Direkt zum Hauptbereich

The Extreme Sukiyaki (Shiro Maeda, Japan 2013)


Diese post-bubble economy Loser-Ballade ist ziemlich erstaunlich, da es sich bei ihr nicht um eine klassische coming of age story handelt, wie man erwarten könnte, sondern um die Geschichte zweier berufsjugendlicher junger Männer zwischen 30 und 40 Jahren, die mit den Anforderungen des Erwachsenenlebens nicht zurecht kommen (und somit einen Film wie Momoko Andos 0.5mm präludiert). Besonders der zurückhaltende und melancholische Horaguchi (Arata Iura) lässt sich von den Erinnerungen an die längst vergangenen Collegezeiten leiten, und bekommt sein Leben nicht auf die Reihe. Da beschließt er, einfach bei seinem ehemals besten Freund Okawa (Yosuke Kubozuka) vorbei zu gehen, und an die Freundschaft wieder anzuknüpfen. Der hat aber zunächst wenig Interesse daran, fühlt sich überrumpelt, und sowieso bedrängt. Er selbst steckt in einer merkwürdigen Beziehung zu seiner Freundin Kaede, die eher wie eine normale Mitbewohnerin wirkt, und weiß mit seinem Leben nichts anzufangen. Als freeita-Jobber verdient er ein wenig Knete in einem Izakaya-Imbiss - und als ihn die ehemalige Klassenkameradin Kyoko darauf anspricht, das habe er schon zu Studentenzeiten getan, da fühlt er einen gesellschaftlichen Rechtfertigungsdruck auf sich lasten, der auch nicht verfliegt, als er meint, er könne vielleicht bald Manager werden. 

Kurz darauf unternehmen die vier, die eigentlich nichts mehr miteinander zu tun haben, einen Ausflug ans Meer, um Okawas selbstgeschnitzten Bumerang fliegen zu lassen und um gemeinsam das titelgebende Sukiyaki zu essen. Und auf diesem Ausflug, der zu einer weiteren Übernachtung führt, haben sie alle recht viel Spaß. Kurz vor 40 merken sie, dass das Leben bedrückend freudlos geworden ist und sie alle ziemlich einsam sind - und die Gesellschaft der anderen genießen. Einen Gefühlsausbruch à la amerikanischem Vorbild darf man hier aber nicht erwarten, wir sind schließlich in Japan. Nur am Abend, nach einem Bad und etlichen Flaschen Sake, lockert sich die Stimmung und kurz ist so etwas wie Euphorie bemerkbar. Die Beziehungsverhältnisse bleiben aber undefiniert: am nächsten Morgen geht es zwar bestärkt weiter, aber hier ist niemand niemandes bester Freund. Auch wenn sich neue Möglichkeiten eröffnet haben, so sind die Bindungen, die einmal bestanden haben, nicht mehr gültig. Ob sich etwas Neues, ähnlich Starkes auftut wie damals, ist unklar. Und außer Horaguchi verspürt das vielleicht auch keiner so notwendig. 

The Extreme Sukiyaki ist eine zurückhaltend erzählte low key-Loser-Komödie, die im Alltag beginnt und nach einer kurzen Eruption wieder im Alltag endet. Dass die Frustrationen gravierende Folgen haben können, markiert die recht schockierende Rahmenhandlung (aber auch die ist ganz unspektakulär inszeniert), die sich immer wieder als Binnenerzählung in die Geschichte hinein drängt. Was das genau ist, soll hier nicht gespoilert werden, es ist aber Trigger und movens des Plots zugleich und grundiert den Film mit einer Ernsthaftigkeit, die ihm die nötige Reibung an der Gesellschaftsnorm, letztlich das nötige Gewicht verleiht, um keine belanglose Erzählung zu werden. Der Film hatte im November 2013 einen Kinostart in Japan und lief ansonsten nur noch beim Japan Cuts Festival 2014 in New York, das von der Japan Society organisiert wird und vor allem zeitgenössisches japanisches Kino zeigt. Auf DVD ist er lediglich als Japan-Import (ohne englische Untertitel) verfügbar.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ein ungewöhnlicher Krimi aus Korea: DEIN SCHATTEN IST EIN MONTAG von Jung-Hyuk Kim (2019)

