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Dutta Vs. Dutta (Anjan Dutt, Indien 2012)


Wie schreibt man einen Text über diesen Film, wenn man noch nie in seinem Leben in Kalkutta war? Und der Film, wie man allerorten liest, besonders dafür gelobt wird, wie er das Kalkutta der 70er Jahre besonders liebevoll und detailgetreu wiederaufleben lässt? Ich bin 1971 geboren - wie sollte ich einen Bezug zu dieser fernen Zeit, zu diesem fernen Land und zu dieser unbekannten Stadt haben oder bekommen?

Und es geht doch. Denn der Film geht ganz ähnlich vor wie Amitav Ghosh in seinem großen Roman The Shadow Lines, über die Erinnerung der Erzählerfigur an seine Jugend. Der Film als Rückblick, in dem die Hauptfigur, der zugleich auch der Voice-over-Erzähler ist, auf seine eigene Kindheit und Jugend wie auf eine vergangene Zeit, zurückschaut. Und auf eine Jugend können wir alle zurückschauen. Das Schöne: auch ohne melancholischen Revisionismus.

DUTTA VS DUTTA beginnt dabei wie ein Film Robert Altmans (um, hoffentlich verzeihlicherweise und als Referenz gemeint, mit einer westlichen Perspektive zu beginnen): zwei Brüder wohnen mit ihren Familien im selben Haus und bekriegen sich permanent. Der eine, Biren (Anjan Dutt selbst, der hier seinen Vater spielt), ist Advokat, damit aber wohl ziemlich erfolglos und frönt seinem Hobby des Kartenspielens und des Whiskytrinkens. Er ist der Vater Ronos, das alter ego von Anjan Dutt, gespielt von Ronodeep Bose. Birens Bruder allerdings sitzt ebenfalls recht viel herum und zeigt seinen dicken, wohlgenährten Tornister von Bauch. Auslöser für den Streit der Eröffnungsszene ist nun die zum Trocknen aufgehängte Wäsche des Bruders im Innenhof des Gebäudes. Dies missfällt dem Anwalt, da er seinen wichtigen Mandanten nicht zumuten möchte, dort hindurchzulaufen. Sein Bruder wirft ihm allerdings vor, sich aufzuspielen, denn es habe sich ja schon lange keiner mehr blicken lassen. Die zwei geraten aneinander, die Schwägerin krakeelt sowieso schon die ganze Zeit, die Angestellten laufen zusammen, alles brüllt und schreit, die Kampfhähne müssen getrennt werden, die ganze Großfamilie läuft wild fuchtelnd durch einander: es ist ein einziges, großes wie großartig inszeniertes Tohuwabohu.

Rono jedoch steht auf dem Balkon und schaut entgeistert zu (er betrachtet das Treiben aus der Distanz wie der Zuschauer den Film). Er selbst musste aus dem Internat nach Hause zurückkehren, da sein Vater die Schulgebühren nicht mehr finanzieren kann. Von ihm wird aber verlangt, dass er einmal ein großer Rechtsanwalt werden soll, am besten in einer westlichen Metropole wie das ferne London. Rono aber hat überhaupt keine Lust, die vom Vater auf den Sohn projezierten Karriereversäumnisse zu kompensieren. Er will - zum Entsetzen des Familienoberhaupts - jetzt Schauspieler werden. Oder wenigstens Musiker. Er treibt sich ein wenig herum, lernt einen Hippie kennen, raucht etwas Marihuana, hört Rockmusik, kommt nachts nicht mehr nach Hause. Der Konflikt ist vorprogrammiert.

Anjan Dutts semi-autobiographischer Film ist ein sehr gelungener, evokativer Spielfilm, der vor allem auch deswegen so gut gelingt, weil sich die Hauptfigur gerade nicht als Held und Lichtgestalt inszeniert. Wir begegnen einem jungen Mann, der es lernt, sich in der Welt durchzusetzen; der dabei Fehler macht, voller Zweifel steckt und eigentlich in allem unsicher ist. Wie auch die Erwachsenen übrigens, die lediglich gelernt haben, ihr Fehlverhalten, ihre Sorgen und Nöte, ihre Bedürfnisse, Träume und Wünsche besser zu verstecken als die ungestüme Jugend. So kommt irgendwann die große Befreiungs- wie Offenbarungsszene, in der das eigene Kind den erwachsenen Eltern das unreife Verhalten vorhält. Und  diese sind natürlich geschockt, von soviel Offenheit und frecher Konfrontation.

Zur allgemeinen Verwirrung kommen natürlich noch die amourösen Abenteuer einiger Figuren hinzu. Der Vater etwa hat eine Affäre mit der "Tante", seiner einzigen Klientin; eine Frau, die ausgerechnet mit feministischen Ansichten heraussticht. Wenn Biren also zu einer Besprechung muss, dann darf man das in Anführungszeichen setzen. Anjan erwischt sie dann auch einmal in flagranti wie Sally Draper in MAD MEN ihren Vater mit der Nachbarin ertappt - mit heruntergelassener Hose. Ronos Schwester China (Arpita Chatterjee), die eigentlich reich verheiratet werden sollte, hat hingegen eine heimliche Affäre mit dem kartenspielenden Compagnon des Vaters, der in dessen Alter ist und keine Gelegenheit auslässt, seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Später brennt sie dann mit einem Naxaliten durch (die politischen Ereignisse spielen eine ebenfalls nicht unwichtige Rolle im Film:

 "Unlike other films which have the shade of the Naxalite violence, Dutta Vs Dutta has taken a different direction. I have tried to recapture the turbulent College Street, the pub culture of Park Street and the emergence of Gautam Chattopadhyay" [Times of India])

In den sie sich verliebt hat - und der sie am Ende, ironischerweise, in die USA führen wird. So wird Birens Tochter dorthin gehen, wohin er sich seinen Sohn wünschte. Aber Biren selbst hat auch noch einen große Moment der Bewährung, als er sich einmal gegen die Polizei auflehnt und ihnen den Zutritt zum Haus verweigert (sie vermuten, dass die Familie einem Naxaliten Unterschlupf gewährt, einem Freund Ronos - was sie auch tut). Biren wird mitgenommen auf das Revier und kehrt drei Tage später mit etlichen Versehrungen zurück, schwer traumatisiert.

 Der Film endet dann schließlich damit, dass Rono eine Rolle in einem Film von Mrinal Sen angeboten bekommt. Eine Sache, die er überglücklich seinem Vater mitteilt, der ihn trotz seiner Krankheit nach dem Schlaganfall zu verstehen scheint und schließlich umarmt. Ein sehr schöner Schluß für einen charmanten und sehr einnehmenden Film, bei dem es einem durchaus egal sein darf, wo die Fakten enden und die Fiktion beginnt.

Michael Schleeh
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