Direkt zum Hauptbereich

The Warped Ones aka The Wild Love-Makers / Kyonetsu no kisetsu (Koreyoshi Kurahara, Japan 1960)



THE WARPED ONES ist die totale Tayozoku-Madness, ein Film über jugendliche Rebellen im Nachkriegsjapan: zwei "juvenile delinquents" kommen aus dem Gefängnis heraus und beginnen direkt mit ihrer Hatz auf Vergnügungen, auf Mädchen, Alkohol und Befriedigung der Primärbedürfnisse. Wenn die Strecke zu weit ist, klaut man eben kurz einen Wagen. Hat man Hunger, klaut man was am nächsten Straßenstand. Die Sonne brennt vom Himmel, der Schweiß steht auf der Stirn, der Jazzbeat treibt voran, die Artikulation geschieht hauptsächlich durch Grunzen, Brüllen, Knurren und sonstige animalische Laute. Wird gegessen, dann wird geschlungen. Gebratene Hühnchen werden zerrissen, Reis wird gestopft. Wasser wird aus der Kanne direkt in den Mund gegossen und läuft über den von Schweißtropfen perlenden, entblößten Körper.

Dieser prototypische Suntribe-Film (die man als Vorläufer der "Neuen Welle" in Japan verstehen kann) ist ein einziger, rasender Exzess der Respektlosigkeit. Die beiden Protagonisten hausen in einem Verschlag direkt an den Bahnschienen, ansonsten halten sie sich bevorzugt in einem Jazzclub auf der Amüsiermeile auf. Mit Hilfe einer hübschen Freundin, die hauptsächlich als Prostituierte ihr Geld verdient, ziehen sie betrunkene Freier ab und klauen deren Brieftaschen. Durch Zufall begegnen sie bei einer Fahrt ans Meer einem Journalisten und seiner Verlobten, der sie damals in Schwierigkeiten brachte. Voller Hass wenden sie das Auto und heizen auf das Pärchen zu, einer reisst die Türe auf und mäht den Mann um. Der Wagen stoppt, der andere springt heraus und zerrt die Frau ins Auto, die sie an eine abgelegene Stelle des Strandes verschleppen. Hinter einem Wäldchen wird die Frau dann von einem der beiden Männer vergewaltigt und liegengelassen.

Zurück in Tokyo erkennt er sein Opfer auf einem Plakat: sie ist Künstlerin und er steht zufällig vor der Galerie, in der sie neue Bilder austellt. Stets impulsiv und hemmungslos, betritt die Mischung aus Yakuza und Gossenjunge die Räume der gediegen-intellektuellen Veranstaltung und führt sich auf, als wäre er nicht ganz dicht. Das Wiedersehen mit dem Vergewaltiger fällt traumatisch für die Frau aus, vor allem, da er einen Narren an ihr gefressen zu haben scheint, und sie und ihren Gatten zu seinem Vergnügen zu terrorisieren beginnt. Vor allem ihr Mann behandelt sie von nun an wie eine "gefallene Frau" - das Thema wird totgeschwiegen, Kontakt gibt es aber keinen mehr. Da verfällt sie auf die Idee, den Vergewaltiger und seine  Freunde zu bitten, auch ihren Mann zu schänden, damit sie beide wieder auf derselben Stufe stünden...

So nimmt das Drama seinen Lauf, und gut enden kann das nicht. Besonders faszinierend ist die totale Bedrohung durch diese Kriminellen, die jede gesellschaftliche Übereinkunft über Bord geworfen haben -  vor allem auch weil sie völlig rücksichtslos gegen sich selbst handeln. Derart werden sie auf gewisse Weise unangreifbar - etwa wenn ihnen egal ist, ob sie in den Knast kommen, solange sie noch ihren Spaß bei einer Vergewaltigung haben konnten. Der "zivilisierte Mensch" kann solchen Personen nichts mehr entgegensetzen, wenn er an den eigenen Werten festhält. Um solche Bestien loszuwerden muss man selbst zum Tier werden.

