehnfache. Das Zimmer ist noch nicht bezugsfertig und ich muss an der Rezeption warten. Mehrere Stunden. Das fast schon aseptisch wirkende Hotel ist Teil einer der unzähligen Malls, bewacht wie eine Festung von mehreren Wachleuten mit Respekt einflößenden Maschinengewehren.

Zur Orientierung führt mich mein erster Gang zur nahe gelegenen Movie Workers Welfare Foundation, kurz Mowelfund, die nicht nur ein Filminstitut beherbergt und Filme zeigt, sondern auch mit einer gut sortierten Bibliothek ausgestattet ist. Ich treffe dort Ricky Orellana, verantwortlich für das audiovisuelle Archiv, der mir eine Einführung und erste Hinweise gibt. Schnell wird klar, dass die Archivsituation in Manila kompliziert ist. Neben dem Mowelfund gibt es mindestens noch drei weitere relevante Archive: das National Film Archive of the Philippines, das Cultural Center of the Philippines (CCP) sowie das Filmarchiv des Fernsehsenders ABS-CBN. Den Grund, warum man hier offenbar nicht gewillt ist zusammenzuarbeiten, erfahre ich später: Seit dem Bau und anschließenden Verfall des berüchtigten Manila Film Center und mithin dem Verlust etlicher Filmkopien in den achtziger Jahren ist das Vertrauen in staatliche Institutionen nicht gerade groß; ABS-CBN wiederum hat freilich primäres Interesse daran, den Rechtekatalog kommerziell auszuwerten. Das macht jegliche Recherche in Manila zu einer eher aufwendigen Angelegenheit.



Eigentlich hatte ich die Philippinen aus praktischen Überlegungen aus der Dissertation gestrichen. Einerseits wurden in nur wenigen Jahren sage und schreibe 80-100 Spionagefilme gedreht, darunter mehrere Reihen mit klangvollen Serienagenten wie Agent X-44, Agent Wooley Booley oder Dante Diamante, die den Rahmen massiv sprengen würden, andererseits ist, von Postern und Aushangfotos abgesehen, davon kaum etwas übrig geblieben. Das führt zu dem kuriosen Zustand, dass die wenigen Studien zum Thema in typischer Cultural-Studies-Manier hauptsächlich mit paratextuellem Material arbeiten, die Filme selbst kaum eine Rolle spielen. Deshalb sind es vor allem die Spuren potentieller Sprachfassungen der Shaw Brothers, die mich nach Manila führen. Es wird sich später erhärten, dass für THE GOLDEN BUDDHA (1966, Luo Wei) eine solche philippinische Sprachfassung angefertigt wurde; interessanterweise ohne jeglichen Bezug zu den Shaws. Die Aushangfotos nutzen zwar ähnliche Motive und werben mit dieselben Drehorten (Bangkok, Singapur und Hongkong) sowie Fanny Fan als Nebendarstellerin, aber man hat jeglichen chinesischen Bezug getilgt (statt Paul Chang Chung ist Filipino-Actionstar Zaldy Zshornack in der Rolle des unglückseligen Geschäftsreisenden zu sehen).

Davon abgesehen ist das populäre philippinische Kino selbst des Studiozeitalters, aber auch der sechziger und siebziger Jahre, als die Stars und Independents das Ende jener Ära einläuteten, stark understudied, wie man so schön sagt. Die unzähligen Melodramen, Komödien, Fantasy-, Horror- und Abenteuerfilme, Western und sogar Samurai- und Karatefilme (!) harren ihrer Aufarbeitung; so denn sie der Filmgeschichte nicht schon endgültig entrissen wurden.

