Direkt zum Hauptbereich

The Woman who wanted to Die / Segura magura: shinitai onna (Kôji Wakamatsu, Japan 1970)


Ein wahnsinnig schöner Film von Wakamatsu mit einem etwas verwickelten Plot: in einem tief verschneiten Provinznest verbringt ein beinah schon vermähltes Liebespaar ein paar gemeinsame Tage, doch reist ihnen der ehemalige Geliebte der Frau, ein heißblütiger Student, hinterher. Der befreundet sich, dort angekommen - überraschend und auch sexuell - mit einer älteren, reifen Frau, der Wirtin seines Gasthofes. Diese aber ist die ehemalige Geliebte seines Rivalen, des Mannes seiner Freundin. Damals liebten sich die beiden innig, aber ihre Liebe hatte keine Zukunft. Sie hatten sich dazu entschieden, den Doppelselbstmord aus Liebe  durchzuführen, was aber an der Willensstärke des Mannes gescheitert war, der sich, nachdem er die Frau mit einem Schwerthieb niedergestreckt hatte, nicht selbst töten konnte. Fortan quälte ihn die Gewissheit, seine große Liebe emordet zu haben, aber selbst zu feige gewesen zu sein. Die Frau jedoch überlebte schwerverletzt, zu einem Leben im Leid fern des Geliebten verdammt. Nun ist der Moment gekommen, da sie endlich zusammen sein, und das Versäumte nachholen können.

Wakamatsus Filme entstehen nie im luftleeren Raum, und so ist auch dieser an zeithistorische Ereignisse angebunden. Der Beginn des Films (nach dem Vorspann, in dem sich die Protagonistin in einer stark theatralisierten Szene in einem dunklen Raum auf weißem Leintuch mehreren Revoluzzern hingibt) macht gleich deutlich, was die Folie ist: der sensationelle Selbstmord Yukio Mishimas. Verschiedene Zeitungsausschnitte werden in schneller Folge montiert, auf der Tonspur überlagern sich Fetzen von öffenlichen Reden,Banderolen und Spruchbänder künden von Ereignissen, die in den Untertiteln nicht übersetzt werden. Jedenfalls greift der Film mehrfach das Motiv wiederholt auf, für seine Überzeugungen bis in den Tod zu gehen, zum Beispiel für seine Liebe - und kontrastiert sie mit einer ganz anderen, entgegengesetzten Empfindung - nämlich sich aus Langeweile und "einfach so" das Leben zu nehmen. Feilich steht dahinter, auch wenn die Protagonistin das nicht zu  ihrem engagierten, radikal politisierten Freund sagen kann, dass sie sein Gebaren für sinn- und zwecklos hält, in der Existenz generell keine Freude und keinen Sinn entdecken kann, und schlicht der ganzen japanischen Gesellschaft eine Daseinsberechtigung abspricht. Mit dieser Jugend gibt es keine Zukunft, diese Jugend bringt sich aus Frust um.

So schnell passiert das dann aber doch nicht, und am Ende gibt es noch eine Wendung, die man nicht unbedingt vorhergesehen hätte - aber es wird mal wieder überdeutlich, auf wievielen Ebenen Wakamatsu Kritik am System formuliert. Ohne die eine oder die andere zu favorisieren, oder für allgemeingültig zu erklären. Das lässt er offen, und viel eher scheint es, dass es ihm ganz allgemein darum zu gehen scheint, wie eine Nation, eine so stolze und traditionsbewußte Nation wie Japan, den Zugang zu seinen Kindern verloren zu haben scheint. Kinder, die Wakamatsu nicht frei von Schuld spricht, keineswegs, man erinnere sich nur mal an den sexuell devianten und überforderten Studenten in SECRETS BEHIND WALLS, der seine Nachbarin durch ein Teleskop beobachtet und dann seine eigene Schwester vergewaltigt. Und anschließend noch zum Mörder wird. Aber auch THE WOMAN WHO WANTED TO DIE ist trotz des vielen hellen Schnees ausgesprochen düster, zugleich exzellent gespielt und total umwerfend gemacht.








