Direkt zum Hauptbereich

J-Horror, Yakuza und Verlorene Jugend: Notizen zur Nippon Connection 2018: Capsule Reviews

Bamy (dir.: Jun Tanaka, 2017)

  The Third Murder - Hirokazu Koreeda auf ungewohntem Territorium - diesmal mit einem investigativen Gerichtsthriller. Der Film ist ein typischer slow-burner, der seine Spannung auf kleiner Flamme hochköchelt, bis es kaum mehr auszuhalten ist. Nicht geringen Anteil daran hat der - einmal mehr - hervorragend spielende Koji Yakusho.

[Hirokazu Koreeda sidesteps the family drama business and pulls an awesome but ice-cold courtroom drama out of the bag. Featuring a devastatingly good Koji Yakusho.]

Bamy - Jun Tanakas Geisterfilm nimmt die Traditionen des Genres auf und macht daraus etwas Neues in seinem mit kleinem Geld realisierten Independent-Film. Das komplette Review kann man hier nachlesen.

Outrage: Coda - Takeshi Kitanos Abschlussfilm seiner dreiteiligen Yakuza-Reihe ist der schwächste Part der Trilogie. Obwohl die Szenen am Kai beim Angeln schön lakonisch sind und auch sonst wieder ausgiebig geredet und unvermittelt eruptiv geballert wird, scheint dem Film das Herz abhanden gekommen zu sein, ein emotionales Zentrum zu fehlen. Auch visuell bleibt er hinter den Vorgängern zurück.

(hier geht es zum Beitrag bei Schöner-Denken.de)

 Lu Over the Wall - Masaaki Yuasa durchbricht auch mit diesem Animationsfilm stilistisch alle Barrieren - und zwar auf eine Weise, wie das auch der Plot des Films mit seiner Narration macht. Inhalt bedingt die Form. Die Handlung selbst ist allerdings weniger originell, als ich mir das bei diesem Regisseur vorgestellt hätte - da sie sich mitunter arg bei bereits bekannten Klassikern des Anmationsfilms bedient. Der Film ist zwar definitiv auf der richtigen Seite, konnte mich aber nicht überzeugen.

[Great, inventive animation that breaks through barriers stylistically as the plot does in a narrative way. The story, though, is not as uniquely original as I had expected from this director, and the film borrows heavily from former animation classics. So, for me 'Lu over the Wall' is a mixed bag.]


http://tanukirepublic.net/
(Tanuki Republic Webseite)

River's Edge - Ein dunkler Film von Isao Yukisada, voller teenage angst, Gewalt und Selbstausbeutung. Allerdings zugleich sehr vollgestopft und etwas themenüberfrachtet mit unklaren Erzählerpositionen in den scheinbar willkürlich eingefügten, dokumentarischen Interview-Sequenzen. Insgesamt etwas unrund, vorhersehbar und zugleich überdeutlich ausformuliert.

(Lucas bei kino-zeit.de)

We Are ~ (Michihito Fujii, 2018) Ein weiterer coming-of-age-Film, der eine Gruppe von Freunden mit ihren verschiedenen Lebenwegen nach dem Schulabschluß portraitiert. Der stellenweise weichgezeichnete und mit so einigen Klischees überfrachtete Film kann weder stilistisch noch inhaltlich wirklich überzeugen. Er ist aber dermaßen handwerklich souverän inszeniert - mit einem sympathischen Cast -, dass man dennoch enorm unterhalten wird. Und mit dem Hauptthema - die hohe Selbstmordrate bei japanischen Jugendlichen - hat er auch einen dunklen Kern, der unweigerlich an die Oberfläche gespült wird. Wenn es so etwas wie ein guilty pleasure wirklich geben sollte, dann ist das so eine Art von Film für mich.

Enokida Trading Post ~ Provinzkomödie, die vor allem Dank der kleinen Details ans Herz wächst und einen schönen Humor hat, der manchmal ins Alberne hinüberspielt. Da verzeiht man dem Film auch gerne, dass er etwas an Dramaturgie vermissen lässt und episodisch wirkt. Kiyohiko Shibukawa und Sairi Itô spielen ihre überzeichneten Rollen ganz großartig.

(hier geht es zu komdehagens.de)

 Wir freuen uns auf nächstes Jahr! Ein großer Dank geht ans Festival-Team und die unermüdlichen ehrenamtlichen Helfer! ありがとうございます。


Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Masahista / The Masseur (Brillante Mendoza, Philippinen 2005)

Brillante Mendozas erste Spielfilmregie verortet ihn sogleich im Independentkosmos des modernen philippinischen, cineastischen Undergrounds. Geringe Budgets und die Digitalkamera eröffnen jungen Filmemachern die Möglichkeit, nicht nur jenseits einer etablierten Filmindustrie, sondern so gut wie jenseits jeder filmischen Szene aktiv zu werden. Ein Status, der sich auch in der Verfügbarkeit der Filme zeigt. So sind die Filme von Brillante Mendoza, Lav Diaz, Raya Martin, KHAVN de la Cruz u. a. nur in Ausnahmefällen auf DVD greifbar (wenn, dann sowieso nur weltweit), oder sie sind mit etwas Glück auf engagierten Retrospektiven und Filmfestivals zu sehen. Im Falle KHAVNs übrigens durchaus auch auf youtube, selbst eingestellt vom Regisseur. Die Filme eint neben den o. g. Kriterien ein Hang zum ästhetischen Radikalismus in Kombination mit einem Blick auf gesellschaftliche Mißstände, welcher gerne mal als "neorealistischer" italienischer Prägung oder als einer im Geiste des "Cin...

Accident / Yi ngoi (Soi Cheang, HK 2009)

Pou-Soi Cheangs erster Film unter Johnnie Tos Produktionshoheit (Milkyway) ist ein hervorragend schneller, straffer und kluger Genreknaller geworden. Ho Kwok-Fai (Louis Koo) hat ein Killerteam um sich geschart (Stanley Fung, Lam Suet, Michelle Ye), das sich auf die Inszenierung von Auftragsmorden spezialisiert hat. Diese laufen stets nach einem Dominosystem ab und erscheinen - da sie so komplex konstruiert wurden - wie tatsächlich Unfälle. Doch plötzlich wird einer des Teams während einer Aktion durch eine Verkettung tragischer Zufälle getötet. Ho entkommt nur knapp. An diesen Zufall will er nicht glauben und wähnt sich selbst das Ziel eines Killerteams. ACCIDENT beginnt enorm stark - und es ist eine Lust, den kreativen Inszenierungen zuschauen zu können. Cheangs in DOG BITE DOG zelebrierter harter Realismus und die ungestüme Wildheit SHAMOs geht ACCIDENT ab, da wurde er wohl von To gebremst. Doch nicht zum Schlechten: der Film ist sehr flüssig und elegant inszeniert, spart aber nicht ...

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...