Am Abend treffe ich dann Ramon Nocon, wie Ricky Mitglied der Society for Filipino Archivists for Film (kurz SOFIA). Als Treffpunkt hat sich Monchito, wie er von allen genannt wird, Joel ON THE JOB Torres' Restaurant in der Ortiga Avenue ausgesucht. Torre ist zwar nicht da, aber die Hühnchenspieße schmecken hervorragend. Monchito ist the man - will man in Manila irgendetwas mit Film machen, kommt man um ihn nicht herum. Er stellt den Kontakt her zu Altmeister Peque Gallaga (ORO, PLATA, MATA, ASWANG, SCORPIO NIGHTS), klärt mich auf, was während meines allzu kurzen Aufenthalts möglich ist und was nicht, und sagt mir, wen ich wann zwecks Recherche treffen muss.



Brav befolge ich seinen Vorschlag und verabrede mich am nächsten Tag mit Teddy Co. Co ist passionierter Filmsammler, wandelndes Filmgeschichtslexikon und ausgefuchster Kopienjäger; eine gewisse Berühmtheit erlangte er, als er vor einigen Jahren eine Kopie von Gerardo de Leons SANDA WONG (1955) in einer Hongkonger Lagerhalle entdeckte. Im Laufe unseres Gesprächs versammeln sich in der Mowelfund-Kantine irgendwann die hohen Tiere der Einrichtung zum gemeinsamen Trinken und Basketballschauen. Über die Praxis der Sprachfassungen kann mir auch Co kaum Auskunft geben. Er liefert mir aber eine mögliche Erklärung dafür, warum der Film als dezidiert philippinische Produktion vertrieben wurde: Chinesische Filme, vor allem in chinesischer Sprache, wurden in den 1960er Jahren nur in den Chinatowns gezeigt. Dass den Shaws das zu wenig war, liegt auf der Hand und dürfte zu dieser Verschleierungstaktik geführt haben.



Was die philippinischen Agentenfilme angeht, bringt Teddy, wie die meisten anderen auch, als erstes Weng Weng (FOR YOUR HEIGHT ONLY) ins Spiel - und spiegelt unbewusst (?) das "westliche" Interesse am philippinischen Kino als Trash-Produzenten und Sideshow, wie es sich auf Webseiten wie Twitchfilm oder Dokumentarfilmen wie Andrew Leavolds THE SEARCH FOR WENG WENG (2015) immer wieder bahnbricht. Gerade Leavolds Arbeit hat offensichtliche Spuren hinterlassen; neben der Weng-Weng-Dokumentation ist gerade THE LAST PINOY ACTION KING (2015) über Actionstar Rudy Fernandez fertig geworden, ein weiteres Projekt ist bereits in Vorbereitung. Freilich geht Leavolds Interesse und Ansatz dankenswerterweise über die Oberflächlichkeiten seines Landsmannes Mark Hartley (MACHETE MAIDENS UNLEASHED!, 2010) weit hinaus. Dennoch bleibt es fraglich, ob die Wahrnehmung einer nationalen Kinematografie als vornehmlich psychotronisches Kino der historischen Aufarbeitung nicht einen Bärendienst erweist, von der Exotismus-Problematik ganz zu schweigen.

Jedenfalls sagt mir Teddy, dass Simon Santos die beste Adresse für meine Fragen sei. Santos betreibt einen ganz wundervollen Film- und Memorabilia-Shop namens Video 48 im Stadtteil Quezon City und baut in seinem Blog an einem umfangreichen Online-Fotoarchiv mit Postern und Aushangfotos zum philippinischen Populärkino. Sein Held ist der vielleicht größte Actionstar in der Geschichte des philippinischen Kinos und spätere Politiker Fernando Poe, Jr. (kurz FPJ). Da Santos gerade im Urlaub ist, muss ich auf persönliche Ratschläge verzichten, wage es aber auch ohne seine Anwesenheit in den Shop. Dieser erweist sich dann tatsächlich als das fünfte veritable Filmarchiv in Manila: Neben besagtem SANDA WONG findet sich eine schier unermessliche Bandbreite auf DVD-R, von kompletten Filmografien Nouvelle-Vague-Heroen wie Mike De Leon (SISTER STELLA L, KISAPMATA, KAKABAKABA KA BA?) oder Gallaga (VIRGIN FOREST, UNFAITHFUL WIFE, ISANG ARAW WALANG DIYOS) über allerlei Studiofilme von Lamberto Avellana (BADJAO, SATUR) bis hin zu etlichen Pinoy-Western mit FPJ (TOUGH GUY, MARKADO, SAN BERNARDO, ANG PANDAY), versteht sich.



