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Serial Rapist / Jûsan-nin renzoku bôkôma (Kôji Wakamatsu, Japan 1978)


Ich habe ja nun mittlerweile schon einige Filme von Wakamatsu gesehen, 15 um genau zu sein, aber SERIAL RAPIST nimmt eine Sonderstellung ein. Dieser auf körnigem 16mm und in Farbe gedrehte Nihilismus (als ob er sich lustig machen wollte über den "Unterhaltungswert" des Mediums) ist ein äußerst unlustiger Ausbund an grimmiger Tristesse. SERIAL RAPIST macht überhaupt keinen Spaß, unterhält nicht, und es stellt sich wirklich einmal die Frage, warum man sich diesen Film anschauen sollte. Nun, ganz einfach: weil er zum einen interessant gemacht, und zum anderen so ungewöhnlich ist, dass nicht wenige in ihm ein Meisterwerk sehen.

Ein dicklicher Latzhosenmann überfällt und vergewaltigt aus reinem Impuls heraus wahllos Frauen, die ihm als Streuner und Tagedieb auf seinen Wegen durch die Vororte Tokyos begegnen. Er haust in einem heruntergekommenen Schuppen in der Nähe des Flugplatzes und hat Ausblick auf den im trüben Dunst hervorlukenden Containerhafen und auf die öden Brachlandschaften, die hier in ausgewaschenen Farben gezeigt werden. Er mordet willkürlich, erschießt die vergewaltigten Frauen bevorzugt durch die Vagina, wenn er sie nicht vorher schon erwürgt hat. Das ist ihm aber ebenso gleichgültig, er vergeht sich dann auch an den Leichen. Bei in flagranti ertappten Liebespaaren wird der Mann meist durch den Anus erschossen. Nur einmal, da entführt er eine Polizistin, die ihm auf die Spur gekommen war. Die fesselt und knebelt er, knüpft sie an der Decke auf und missbraucht sie, wenn ihn die Lust überfällt. Man denkt, vielleicht keimt hier ein wenig Empathie und Zwischenmenschlichkeit, vielleicht erkennt er nun, was er da treibt, was er seinen Opfern antut. Aber keineswegs, auch diese Frau ist ihm völlig gleichgültig.

Er hat keine Motive, ja sogar kaum eine rechte Lust im Leib. Bis er etwa endlich zum Orgasmus kommt, muss er sich abrackern und abarbeiten, regelrecht abmühen auf den Körpern seiner Opfer. Warum er das macht, erschließt sich nicht. Er ist kein irrer Täter aus kranker Leidenschaft. Er ist kein dämonischer Satan, der Böses will. Er ist kein Thrillseeker, kein Monster, das sich unbewusst eigentlich nach der Verhaftung durch die Polizei sehnen würde. Er passt in keine der Kategorien, die man aus den Serienmörderfilmen kennt. Seine Aktionen sind spontan, die Taten scheinen ihm selbst wie zufällig zu unterlaufen, und es ist diese Beiläufigkeit, diese Willkür und Sprunghaftigkeit, die doch so gravierende Konsequenzen für die Opfer hat, die den Zuschauer in diesem Film so fertig macht. In einer Szene schleppt er eine Frau auf das Dach eines Einkaufszentrums und vergewaltigt sie in Sicht- und Hörweite von den im Innenhof speisenden Restaurantbesuchern. Dann zieht er die Waffe und erschießt sie - der laute Knall des Schusses ist ihm dabei völlig egal. Würde er entdeckt werden, würde er eben wegrennen. Man begreift, dass dem Täter, der all dieses Übel über die Welt bringt, dass ihm gerade das gar nicht wichtig ist an sich - im Sinne eines präzise vorgehenden Verbrechers. Moral hat er keine, er bereut nichts und einen Leidensdruck scheint er ebenfalls nicht zu verspüren. Er begeht seine Taten aus einem achtlosen Egoismus heraus.

Ein weiteres, enorm verstörendes Element des Films ist dessen Musik. In der ersten Hälfte ist minimalistisches, abstraktes Gitarrengeklimper zu hören, das den Film Richtung Kunstfilm rückt, zugleich die kontroversen Szenen kongenial entrückt und wie von innen heraus befremdlich macht. Die ungehobelten Bilder stehen dann dieser artsy Tendenz entgegen. Die Gitarre wird später durch mehrere Soloinstrumente abgelöst, die stilistisch ganz ähnlich vorgehen und die Szenen mit einer stark verfremdenden Atmosphäre unterlegen. Höhepunkt ist sicherlich eine am Fluss vorgetragene Saxophon-Performance von Kaoru Abe, eine japanischen Free Jazz-Legende, der hier auch für die Filmmusik zuständig war und der im selben Jahr noch an einer Überdosis sterben sollte. In der Performance vermischen sich extradiegetische und intradiegetische Musik in einer einzigen Szene ohne Übergang. Auffallend ist außerdem, dass sich Wakamatsu einmal mehr dagegen sträubt, irgendetwas zu erklären. Eine Psychologisierung des Täters findet, wie oben bereits angesprochen, nicht statt. So ist es dann eigentlich noch viel schlimmer (als diese Rationalisierungsstrategien aufzeigen könnten). Der Film ist wie nackt und unbehauen, zugleich vollkommen abstrakt und spärlich in jeder Hinsicht. Ganz Reduktion. DER GEWALTTÄTIGE MANN DER 13 MENSCHEN ANGRIFF zeigt genau das, mehr nicht. Der Zuschauer wird mit den Ereignissen alleine gelassen und der Film zieht einem gründlichst, eigentlich schon von Beginn an mit dem ersten Mord, den Boden unter den Füßen weg. Und das ist auch kein kleines Verdienst: die Destabilisierung der abgesicherten Zuschauerposition; einer Haltung zum Film, die immer zu wissen glaubt, was Film sein kann und wie er zu sein hat, die Grundlage zu nehmen. SERIAL RAPIST ist eine filmische Herausforderung, eine - im Wortsinne - Zelluloid gewordene Unfassbarkeit.

Zur Einstimmung:

Kaoru Abe  {Solo Alto Saxophone}
Winter 1972 | Originally released as bootleg LP in 1974 | 
PSF Records, 2004:



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