Direkt zum Hauptbereich

Woman of the Lake / Onna no mizumi (Yoshishige Yoshida, Japan 1966)


Die schöne und unglücklich verheiratete Miyako (Mariko Okada) hat eine Affäre mit dem jungen Kitano (Tamotsu Hayakawa), mit dem sie sich tagsüber in Hotels im Stadtzentrum trifft. Ihr Gatte Yuzo (Shinsuke Ashida) scheint davon nichts mitzubekommen; er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann mit einer deutlich wertkonservativen Einstellung. An einer Stelle im Film sagt er einmal, eine gute Ehefrau sei leicht wie ein Lufthauch, man würde ihre Gegenwart niemals bemerken. Diese Ruhe ist nun bedroht, da Kitano von Miyako im Hotel erotische Nacktbilder gemacht hat, die Miyako dummerweise auf dem Heimweg vom Stelldichein in der Tasche mit dabei hat. In dieser Nacht wird sie von einem Unbekannten bedrängt - und sie wehrt sich mit der Tasche, worauf ihr der Mann sie entreißt. Am nächsten Tag bekommt sie einen Anruf von dem Erpresser, sie solle zu ihm in ein Seebad fahren, und das Geld für die Bilder mitbringen.

Dass es dem Erpresser nicht nur ums Geld geht, ist Miyako klar, so gut kennt sie die Männer. Auf dem Weg verspätet sich aber der Zug auf halber Strecke, wodurch ihr Freund Kitano sie einholen konnte, da er den Erpresser stellen will. Später stellt sich dann heraus, dass Kitano schon längst eine weitere Affäre hat (die ihm ebenfalls nachreist), und dass der Erpresser ein tatsächlich in sie verliebter Lehrer aus der Schule von nebenan ist. Miyako ist also zwischen drei Männern gefangen, und versucht verzweifelt, ihre Ehre zu retten - für eine Ehe, die sie möglicherweise gar nicht mehr will. Denn ob ihr Gatte sie liebt, ist mehr als fraglich.

Zusammengefasst liest sich der Plot wie eine spannende Liebesgeschichte; der Film nach Vorlage von Yasunari Kawabatas Erzählung ist aber ein extrem entschleunigter Kunstfilm. Die Handlung entblättert sich nämlich erst sukzessive im Laufe des Films. Erklärt wird hier nichts. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, die Verhältnisse und Ereignisse einzuordnen. Miyakos emotionales Gefängnis, denn in nichts anderem befindet sie sich, wird durch äußerste formale Strenge in der Kameraarbeit visuell gespiegelt. In WOMAN OF THE LAKE findet man penibel kadrierte Bilder vor, kunstvolle Arrangements, die der Gefühlswelt der Protagonistin Ausdruck verleihen (die übrigens die Frau des Regisseurs ist). Rechte Winkel, ins Eck des Bildes gepresste Figuren, Blicke durch Scheiben hindurch, über Spiegel, über Winkelrelationen ins Verhältnis gesetzt; streng konturierte Gesichter in Close-Ups durch die harte Beleuchtung, und eine voyeuristische Kamera in den langsamen, ausgedehnten sexuellen Szenen - deren Stoßrichtung aber nicht Exploitation sondern formale Finesse ist. Der Eröffnungsshot etwa ist eine mehrminütige Eloge auf die körperliche Hingabe der beiden Protagonisten, die in einer langen Plansequenz gefilmt ist, ohne Schnitte oder Brüche, mit einer Kamera, die mehrfach ums Bett dreht, bevor sie sich in der Detailwiedergabe der Falten des Betttuches und der Körper verliert.

Freilich wird diese strenge Komposition gegen Ende flexibler, durchlässiger, der Film wird dynamischer, als sie im Seebad angekommen. Dort gibt es einen schmierigen Photoladenbesitzer, der Kopien von den Nacktbildern macht und zu einem weiteren Erpresser wird. Der im Hinterzimmer ein Aktstudio betreibt, in dem sich Frauen von Männern photographieren lassen. Am Strand ist außerdem ein Filmteam zugange, das einen Erotikfilm schießt mit einer der Darstellerinnen aus dem Studio. Und Miyako schließlich inmitten all der Betrügereien jegliche Orientierung verliert. Sie weiß nicht mehr, wen sie liebt und welchem Liebhaber sie trauen kann - und der Film eindeutig zu einem der Frustrationen und der Verzweiflung wird. Am Ende begeht sie beinahe einen Mord, bevor sie mit der Bahn und ihrem asexuellen Mann, der ihr ebenfalls gefolgt ist, auf den bestehenden Gleisen ins vorgefertigte Leben zurück nach Tokyo fährt. Hier findet dann auch der Film zu seiner formalen Strenge zurück, der Miyako wieder in die Zange nimmt. Ein Happy End sieht eindeutig anders aus.