Vor meinem Besuch bei Video 48 treffe ich noch Erik Matti (ON THE JOB, TIKTIK: THE ASWANG CHRONICLES) zum Frühstück, dessen neuester Film HONOR THY FATHER (2015) gerade in Toronto seine Premiere erlebte. Die bittere Entführungsgeschichte kommt in Kürze auch auf den Philippinen in die Kinos. Wie wohl das stark christlich geprägte Publikum auf einen Film reagieren wird, der die Kirche als Institution so scharf attackiert, frage ich ihn. Matti grinst nur, er ist gerade dabei, eine neue Verfilmung des Darna-Comics aus den 1940er Jahren auf den Weg zu bringen, und verbringt die meiste Zeit damit, einen Trailer für die Investoren zu montieren. Bevor wir überhaupt richtig anfangen können, muss er wieder zurück in den Schneideraum. Vielleicht sieht man sich bei Mattis Neffen Richard Somes (ISHMAEL, MARIPOSA: SA HAWLA NG GABI, SUPREMO) am Wochenende. Die Clique um Somes, von Regieaspirant und Cliquen-Neuzugang Jamie Dumancas liebevoll 'Gangster- oder Macho-Filmemacher' genannt, trifft sich regelmäßig, um gemeinsam zu essen, zu trinken - und, mit Rockklassikern der 1970er und 1980er als Soundtrack, zu streiten (die am häufigsten gespielte Band: Creedence Clearwater Revival). Besonders sympathisch daran: Neben Genre-Indies wie Somes, Ilarde, Ato Bautista (BLACKOUT) oder Topel Lee (OUIJA) sind auch Kurz- und Experimentalfilmstar Raymond Red (HIMPAPAWID-MANILA SKIES) und Mainstreamveteran Mac Alejandre (ENDLESS LOVE) mit von der Partie. Dass Somes und selbst Red Fernsehen resp. Werbung machen müssen, um über die Runden zu kommen, ist sicher einer der Gründe, warum es hier keinerlei Berührungsängste gibt. Immer wieder kommen und gehen Freunde und Bekannte, unvermittelt wird mitgesungen und man klatscht die vorhandene Zustimmung mit der Hand ab. Irgendwann geht es um die Frage, inwieweit es legitim ist, Lav Diaz und Khavn De La Cruz zu unterstellen, markante Merkmale ihrer Filme - bei Diaz natürlich die (Über)länge - als Werbe-Gimmick auf den internationalen Festival- und Kritikerbetrieb zuzuschneiden. Bisweilen geht es bei diesen Diskussionen recht hoch her. Besonders Bautista ist einigermaßen rechthaberisch (etwa bei seiner sonst kaum geteilten Vorliebe für Christopher Nolan) und echauffiert sich gerne über die philippinischen Filmkritiker. Dass Bautista eine rechter Schelm ist und vieles gar nicht so meint, ist nicht unmittelbar ersichtlich.

Die Nacht endet vorzeitig, weil ich bereits am nächsten Morgen nach Hongkong abreise. Während ich also packe und, diesmal zum ortsüblichen Preis, zum Flughafen gefahren werde, geht es für Somes und Co. nach einem Pott Kaffee in die zweite Runde - oft bis zum gemeinsamen Frühstück, wie man mir erzählt. Nach diesem Abend ist mir jedenfalls klarer, warum es den geschätzten Kollegen Axel -MAERZ- Estein nach Manila verschlagen hat.