***

Beliebte Posts aus diesem Blog

HKIFF 2013: A Story of Yonosuke (Shuichi Okita, Japan 2012)

Mitte der 80er kommt der junge Yonosuke nach Tokyo um dort zu studieren. Er ist eine ziemlich schräge Gestalt: groß gewachsen, Wuschelhaare, er hat einen ungewöhnlichen Humor und hat einen einnehmend, offenen Charakter. Einer der zugleich irgendwie schräg ist, rausfällt. 16 Jahre später erinnern sich verschiedene Personen, die alle seine Bekanntschaft gemacht hatten, an ihn, und in übergangslos montierten Rückblicken findet der Film - durch seine unterschiedlichen Perspektiven - neue Blickwinkel auf die Person Yonosukes. Hierfür gibt es auch einen Anlaß, der teilt sich aber erst ganz am Ende des Films mit. Dieser Film, eigentlich eine coming-of-age-Geschichte, ist voller origineller Einfälle, von lautem und leisem Witz, immer durchzogen von einer Spur Ironie und Humor. A STORY OF YONOSUKE ist trotz seiner 160 Minuten extrem kurzweilig, und hat eine völlig ungewöhnliche Narration. Beim ersten Einschub eines sozusagen "zukünftigen Flashbacks", denn die Zeit der Haupthan...

The Warped Ones aka The Wild Love-Makers / Kyonetsu no kisetsu (Koreyoshi Kurahara, Japan 1960)

THE WARPED ONES ist die totale Tayozoku-Madness, ein Film über jugendliche Rebellen im Nachkriegsjapan: zwei "juvenile delinquents" kommen aus dem Gefängnis heraus und beginnen direkt mit ihrer Hatz auf Vergnügungen, auf Mädchen, Alkohol und Befriedigung der Primärbedürfnisse. Wenn die Strecke zu weit ist, klaut man eben kurz einen Wagen. Hat man Hunger, klaut man was am nächsten Straßenstand. Die Sonne brennt vom Himmel, der Schweiß steht auf der Stirn, der Jazzbeat treibt voran, die Artikulation geschieht hauptsächlich durch Grunzen, Brüllen, Knurren und sonstige animalische Laute. Wird gegessen, dann wird geschlungen. Gebratene Hühnchen werden zerrissen, Reis wird gestopft. Wasser wird aus der Kanne direkt in den Mund gegossen und läuft über den von Schweißtropfen perlenden, entblößten Körper. Dieser prototypische Suntribe-Film (die man als Vorläufer der "Neuen Welle" in Japan verstehen kann) ist ein einziger, rasender Exzess der Respektlosigkeit. Die beide...

Nippon Connection 2016: Being Good (Mipo O, Japan 2015)

Die koreanisch-stämmige Japanerin Mipo O verbindet in BEING GOOD drei Erzählfäden zu einem Pastiche des alltäglichen Schreckens: versteckte, häusliche Gewalt gegenüber Kindern ist das Thema des engagierten Films. Dass auch in ihrem aktuellen Film die Sozialkritik im Mittelpunkt steht, konnte man sich schon denken, wenn man an ihren Film THE LIGHT SHINES ONLY THERE zurückdenkt, der nicht nur international erfolgreich war (Filmfestivals, Auslands-Oscar-Beitrag 2014), sondern auch auf Platz 1 des jährlichen Filmrankings der renommierten Filmzeitschrift Kinema Junpo landete. Und so denn auch hier: ein Sozialdrama, das emotional vernichtend sich ins Herz des Zuschauers schleicht, ohne dabei in Kitsch abzurutschen oder sich seine Prämisse allzu deutlich auf die Fahne zu schreiben. Es ist ein Film, der an die Substanz geht. Dabei beginnt der Film recht drastisch: schon in den ersten Minuten wird ein kleines Mädchen von der kaltherzigen Mutter im Wohnzimmer verdroschen, dass sie blaue...