 





***

Kommentare

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

I Am a Hero (Shinsuke Sato, Japan 2016)

Hideo Suzuki ist der Protagonist dieses Films und sein Vorname lässt sich in Kanji geschrieben wohl auch als Held lesen. Eine Tatsache, die der schüchterne Hideo verlegen weit von sich weist. Das sei er nämlich ganz sicher nicht. Vielmehr ist er, wie seine langjährige Freundin stets betont, vor allem ein richtiggehender Loser, der immer noch einem jahrzehntealten, realitätsfernen Jugendtraum nachhängt, ein echter Mangaka, ein Mangazeichner, zu werden. Nicht nur ein namenloser Assistent, der er nämlich ist. Der Filmtitel darf also getrost ironisch gelesen werden - und deutet doch darauf hin, dass mit seinem Protagonisten etwas passieren wird: ein Reifeprozeß, als es eben nicht mehr anders geht, als er dazu gezwungen wird, "seinen Mann zu stehen". Das muss er für seine Ersatzfamilie, eine Krankenschwester und das Schulmädchen Harumi, das sich zur Hälfte in einen Zombie verwandelt hat. Aber eben nur halb, und da sie sich kaum mehr richtig bewegen kann - dabei aber schubweise …

Eine Außenseiterbande stürzt ein Provinznest in Verwirrung ~ Naoko Ogigamis Komödie YOSHINO'S BARBER SHOP (Japan, 2004)

Bereits in Naoko Ogigamis Debüt-Film lassen sich viele Elemente finden, die sie in ihren späteren Filmen immer weiter ausgebaut und verfeinert hat. Alltagskomödien mit einem Schuss Quirkyness, die japanische Besonderheiten aufs Korn nehmen - so könnte man ihre Filme vielleicht ganz einfach umreißen. Hinter dieser scheinbar simplen Oberfläche aber lauert eine tiefere Schicht, eine größere Bedrohung: Einsamkeit, Verlorensein, an einem fremden Ort neu anfangen müssen (Expatriation), eine Familienkonstellation, die zerbrechlich ist. Die Bedrohungen von außen, durch die Gesellschaft. Hier, in YOSHINO, ist es vor allem die Gleichschaltung unter dem Deckmäntelchen der Kultur und Tradition, der sich Ogigami angenommen hat.
 Wer das Filmplakat studiert, sieht schnell, dass die Kinder alle denselben Haarschnitt tragen. Den bekommen sie freilich in YOSHINO'S BARBER SHOP von der resolut spielenden Masako Motai verpasst, die man aus eigentlich allen anderen Filmen der Regisseurin bereits ken…

Nippon Connection 2016: Oyster Factory / Kakikoba (Kazuhiro Soda, Japan 2015)

Der in New York lebende und aus Tokyo stammende japanische Dokumentarfilmer Kazuhiro Soda legt mit OYSTER FACTORY seinen neuesten Film vor: 2007 war er mit CAMPAIGN noch bei der Berlinale vertreten, weitere Filme liefen auf verschiedenen Festivals. Dieser ist nun der sechste Film in einer Reihe von Dokumentarfilmen, die Soda selbst in den Anfangstiteln als Serie durchnummeriert. Der Regisseur tritt zugleich als Produzent, Skriptwriter, Kameramann und Cutter auf. OYSTER FACTORY ist also ein Leidenschaftsprojekt, das mit wenigen Mitteln finanziert wurde und als Autorenkino durchgehen darf. Sein Platz im Programm der Reihe Nippon Visions ist also durchaus angemessen, obwohl Soda alles andere als ein Debutant ist. Und umso toller, dass er mein Eröffnungsfilm des Festivals war, denn dieser Film ist großartig.
Es war ein wenig der Zufall, der mich in diesen Film trieb: Kiyoshi Kurosawas JOURNEY TO THE SHORE, der eigentliche Eröffnungsfilm des Festivals, war bereits rappelvoll, und ich hatt…