*) Frei nach dem kantonesischen Sprichwort und Titel des Herman-Yau-Films: Gau sei yat sam: Neun von zehn sterben, im übertragenen Sinne: Die Chancen stehen schlecht...

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ali's Wedding (Jeffrey Walker, Australien 2017)

Nachdem der talentierte aber leider erfolglose Ali die Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium an der Universität von Melbourne verpatzt hat, bringt er es nicht übers Herz, seinem Vater den Misserfolg einzugestehen. Der Sohn war die große  Hoffnung des muslimischen Klerikers, der das Zentrum der arabischen Community darstellt, und höchstes Ansehen genießt. Dass dessen Rivale nur auf einen Misserfolg Alis hofft, um selbst den Platz des Vaters einnehmen zu können, ist ein Seitenerzählstrang, der einen hochinteressanten Handlungsverlauf innerhalb der Moschee voranschiebt.
 Das sind humoristische und tolle Einblicke hinter die Kulissen, die man nicht jeden Tag bekommt. Jedoch: Ali lügt. Er habe hervorragend abgeschlossen - und wird nun als Wunderkind gehandelt und sieht sich alsbald gezwungen, ein Leben an der Uni vorzutäuschen. Dort läuft er aber nicht nur permanent dem Sohn des Konkurrenten seines Vaters über den Weg, sondern auch der schönen Libanesin Dianne, in die er sich Hals über Kopf…

HERRMANN (Reda, Deutschland 2012)

Ein nicht mehr ganz junger Familienvater, der aus der linksalternativen Szene zu stammen scheint und der  mittlerweile wohl ziemlich in der Bürgerlichkeit angekommen ist, verabschiedet sich eines Abends von seiner Frau/Freundin und seinem bereits schlafenden Kind, da er noch auf einen Geburtstag will. Sein halb schelmisch-unterwürfig ausgedrückter Wunsch, anschließend noch kurz aufs Konzert zu gehen (dem ein echtes Begehren zugrunde zu liegen scheint, da seine Stimme schon zu zittern beginnt), wird von der verantwortungsbewußteren, vernünftigen Herzdame mit Stirnrunzeln weggeknutscht. Vermutlich kennt auch sie das Lied von der Punkband Oma Hans, wo die Mädchen auf dem Konzert einfach besser küssen als sonstwo. Da muss sie gar nicht mehr viel zu sagen, es liegt alles in ihrem Blick: er soll halt endlich mal erwachsen werden, dieser Berufsjugendliche. Schließlich gibt es jetzt Familie. Und eigentlich hatte er ja auch schon kapituliert, bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hat. Da kan…

Das Lächeln im Angesicht der Tragödie: Yasujirô Shimazus Tonari no Yae-Chan / Our Neighbour, Miss Yae (Japan 1934)

 Als ich vor kurzem einmal wieder Our Neighbour, Miss Yae gesehen hatte, da war das einer von diesen seltenen Momenten, wo man nicht genau weiß, was da eigentlich gerade passiert ist; aber als die Abblende kam, nach dem letzten Bild mit der Kamera in den wolkenverhangenen Himmel hinauf – obwohl sich doch, wenn nicht alles, so doch so manches zum Guten aufgelöst hatte – war ich den Tränen nahe und zutiefst gerührt. Dabei war da gar nichts wirklich Rührseliges passiert, oder gar aufwühlend Melodramatisches. Der Film endet so, wie er anfängt, zumindest auf der Tonspur. Eine liebliche, langgezogen sehnsuchtsvolle Geigenminiatur, die von etwas Herzschmerz aus dem Leben kleiner Leute der unteren Mittelschicht aus irgendeiner japanischen Vorstadt in der Nähe von Tokio verkündet. Einmal sagt die Mutter, heute sei das Wetter so klar, man könne den Fuji sehen, aber das muss man glauben. Im Film taucht er nicht auf. Das ist kein Film für nationale Monumente. Hier wirken Dinge und K…