Direkt zum Hauptbereich

Dil Dhadakne Do (Zoya Akhtar, Indien 2015)


Zoya Akhtars Dil Dhadakne Do ist eine romantische Komödie, die sich auf einem Kreuzfahrtschiff abspielt. Anders als man nun vermuten könnte, geht es hier weniger um die Kritik an zeitgenössischem upper class-Elitetourismus, als um die Darstellung der Irrungen und Wirrungen einer dysfunkionalen Familie aus dem Punjab. Der Film spielt hauptsächlich in Europa, da das Schiff über das Mittelmeer fährt. Zoya Akhtars zweiter Film kommt da in den Sinn, der extrem unterhaltsame Zindagi Na Milegi Dobara (2011), in dem drei Jugendfreunde eine Bachelor-Abschlußreise durch Spanien angetreten waren, und die nicht weniger turbulent war als das nun hier Gebotene. Man könnte beide Filme auch als Roadmovies bezeichnen (ein Gedanke, den Arsaib hier beim Yam Magazine etwas ausführlicher verfolgt), ein bislang noch relativ wenig ausgeprägtes Genre im Hindi-Kino, sieht man von ein paar Ausnahmen ab, wie etwa Anurag Basus Barfi! (eine Hommage an den "Tramp" von Charlie Chaplin) oder zuletzt Imtiaz Alis eindrücklichen Highway (2014), der das Motiv schon im Titel trägt, meinem momentanen Favoriten des indischen Kinos.

Das herumkreuzende Schiff ist natürlich als Metapher auf die verschlungenen Wege zu lesen, die das Leben nimmt. Geradeaus, so die Deutung, geht es niemals. Und das ausgerechnet bei den Mehras, dem erfolgreichen Unternehmergeschlecht, das nach außen hin stets die perfekte Familie darzustellen bemüht ist. Überall herrscht Harmonie. Freilich ist das reine Illusion, denn wie in jeder Familie wird viel eher der latenten Katastrophe Einhalt geboten, auch wenn das nicht alle Beteiligten wahr haben wollen. Natürlich geht es auch um die altbekannten Topoi: unerfüllte Liebe, schwierige Ehe, Ausbruch aus derselben, Existenzängste, das Aufbegehren gegen Autoritäten, Erwachsensein, Gender-Problematiken. Das ist vielleicht sowieso der spannendste Erzählstrang in diesem komplexen Geflecht: wie die Tochter Ayesha Mehra (sa-gen-haft: Priyanka Chopra) endlich all ihr Selbstbewußtsein zusammen nimmt und dem Vater gegenübertritt (und damit den konservativen Traditionen, die er repräsentiert), und aktiv etwas gegen ihre unglücklich verlaufende Ehe mit Manav (Rahul Bose) unternimmt. Im Fahrwasser unterstützt sie direkt noch ihren Bruder Kabir (Ranveer Singh), der sich in die herumstromernde Tänzerin Farah Ali (Anushka Sharma) verliebt hat. Diese eine selbstbewusste Frau, die für ihre individuelle Freiheit ihre muslimische Familie in England verlassen hat. Sehr zum Leidwesen des alten Mehra - Farah ist so überhaupt nicht die Tochter eines reichen Geschäftsmanns, mit der Kabir verkuppelt werden sollte, um die in die Pleite schlitternde Firma vor dem anstehenden Ruin zu retten. Man fühlt sich in Thronfolge-Schachereien aus dem europäischen Mittelalter versetzt.

Kamal Mehra (Anil Kapoor) ist ein mit großer Strenge regierender Patriarch, der keine Widerworte duldet und seine Kinder vor allem als "investment" begreift. Der Sohn soll natürlich die Firma übernehmen, auch wenn nicht zu übersehen ist, dass ihm dafür die geforderte Kaltblütigkeit (und Leidenschaft) fehlt, die Tochter soll ihm gefälligst bald ein Enkelkind gebären. Wie oben bereits erwähnt, hat Ayesha aber ganz andere Vorstellungen von ihrem Leben: Sie genießt es, erfolgreiche Geschäftsfrau zu sein und bedroht dadurch aber natürlich unbewusst den status quo ihres Vaters. Dieser ist nämlich ganz besonders stolz darauf, sein Imperium komplett aus eigener Kraft geschaffen zu heben - etwas, was Ayesha ebenso für sich in Anspruch nehmen kann, wenn auch auf kleinerer Ebene. Hier fühlt sich der Patriarch auf eigenem Territorium bedroht, ohne sich das eingestehen zu können. Und auch Ayeshas Gatte Manav hat deutlich konservativere Vorstellungen von ihrer unmittelbaren Zukunft, als seine erfolgreiche und dennoch stilvoll zurückhaltende Ehefrau. So ist es natürlich ein großer Schritt für sie, von allen Seiten eingeklemmt in autoritäre Strukturen, überhaupt an ihre Befreiung aus denselben zu denken. Das Ziel: eine Scheidung. Da steigt den Herren der Schöpfung die Zornesröte ins Gesicht. Von ihrer Mutter Nelam (Shefali Shetty) darf sie leider keine Hilfe erwarten, die steht seit Jahrzehnten unter der Knute ihres Mannes und hat sich in unglücklicher Ehe eingerichtet. Auch dass er sie mit jüngeren Frauen betrügt, frisst sie lieber in sich hinein, als ihn damit zu konfrontieren.