Besonders erwähnenswert ist außerdem noch der Soundtrack, der hier ausschließlich aus dem Jazz der Besatzer besteht, sowie die Bekanntschaft mit einem schwarzen GI. Mit diesem gibt es noch eine angedeutete homoerotische Eskapade am Strand (und eine inoffizielle "Fortsetzung" namens BLACK SUN, 1964), bei dem die übermütigen Jungs ins Meer hüpfen. Außerdem: eine spiegelverkehrte Problematik mit ungewollten Schwangerschaften und das Thema der Abtreibung. Aber man soll nicht zuviel verraten: THE WARPED ONES ist ein atemloser, stets an der Überhitzung brodelnder cineastischer Exzess, der in der Konsequenz der Darstellung seines Themas fassungslos macht. Ein absoluter Pflichtfilm, der sich einer eigenen Bewertung enthält. Dass diese Reise ein Spirale in die Hölle ist, scheint aber unzweifelhaft gegeben. Ob dahinter ein konservativer Impuls lauert, könnte diskutiert werden. Shintaro Ishihara jedenfalls, der mit seiner Erzählung Tayo no kisetsu (1955, verfilmt 1956) den Akutagawa-Preis gewonnen hatte, sagte in einem Interview "that these tales are, in a sense, about conservative morality: rebellion and impulsiveness do not ultimately bring happiness to either the boys or the girls." Hinzufügen muss man allerdings, dass sich der Herumtreiber aus reichem Hause im Laufe seiner politischen Karriere zu einem der konservativsten Hardliner Japans (ebd.: "He called the Tohoku earthquake a “divine punishment” for Japan’s moral misdirection." - ein Ereignis, das zum Tsunami und zur Fukushima-Tragödie führte) entwickelt hat. Die kompromisslose Darstellung in THE WARPED ONES jedenfalls ist pures cineastisches Glück.

Zu Koreyoshi Kurahara und den Sun Tribe-Filmen im Allgemeinen empfehle ich diesen Text bei mubi.com.





***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Strenge Kompositionen, die beschädigt werden: Jun Tanakas verstörender Horrorfilm BAMY (Japan, 2017)

Schon in den ersten Minuten wird vollkommen klar, wie souverän Jun Tanaka in seinem Spielfilm-Regiedebüt agiert: lange Phasen ausgedehnter Ruhe wechseln sich ab mit subtilen, dabei intensiven Störungen des allzu gewohnten Alltags. Ein Schirm, der plötzlich durchs Bild fliegt, ein alter Bekannter, der plötzlich auftaucht und schräg unter dem Kapuzenpulli hervorschaut sind Elemente schon ganz am Beginn des Films, die eine stark verunsichernde Atmosphäre erschaffen. Strukturell wird der Film zunächst über seine Kamerabewegungen definiert: eine senkrechte Achse (die Fahrt der Protagonistin im gläsernen Fahrstuhl) wird um eine waagerechte Achse (der Weg über den Vorplatz) ergänzt, was dem Film den Eindruck einer genau durchdachten Konstruiertheit und somit  Zielgerichtetheit zugrundelegt, die durch das Element des herabfallenden Schirms aufgebrochen wird. Strenge Kompositionen, die beschädigt werden. Geometrien. Bild-Ton-Scheren. Außerdem erklingen auf der Tonspur urplötzlich abstrakte …

Banshiwala (Anjan Das, Indien 2010)

The sixth film of Bengali film director Anjan Das is a slowly moving arthouse film which features good actors and beautiful music. It is a literary adaption from the novel The Flautist by Shirshendu Mukhopadhyay and that instrument obviously has been one of the inspirations for the very lyrical, melodical songs here. Anjan Das already died in 2014 after directing eight feature films - for Banshiwala he was awarded two prices at international film festivals.

 The film basically asks the moral question if a house as a building is merely a property (of investment) or if it's somehow a sacred place of remembrance. In this case, the house even is a little bit run-down but still an impressive ancestral manor which bears memories of multiple generations of the family. So, selling it would be the equal to giving away the familial heritage. But there's a dark and hidden secret, too, which has to be challenged as the story comes to a close. In some abstract scenes, the fil…

Mad World - Hong Kong's entry for the foreign language Oscar (Wong Chun, 2016)

Wong Chun's debut feature film is not really part of the Hong Kong International Film Festival, but one I did see during my stay here at Mongkok's Broadway Circuit outlet as a regular screening on a sunday morning.

It's a quiet and atmospheric film that is quite beautifully shot and extremely well acted by Eric Tsang (kudos!) and Shawn Yue, his son suffering from bipolar disease. It's a film about fatherhood and responsibilities, about getting old in financially difficult times. They both live in a shared flat with three other parties. No one seems to be able to pay rent anymore in Hong Kong. It's really depressing.

Mad World is definitely worth watching, as it has been screened in Busan and in Toronto. It got mixed reviews overall, but I really don't understand why. There are no loose ends, the plot is fragmented with flashbacks to family history, but that always makes sense and adds to the depth of the characters. I really liked it and recommend…