Direkt zum Hauptbereich

Yuddham Sei / Wage War (Mysskin, Indien 2011)


Nach KATHRATHU TAMIL nun der zweite Film in meiner kleinen tamilischen Filmreihe, die ich mir schon seit längerer Zeit vorgenommen habe. Dieser hier ist noch düsterer und brutaler, zwar einfacher, sprich: linearer in der Narration, aber insgesamt nicht weniger verstörend. Polizei-Officer J. Krishnamoorthy (gespielt von Cheran), still, zurückgezogen, ein harter Hund aber ohne hard boiled-Machismen, ist auf der Jagd nach einem Serienkiller, der seinen Opfern mit einer Kettensäge die Hände absäbelt und diese in einem Pappkarton gut auffindbar in der Öffentlichkeit platziert. Und somit die Polizei herausfordert. Zugleich ist allerdings seine Schwester verschwunden; JK vermutet, sie sei in die Hände von Menschenhändlern geraten. Ganz so schlimm ist es letztendlich zwar nicht, aber die Spuren der verschiedenen Verbrechen führen überraschend zusammen und am Ende sind die Bösewichte dichter dran am Helden, als man zunächst vermutete.

Filmen wie YUTHAM SEI würde man wünschen, sie wären auch in unseren Breiten präsenter - da würde die Akzeptanz "des indischen Films" (als ob das eine homogene Masse wäre) beim Genrepublikum mit Sicherheit um einiges steigen. Dieser Film kann nicht nur mit westlichen Standards mithalten, nein, er ist oft packender, bedrohlicher, roher, als das, was bei uns gemeinhin als Genrestandard so durchgeht. Der Soundtrack spielt dabei keine kleine Rolle. Elegische Töne der Hoffnungslosigkeit und des ungehemmten Pathos, auf eine gute, ans Hong Kong-Kino erinnernde Art, verdichten die Bilder zu einem kompakten Nervenzerrer, der auch in seinen ruhigen Momenten übrigens völlig zu überzeugen weiß. Da zeigt sich die Innovationsfreude, wie auch die Nähe zum asiatischen (Kampfkunst-)Film, für den das tamilische Kino aus Kollywood berühmt ist. An einer Stelle etwa fragt JK seine beiden Assistenten, ob sie Akira Kurosawas RASHOMON kennen würden, als es um die Glaubwürdigkeit verschiedener Zeugenaussagen geht. Alleine in Tamil Nadu entstehen übrigens 700-800 Filme pro Jahr.

Natürlich ist an diesem Film aber auch nicht alles völlig gelungen: Eine einzige Tanzszene nach dem Interval konnte ich nicht so richtig einordnen, die wirkt wie ein fremdes Ufo in diesem Film, akzidentiell auf dem Planeten Erde gelandet und führt Männer mit Bärten und lustigen Hosen vor. Sehr merkwürdig. Auch die Nebenfiguren werden kaum eingeführt und sind mehr oder weniger Staffage neben dem Helden. Die Regie, so überzeugend sie oft ist, verliert sich ein ums andere mal in formalen Spielereien wie Drehungen aus Überkopf-Perspektiven und Bullet Time - Effekten, oder auch in ständigen Entschleunigungen, Slow Motion-Dehnungen in den Nahkampfszenen, die vermuten lassen, dass hier nicht nur die Detailfreude an komplexer Kampftechnik herausgearbeitet werden soll, sondern auch mangelnde Skills, Wucht und Geschwindigkeit der Akteure camoufliert werden. Wie dem auch sei, drei oder vier Minuten später wird man wieder eingeholt von dieser Geschichte um Mord, Totschlag und Rache, und bei der Intensität der Darstellungen, etwa von Lakshmi Ramakrishnan, die als kahl geschorene Nemesis auftritt oder von Jayaprakash als Dr. Judas, verblassen die kleineren Schwächen zu Nebensächlichkeiten. Und wie JK, der stille harte Hund, mit einem Taschenmesser sieben Angreifer nachts auf einer Brücke fertig macht, ist in seiner low key-Trashiness ganz wunderbar gespielt - mit einer stoischen Miene wie aus einem Takeshi Kitano-Film.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Masahista / The Masseur (Brillante Mendoza, Philippinen 2005)