Ganz am Ende, da sitzt dann die Familie aber buchstäblich vereint "alle im selben Boot", einem Rettungsboot nämlich auf dem Weg in die bessere, gemeinsame Zukunft. Was dann doch etwas zuviel der symbolischen Bilder ist. Aber man frisst dem Cast auch wirklich aus der Hand, der hier super sympathisch auf schwankenden Planken durch den Plot tänzelt und von einem Dilemma ins nächste gerät. Natürlich spielt der Film mit etlichen Klischees, aber eben sehr effektiv und dadurch funktioniert er auf mehreren Ebenen zugleich: als Drama und Komödie, als gesellschaftskritische Satire, und vielleicht auch als Roadmovie. Kleines Leckerli: Erzähler des Films mit Voice-over-Kommentar ist der stets etwas müde wirkende Hund der Familie, der verwundert dem irren Treiben der Menschen zuschaut und eigentlich nur die ganze Zeit mit dem Kopf schütteln kann. Das ergibt natürlich schöne ironische Brechungen und legt mehr als einmal den Finger auf die Wunde. Und um noch einmal auf das Ende zurückzukommen: Bei einem Film, der darauf abzielt, Oberflächen und Oberflächlichkeiten zu demontieren, ist es auch folgerichtig, dass der Sohn Kabir in seinem Erweckungsmoment die Oberfläche, auf der sich der ganze Film (als Schiff) bewegt: die Meersoberfläche, durchstößt. Mit einem Kopfsprung taucht er in die Tiefe des Meeres ein und schwimmt dorthin, wohin sein Herz ihn leitet: zu seiner großen Liebe, die vor der verrückten Familie Mehra geflohen ist.

Michael Schleeh

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Im Wahnsinn nachtdunkler Farben: The Ghost Bride (Chito S. Rono, Philippinen 2017)

The Ghost Bride ist einer der unzähligen philippinischen Grusel-Horror-Filme, die in ihrer tendenziell dilettantischen Machart hochsympathisch sind, auch weil es ihnen immer wieder gelingt, für Abwechslung und damit Überraschung zu sorgen: immer wieder spektakulär tolle Bilder, die aus einem Wust aus TV-Film-Optik herausragen, komische Geister aus dem südostasiatischen Raum (hier auch aus der chinesischen Mythologie) inmitten unzähliger amerikanisierter Jump-Scares, saturierte Farben verstörender Alpträume in einem Einheitsgrau der Bildgestaltung. Plötzlich hervorbrechend gutes Schauspiel in einem bisweilen an Overacting leidenden und an Ungelenkheiten krankenden Geisterfilm. Also Dinge, die verstören, faszinieren, begeistern. In einem Film, der streckenweise ziemlich öde, der in seiner Narration behäbig ist, und bei dem man immer wieder den Überblick verliert. Weil er vollgestopft ist mit Nebenhandlungen. Es ist eine typisch philippinische, schwer in sich verästelte Überforderung mit…

shomingeki deluxe: Ein Gespräch über EQUINOX FLOWER von Yasujiro Ozu (Japan, 1958)

Heiraten, ja oder nein? Und wenn, dann wen? Und was sagt der Vater dazu, wenn der Schwiegersohn doch nicht ganz den Erwartungen entspricht? Ein weiteres Mal behandelt Yasujiro Ozu dieses Thema in einem seiner späten Filme, dieses mal erzählt aus der Sicht und Perspektive des Vaters.  Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hat mich eingeladen, mit ihm über EQUINOX FLOWER von Yasujiro Ozu zu sprechen. Wir haben fast eine ganze Stunde miteinander diskutiert und hätten noch viel mehr sagen können, glaube ich. Das Gespräch findet ihr hier: 
Link
 (original Poster)

Michael Schleeh
***

Drifting In and Out of Frames: YEAH (Suzuki Yohei, Japan 2018)

Das Mädchen Ako (Elisa Yanagi) ist so etwas wie ein Geist, ein Geist auf der Suche nach der Schwester, vielleicht auch ihrer Mutter - das ist lange nicht klar. Sie wandelt durch die Landschaften dieses ländlichen Vororts. Die Einwohner scheinen sie zu kennen, behandeln sie wie ein verwirrtes Mädchen. Der Film aber behandelt sie wie eine Geistererscheinung und blendet sie immer wieder aus dem aktuellen Filmbild langsam aus. Sie verschwindet nach und nach und entstofflicht sich. Was sie wirklich ist - lebendig oder tot - das weiß man lange Zeit nicht in Yohei Suzukis schönem Film.
 In einzelnen Miniaturen führt uns YEAH in die Welt der Anti-Heldin ein. Ein  Spielplatz, ein kleiner Imbiss, ein Parkplatz. Eine ranzige Junggesellenbude. Eine ziemlich statische Kamera gibt den einzelnen Szenen einen formal-ästhetischen Zusammenhang, wie auch die etwas ausgebleichten, pastellartigen Farbtöne. Dazu das Gemurmel von Ako, die ständig etwas vor sich hin brabbelt. Sie scheint offenbar ni…