Direkt zum Hauptbereich

Nayak / The Hero / নাযক / Der Held (Satyajit Ray, Indien 1966)


Ein erfolgreicher und noch unverheirateter Schauspieler und Lebemann, über dem das Damoklesschwert des Karriereknicks schwebt, nimmt ausnahmsweise den Zug nach Delhi, wo er einen Preis empfangen soll - die Flüge waren alle ausgebucht. Dort im Zug, auf diesem beengten Raum, wo beinah auch der ganze Filme spielt, macht er die Bekanntschaft verschiedener Leute, die ihn freilich alle erkennen, aber nicht alle sind ihm positiv gesonnen. Sein Name wird mit einem Skandal in Verbindung gebracht: mit einer Schlägerei am Vorabend, wo es um eine Liebessache gegangen sein soll. Eine Zeitung berichtete am Morgen in einem Artikel. Außerdem geht das Gerücht um, dass sein neuster Film ein Flop sein soll. Um die Situation noch etwas zu verschärfen, macht er die Bekanntschaft einer aufgeweckten, selbstbewußten Journalistin namens Aditi Sengupta (Sharmila Tagore), die ihn gerne für ihre Liebhaber-Kulturzeitschrift interviewen möchte. Sie aber will ein "richtiges" Interview mit dem Star, eines, das in die Tiefe geht und den "wahren Menschen" hinter der Fassade des Stars zeigt. Doch genau das versucht Arindam Mukherjee (Uttam Kumar) zu vermeiden. Um seine Persönlichkeit hat er eine Mauer hochgezogen.

Und dann betrinkt er sich auch noch. Und dann verliebt er sich auch noch. Aber eine Komödie ist NAYAK nicht. Beinahe möchte man Mitleid mit ihm haben, dem Protagonisten, der hier doch zunächst etwas unsympathisch auftritt, arrogant, kurz angebunden, sich seines Status' und Aussehens sehr bewußt. Doch Satyajit Ray führt diese Person in verschiedene problematische Situationen hinein, die alle gelöst werden wollen, und das macht Arindam überwiegend originell und freundlich, kreativ. Natürlich ist die hübsche Aditi Sengupta auch ein love interest, zugleich aber eine unabhängige Frau, die keineswegs nur als Widerpart und somit auf Abhängigkeit zur Hauptfigur hin konstruiert und reduziert ist. Vielmehr ist sie eine eigenständige Persönlichkeit und Protagonistin, die Arindam auch in ästhetischen, künstlerischen wie moralischen Fragen herauszufordern weiß. Allein, eigenständige Spielzeit wird ihr dennoch kaum einmal zugestanden.

Formal ist auch dieser Ray einem elegant anmutenden Realismus verpflichtet, dem bengalischen Kunstkino, das der in jeder Hinsicht überschäumenden Kinematographie Bollywoods entgegensteht. Eher an europäischem Arthouse orientiert, gibt es dann auch hier keine Gesangs- & Tanznummern, kein Liebesleid und Liebesglück, sondern den Menschen in der Klemme mit ernstzunehmenden, existenzialistischen Sorgen und Nöten. Problematisierung der Geschlechterverhältnisse. Da ist es besonders schön, dass NAYAK so leichtfüßig inszeniert ist, immer mit einem Lächeln, das aber glücklicherweise eher von Chaplin stammt als von einem (meist gut gemeinten aber selbstgefälligen) Gutmenschenkino - damit hat Ray überhaupt nichts am Hut. Interessant ist auch die Rückblendenstruktur des Films, in der sukzessive die Biographie und der Werdegang des Künstlers als junger Mann dargestellt wird. Inwieweit das immer verlässlich ist, ist fraglich - wir befinden uns schließlich nun in der Erzählung der Figur selbst, sozusagen in einer Erzählung innerhalb der Erzählung - und wer weiß, was hier alles beschönigt wird (hierauf könnte man ein Augenmerk bei einer weiteren Sichtung legen). Schönerweise finden sich in NAYAK, als cineastische Höhepunkte, zwei Alptraumsequenzen wie in einem surrealistischen Horrorfilm; in einer versinkt Arindam im Treibsand seiner Millionen; ein Tod, wie man ihn allenfalls Dagobert Duck wünschen würde.

