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Wenn Kunst und Qual und Lust zusammen kommen ~ IREZUMI - The Spirit of Tattoo (Yoichi Takabayashi, Japan, 1982)


 Yuki no hana, Blumen des Schnees sind es, die auf perfekte Haut tätowiert werden; Abbildungen, die besonders gelingen, wenn beim Akt des Stechens die körperliche Ekstase einhergeht. In diesem Erotik-Drama, das die Kunst des Tätowierens vor allem auf seinen spirituellen Überbau hin abklopft, gerät das Leben einer Frau aus den Fugen. Die Erfahrungen, die sie macht, verändern sie über die Zeit völlig und so weiß am Anfang niemand, wo das enden wird - jedenfalls nicht dort, wo es die dominante Männergesellschaft vorgesehen hatte. Im Hintergrund lauert aber ein größeres Drama, das sich später enthüllt - und auch hier ist das Motiv der Schneeflocke zentral.

 Hideo Fujii, ehemals Technik-Assistent bei Hideo Gosha und Nagisa Oshima ist Kameramann bei Yoichi Takabayashis IREZUMI (aus dem Jahr 1982 - nicht mit dem gleichnamigen Film von Yasuzo Masumura verwechseln), ist in IREZUMI für die Kamera verantwortlich. Die Bilder sind gelungen in ihrem manchmal etwas biederen Verständnis von Schönheit, in ihren Einstellungen, der Farbkomposition, dem Drängen zum Auratischen hin; warum nur hatte er so eine kurze Karriere, die im TV-Sumpf endete?

 Was an IREZUMI durchaus etwas aufstoßen kann, das ist die Bedingungslosigkeit, mit der das kulturelle Hoheitsgebiet in Anspruch genommen wird. Wenn Schnee fällt, dann in Zeitlupe und in einem japanischen Garten, wenn gegessen wird, dann hauptsächlich Kaiseki, wenn geredet wird, spricht der Mann und schweigt die Frau, wenn man etwas zu erreichen versucht, dann nur mit totaler Hingabe und Unabdingbarkeit. Das nimmt dem Film etwas von seiner erotischen Leichtigkeit, von seinem grenzgängerischen Potenzial und verströmt eine Atmosphäre des bleiern Ur-Japanischen, des Konservativen, der Beschwörung der Vergangenheit. Der Entscheidung, sich tätowieren zu lassen, wird mehr Gewicht beigemessen, als sich einen Kopf darum zu machen, eine Frau für die eigene Ideenwelt zu missbrauchen und diese unglücklich zu machen. Wir werden hier mit einer durch und durch patriarchalen Welt konfrontiert, die trotz ihrer nach außen hin sanft wirkenden Aura - die Gravitas von Tomisaburo Wakayama -  völlig rücksichtslos agiert.

 Doch die Rechnung kommt zum Schluss. Der Mechanismus der völligen Dominanz fordert die Revolte herauf, und als sich diese ihr Recht nimmt, bringt sie das männliche Gebäude zum Einsturz. Am Ende ist es die Frau, die die Oberhand behält, und mit der dieser Film schließt. Sie schaut in das reflektierende Fenster des Zuges, und erkennt sich selbst. Während draußen, in dunkler Nacht, der Schnee in dicken Flocken fällt.

Michael Schleeh

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