Direkt zum Hauptbereich

Umzug der Erinnerungen: Danchi Woman (Akiko Sugimoto, Japan 2017)


 Wir sehen es an den Dokumentarfilmen über Fukushima, wie wichtig den Menschen ihre Heimat, ihr Zuhause ist. Man will offensichtlich, selbst bei den größten Katastrophen, nicht die Region verlassen müssen, die einem über Jahre oder Jahrzehnte ans Herz gewachsen ist. Akiko Sugimoto portraitiert in ihrem zweiten Dokumentarfilm eine ältere Dame von 85 Jahren, die aus einem public housing - Gebäudekomplex im Hafen von Yokohama, südlich von Tokyo, ausziehen muss. Nicht weit davon befindet sich das neue Gebäude mit Luxuswohnungen, die für die letzten Bewohner des alten baufälligen bereit stehen. Es stellt zwar eine deutliche Verbesserung ihrer Lebenssituation dar, doch möchte sie eigentlich nicht umziehen. Und den ganzen Plunder entsorgen, der sich angesammelt hat. Denn darin wohnen die Erinnerungen an ihr Leben.

 Sie hat ihr halbes Leben hier verbracht, und sehr viele Dinge um sich herum angesammelt - die Kamera von Akiko Sugimoto bewegt sich wie ein Höhlenforscher durch die Schluchten von bis unter die Decke gestapelten Schachteln, Dingen und Aufbewahrungsboxen in der viel zu klein gewordenen Wohnung. In ihr ist es dunkel geworden. Die sowieso schon abgedunkelte Wohnung japanischer Art werden durch Frau Uchikoshis Unvermögen, Dinge wegzuwerfen, zu Höhlen des Daseins, in die man sich besser mit Stirnlampe und Kartenmaterial begibt. Es ist nun aber keine skandalöse Messie-Wohnung, in der viel "Müll" herumliegen würde, oder in der es dreckig wäre. Die Wohnung wirkt viel mehr wie ein Lagerhaus der Erinnerungen.

 Die Bilder dieses Films sind mitunter wunderschöne poetische Miniaturen, die der Übermacht der angehäuften Dinge entgegenstehen. So wird das Authentische, manchmal in die Groteske Vordringende durch den besänftigenden, leuchtenden Minimalismus aufgefangen. Auch die begleitende Klaviermusik ist sehr zurückhaltend und lässt dem Film Luft zum Atmen. Danchi Woman ist - so traurig er ist, und er den Schmerz als Kern in sich trägt - ein positiver Film.

 Die Drehzeit hat etwa sechs Jahre gedauert und die Regisseurin hat diesen no budget-Film aus eigener Tasche finanziert und ihre komplette Freizeit für das Projekt drangegeben. Anschließend gab es einen aufwändigen, mehrjährigen Prozeß des Editierens und Schneidens. Dass der Film mitunter etwas uneben wirkt, vor allem in den Bildern, liegt daran, dass über die lange Entstehungszeit mehrere Kameramänner in das Projekt involviert waren.

 Danchi Woman ist ein Film, der seine Protagonistin nicht anklagt, sich nicht über sie erhebt und sich lustig macht - und das Sujet dadurch skandalisierein würde. Es ist eine durchaus zärtliche Annäherung, die auf einem Fundament des Respekts entstand. Und das ist das Wunderschöne an diesem Film: wie authentisch, offen und ehrlich sich diese großartige Dokumentation seinem Gegenstand nähert. 

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore I - Eine Idee erscheint (DuMont, 2018)

Der namenlose Ich-Erzähler, ein in die künstlerische Krise geratener Portraitmaler, zieht sich nach gescheiterter Ehe in die Einsamkeit einer Berghütte zurück: es ist das ehemalige Häuschen des berühmten Malers Tomohiko Amada, der dort ungestört arbeiten wollte. Bald aber wird er von einem mysteriösen Nachbarn gestört, der sich ein Portrait anfertigen lassen will, wie von einem mysteriösen Glöckchenläuten, das nachts immer wieder erklingt und dessen Ursprung sich zunächst nicht erkunden lässt. Mehrere Frauengeschichten halten ihn ebenfalls auf Trab, wie auch ein Malkurs, den er im Städtchen Odawara am Fuß des Berges abhalten muss. Wie in einer Schauergeschichte findet er auch noch das titelgebende Gemälde auf dem Dachboden, das die Ermordung des Commendatore zeigt. Nach und nach macht sich der verhinderte Künstler, der eigentlich auf der Suche nach Ruhe und Einsamkeit war, an die Aufklärung der mysteriösen Ereignisse.
 Ein typischer Plot für einen Murakami-Roman: eine Hauptfigur, di…

Adolf Muschgs Roman 'Heimkehr nach Fukushima': von der Liebe im Schatten des Reaktors (C.H. Beck, 2018)

Der gedankliche Sprung vom "Löschwasser zum Fruchtwasser", den der Architekt Paul Neuhaus in Adolf Muschgs neuem Roman Heimkehr nach Fukushima anstellt, ist ein gewaltiger. Und der Schritt über diesen semantischen Graben hinweg ist so groß, wie einer über die Gräber der toten Japaner des Unglücks vom März des Jahres 2011. Soll das nun lustig sein? Darf man das überhaupt? Was wird geboren aus dieser neuen "Ursuppe" (sic!), die Muschg hier heraufbeschwört? Man fühlt sich manchmal etwas unwohl mit solchen Vergleichen und wilden Assoziationen und befürchtet, dass es der Autor mit der augenzwinkernden Bildlichkeit mitunter etwas übertreibt. Denn das Buch arbeitet mit vielen Dopplungen und Spiegelungen, die den Adalbert Stifter-Narren Paul Neuhaus aus dem Rheintal auf Einladung eines befreundeten Ehepaars nach dem japanischen Fukushima führen.

 Man will Neuhaus vom Gast zum Vermittler machen, denn der Bürgermeister eines verstrahlten Ortes in der Region um den Meiler…

HERRMANN (Reda, Deutschland 2012)

Ein nicht mehr ganz junger Familienvater, der aus der linksalternativen Szene zu stammen scheint und der  mittlerweile wohl ziemlich in der Bürgerlichkeit angekommen ist, verabschiedet sich eines Abends von seiner Frau/Freundin und seinem bereits schlafenden Kind, da er noch auf einen Geburtstag will. Sein halb schelmisch-unterwürfig ausgedrückter Wunsch, anschließend noch kurz aufs Konzert zu gehen (dem ein echtes Begehren zugrunde zu liegen scheint, da seine Stimme schon zu zittern beginnt), wird von der verantwortungsbewußteren, vernünftigen Herzdame mit Stirnrunzeln weggeknutscht. Vermutlich kennt auch sie das Lied von der Punkband Oma Hans, wo die Mädchen auf dem Konzert einfach besser küssen als sonstwo. Da muss sie gar nicht mehr viel zu sagen, es liegt alles in ihrem Blick: er soll halt endlich mal erwachsen werden, dieser Berufsjugendliche. Schließlich gibt es jetzt Familie. Und eigentlich hatte er ja auch schon kapituliert, bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hat. Da kan…