Nachdem sich die koreanische Literatur in den letzten zwei Jahren mit der deutschen und englischen Übersetzung von Han Kangs tollem Roman Die Vegetarierin und Min Jin Lees Pachinko (dt.: Mein einfaches Leben) erneut auf unserer literarischen Landkarte etablieren konnte, erscheint nun ein weiterer koreanischer Roman, der der Gravitas der beiden künstlerisch ambitionierten Werke eine Leichtigkeit entgegensetzt, die erfrischend ist. Dein Schatten ist ein Montag  von Kim Jung-Hyuk ist ein Kriminalroman, und zwar ein ziemlich ungewöhnlicher.

Der Ermittler Gu Dongchi ist ein ehemaliger Polizeibeamter und Einzelgänger, nun aber ist er als Privatdetektiv unterwegs. Genauer: als "Deleter". Soll heißen, er vernichtet Hinterlassenschaften seiner Klienten. Briefe, Fotos, und vor allem auch digitale Spurenreste. Da gibt es häufig so einiges, was niemals an die Öffentlichkeit gelangen soll, und Gu kümmert sich gewissenhaft darum. Als einer seiner Klienten ums Leben kommt und verschiedene…

Im Wahnsinn nachtdunkler Farben: The Ghost Bride (Chito S. Rono, Philippinen 2017)

The Ghost Bride ist einer der unzähligen philippinischen Grusel-Horror-Filme, die in ihrer tendenziell dilettantischen Machart hochsympathisch sind, auch weil es ihnen immer wieder gelingt, für Abwechslung und damit Überraschung zu sorgen: immer wieder spektakulär tolle Bilder, die aus einem Wust aus TV-Film-Optik herausragen, komische Geister aus dem südostasiatischen Raum (hier auch aus der chinesischen Mythologie) inmitten unzähliger amerikanisierter Jump-Scares, saturierte Farben verstörender Alpträume in einem Einheitsgrau der Bildgestaltung. Plötzlich hervorbrechend gutes Schauspiel in einem bisweilen an Overacting leidenden und an Ungelenkheiten krankenden Geisterfilm. Also Dinge, die verstören, faszinieren, begeistern. In einem Film, der streckenweise ziemlich öde, der in seiner Narration behäbig ist, und bei dem man immer wieder den Überblick verliert. Weil er vollgestopft ist mit Nebenhandlungen. Es ist eine typisch philippinische, schwer in sich verästelte Überforderung mit…

HKIFF 2019 ~ Three Husbands (Fruit Chan, Hongkong 2018)

Im dritten Teil seiner Prostitutions-Trilogie, achtzehn Jahre nach Durian Durian (2000) und dem großartigen Hollywood Hong Kong (2001), verknüpft Hongkongs Independent-Regielegende Fruit Chan mehrere bisweilen schwer erträgliche Erzählstränge zu einem allzu offensiven Missbrauchsdrama.

 Inhaltlich relativ komplex und stark verwoben mit seinem Handlungsort Hong Kong und den umliegenden chinesischen Provinzen, wird die Hauptfigur Ah Mui von der furchtlosen Chloe Maayan als geistig  leicht behindertes Tanka-Boot - Mädchen kongenial gespielt. Eine junge Frau, die von ihren drei Ehemännern an jeden dahergelaufenen Zahlungswilligen verkauft wird. Der Film ist allerdings ästhetisch unfassbar krude umgesetzt, vor allem wenn es um die Metaphorik für den Geschlechtsakt oder generell die weibliche Fruchtbarkeit geht, deren Bann sich "der Mann" wie schicksalshaft einfach nicht entziehen kann.
 Die Inszenierung des weiblichen Geschlechts in seinen verschiedenen metaphorisierten Darstell…