Brillante Mendozas erste Spielfilmregie verortet ihn sogleich im Independentkosmos des modernen philippinischen, cineastischen Undergrounds. Geringe Budgets und die Digitalkamera eröffnen jungen Filmemachern die Möglichkeit, nicht nur jenseits einer etablierten Filmindustrie, sondern so gut wie jenseits jeder filmischen Szene aktiv zu werden. Ein Status, der sich auch in der Verfügbarkeit der Filme zeigt. So sind die Filme von Brillante Mendoza, Lav Diaz, Raya Martin, KHAVN de la Cruz u. a. nur in Ausnahmefällen auf DVD greifbar (wenn, dann sowieso nur weltweit), oder sie sind mit etwas Glück auf engagierten Retrospektiven und Filmfestivals zu sehen. Im Falle KHAVNs übrigens durchaus auch auf youtube, selbst eingestellt vom Regisseur. Die Filme eint neben den o. g. Kriterien ein Hang zum ästhetischen Radikalismus in Kombination mit einem Blick auf gesellschaftliche Mißstände, welcher gerne mal als "neorealistischer" italienischer Prägung oder als einer im Geiste des "Cin...

Accident / Yi ngoi (Soi Cheang, HK 2009)

Pou-Soi Cheangs erster Film unter Johnnie Tos Produktionshoheit (Milkyway) ist ein hervorragend schneller, straffer und kluger Genreknaller geworden. Ho Kwok-Fai (Louis Koo) hat ein Killerteam um sich geschart (Stanley Fung, Lam Suet, Michelle Ye), das sich auf die Inszenierung von Auftragsmorden spezialisiert hat. Diese laufen stets nach einem Dominosystem ab und erscheinen - da sie so komplex konstruiert wurden - wie tatsächlich Unfälle. Doch plötzlich wird einer des Teams während einer Aktion durch eine Verkettung tragischer Zufälle getötet. Ho entkommt nur knapp. An diesen Zufall will er nicht glauben und wähnt sich selbst das Ziel eines Killerteams. ACCIDENT beginnt enorm stark - und es ist eine Lust, den kreativen Inszenierungen zuschauen zu können. Cheangs in DOG BITE DOG zelebrierter harter Realismus und die ungestüme Wildheit SHAMOs geht ACCIDENT ab, da wurde er wohl von To gebremst. Doch nicht zum Schlechten: der Film ist sehr flüssig und elegant inszeniert, spart aber nicht ...

Fire of Conscience / Fire Dragon / For lung (Dante Lam, Hongkong 2010)

Die beiden Cops Kee (Richie Ren) und Manfred (Leon Lai) beginnen zusammen zu arbeiten, als sich herausstellt, dass ihre Fälle einen gemeinsamen Hintergrund haben. Der Saubermann Kee überrascht dabei plötzlich mit radikalen Methoden, die ihm niemanden zugetraut hätte. Manfred ist sowieso ein harter Hund, seit die böse Unterwelt seine Frau samt ungeborenem Kind auf dem Gewissen hat. Dass Kee einen hinterlistigen Plan ausführt, stellt sich erst heraus, als schon so einiger Blutzoll entrichtet wurde. Dante THE BEAST STALKER Lams neuer Film ist ein verworrenes Etwas: das Skript geht in den ersten beiden Dritteln völlig drunter und drüber, es weiß Aktionen nicht zu gewichten, die gleichzeitigen Ermittlungen in den drei (!) Kriminalfällen bleiben über weite Strecken nicht nachvollziehbar. Stark wird der Film immer in seinen Actionszenen; und da kann man wohl sagen, dass es Lam wie kaum ein anderer schafft, diese von der ästhetischen als auch von der kreativen Seite her unvergleichlich zu insz...