"Nayak" ist freilich dennoch ein Stück weit ein ironischer Filmtitel, denn der Held ist viel eher ein Anti-Held; gleichwohl aber wird überdeutlich, dass er ein Mensch ist, der sein Umfed ernst nimmt, echte Gefühle zu entwickeln imstande ist, und der - auch wenn es kein Happy Ending gibt - klüger aus der Geschichte hervorgeht, als er hinein gegangen ist. Wie auch der Zuschauer. Mitten im Gewusel der Fans - bei Ankunft in Delhi - ist Arindam der Einsame, der zurückgelassen wird. Aus Respekt vor ihm hatte Aditi ihre Notizen für das Interview zerrissen. Ein trauriger, aber wunderschöner Schluss für diesen formidablen Film.

Michael Schleeh

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Im Wahnsinn nachtdunkler Farben: The Ghost Bride (Chito S. Rono, Philippinen 2017)

The Ghost Bride ist einer der unzähligen philippinischen Grusel-Horror-Filme, die in ihrer tendenziell dilettantischen Machart hochsympathisch sind, auch weil es ihnen immer wieder gelingt, für Abwechslung und damit Überraschung zu sorgen: immer wieder spektakulär tolle Bilder, die aus einem Wust aus TV-Film-Optik herausragen, komische Geister aus dem südostasiatischen Raum (hier auch aus der chinesischen Mythologie) inmitten unzähliger amerikanisierter Jump-Scares, saturierte Farben verstörender Alpträume in einem Einheitsgrau der Bildgestaltung. Plötzlich hervorbrechend gutes Schauspiel in einem bisweilen an Overacting leidenden und an Ungelenkheiten krankenden Geisterfilm. Also Dinge, die verstören, faszinieren, begeistern. In einem Film, der streckenweise ziemlich öde, der in seiner Narration behäbig ist, und bei dem man immer wieder den Überblick verliert. Weil er vollgestopft ist mit Nebenhandlungen. Es ist eine typisch philippinische, schwer in sich verästelte Überforderung mit…

shomingeki deluxe: Ein Gespräch über EQUINOX FLOWER von Yasujiro Ozu (Japan, 1958)

Heiraten, ja oder nein? Und wenn, dann wen? Und was sagt der Vater dazu, wenn der Schwiegersohn doch nicht ganz den Erwartungen entspricht? Ein weiteres Mal behandelt Yasujiro Ozu dieses Thema in einem seiner späten Filme, dieses mal erzählt aus der Sicht und Perspektive des Vaters.  Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hat mich eingeladen, mit ihm über EQUINOX FLOWER von Yasujiro Ozu zu sprechen. Wir haben fast eine ganze Stunde miteinander diskutiert und hätten noch viel mehr sagen können, glaube ich. Das Gespräch findet ihr hier: 
Link
 (original Poster)

Michael Schleeh
***

Drifting In and Out of Frames: YEAH (Suzuki Yohei, Japan 2018)

Das Mädchen Ako (Elisa Yanagi) ist so etwas wie ein Geist, ein Geist auf der Suche nach der Schwester, vielleicht auch ihrer Mutter - das ist lange nicht klar. Sie wandelt durch die Landschaften dieses ländlichen Vororts. Die Einwohner scheinen sie zu kennen, behandeln sie wie ein verwirrtes Mädchen. Der Film aber behandelt sie wie eine Geistererscheinung und blendet sie immer wieder aus dem aktuellen Filmbild langsam aus. Sie verschwindet nach und nach und entstofflicht sich. Was sie wirklich ist - lebendig oder tot - das weiß man lange Zeit nicht in Yohei Suzukis schönem Film.
 In einzelnen Miniaturen führt uns YEAH in die Welt der Anti-Heldin ein. Ein  Spielplatz, ein kleiner Imbiss, ein Parkplatz. Eine ranzige Junggesellenbude. Eine ziemlich statische Kamera gibt den einzelnen Szenen einen formal-ästhetischen Zusammenhang, wie auch die etwas ausgebleichten, pastellartigen Farbtöne. Dazu das Gemurmel von Ako, die ständig etwas vor sich hin brabbelt. Sie scheint offenbar ni…