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Real / Riaru: Kanzen naru kubinagaryu no hi (Kiyoshi Kurosawa, Japan 2013)


Die Filme von Kiyoshi Kurosawa sind mir im Laufe meines cinephilen Lebens ans Herz gewachsen. Seit ich damit begonnen habe, intensiver asiatisches Kino zu schauen, das war etwa ab 1998, begleitet mich dieser Regisseur. Und obwohl seine Filme in vielerlei Hinsicht sich immer sehr ähnlich sind, langweilen sie mich nie. Freilich, mitunter findet sich auch mal ein schwächerer Vertreter im Oeuvre - das macht aber nichts, denn einerseits finden sich in ihnen immer noch genug Kleinigkeiten, die interessant sind, und andererseits ist es ja auch beruhigend, nicht ständig mit Meisterwerken konfrontiert zu werden. Das würde man ja nicht aushalten. Und in diesem Punkt ähnelt er sehr einem anderen Meister, den ich verehre: Hong Sang-soo. Auch bei ihm sind sich die Filme sehr ähnlich, eher Variationen der immer selben Themen, immer weiter ausschreitend auf einem Feld, das dann doch sehr überschaubar ist. Aber zu entdecken gibt es da genug. Es sind zwei Autorenfilmer mit eigener Handschrift, Kurosawa mittlerweile deutlich stärker im Mainstream angekommen als der koreanische Kollege. Aber dann so ein Film wie THE SEVENTH CODE, der Russland-Film. Ganz gewiss nicht dramatisch, aber wunderbar offen, neu sich umschauend, Filme bei denen egal ist, ob die Hauptdarstellerin eine Sängerin ist, die das Studio in den Film gedrückt hat. Der Film schluckt alle Schwächen und verwandelt sie in Stärken. Auch REAL, ein merkwürdiger Science-Fiction-Film, funktioniert erstmal auf merkwürdige Weise mit seinen nicht immer gerade geglückten Computerbearbeitungen und offensichtlichen Budgetlimitierungen. Für viele Leute ist das nichts. Die suspension of disbelief des Zuschauers hört leider allzuoft dort auf, wo man die Komfortzone der Illusionsverstärkung verlassen muss. Dabei wäre sie oft gerade dort angebracht, wo man genau sieht, wie stark die Leistung und das Selbstbewußtsein des Regisseurs an den Stellen gewesen sein muss, an Stellen, wo man eigentlich die Augen etwas zukneifen muss. Und er oder sie den Film dann eben doch machen, gegen alle offensichtlichen Widerstände. Das ist doch viel schöner und näher am Leben, als immer dieser vorgetäuscht reibungslose Perfektionismus der glitzernden Oberflächen.

Wie eigentlich in fast allen seinen Filmen geraten die Protagonisten an den Rand der Welt, in einer bevorstehenden Dystopie, die damit droht, alles untergehen zu lassen. Landschaften sind ein Anzeichen dafür und anstehende Unwetter (CHARSIMA droht da so ganz besonders wunderbar am Ende). Hier ist es die völlig vernebelte Metropole, die eine Membran zu den Orten der Kindheit ist. Man kann aber nicht sicher sein, dass man in die REALe Welt zurückkehren kann, sobald man sich hinausgewagt hat. Ein bisschen was von einem Märchen hat das auch, daher auch die Glockenspielmusik, die Kurosawa hier, sonst aber eigentlich nie, einsetzt. Und einmal löst sich richtiggehend die Stadt auf, zerfließt nach oben hin weg wie eine Tuschezeichnung. Was natürlich inhaltlich dazu passt, dass die Protagonistin Atsumi (Haruka Ayase) eine bedingungslose Mangazeichenrin ist, ein Künstlerin. Sie liegt allerdings im Koma und ihr Freund Koichi (Takeru Sato), mit dem sie seit Kindheitstagen zusammen ist, lässt sich in einer Klinik auf ein neurologisches Experiment ein, das ihm erlaubt, eingespannt in eine Sci-Fi-Apparatur, über die gleichgeschalteten Gehirnströme in ihr Denken einzudringen um sie "von dort" zurückzuholen. Kurosawa macht das mit flirrenden Rändern an den Bildern, mit Wacklern und Verzerrungen, die eine alternative Realität andeuten. Dummerweise ist es eine, in der sie, die Anti-Heldin, noch etwas korrigieren kann, was ihr im realen Leben nicht mehr möglich ist (oder möglich scheint). Je länger sie in dieser Welt jedoch ist, wo sie auch zurückkann auf die Insel der Kindheit, in eine scheinbare Idylle, wo ein Unglück passierte und auch dort nochmal herumreparieren könnte an der eigenen Biographie, desto stärker wird der Zwang, ebendort zu bleiben. Aber vielleicht ist auch alles nochmal ganz anders, wenn sich die Level der Realitäten verschieben und übereinanderlegen. Und da kennt Kurosawa dann keine Hemmungen, plotmäßig und auch bildtechnisch aus dem vollen zu schöpfen.

Ebendort findet sich ein typischer Kurosawa-Schauplatz, auf den man lange warten musste in diesem Film: die Industriebrache. Ein ständig wiederkehrender Topos in seinen Filmen: die Vergänglichkeit der Welt und damit des menschlichen Daseins zeigt sich im verwitternden Beton und einsame Figuren streifen verlassen durch die Abbruchhallen, die nun eine Zeit- oder gar eine Dimensionsspalte sein könnte. Ein verlassener Vergnügungspark reckt die letzten Stahlarme in die Höhe, das zugehörige Luxus-Hotel ist längst verfallen. Auch hier eine raum-zeitliche Verdichtung, in diesem Symbol der Vergänglichkeit, das sogar begehbar ist und somit Grenzen aufweicht, durchlässig wird. Zur Membran. Dabei ist REAL eine eigentlich sehr romantische Geschichte, morbide zugleich, in der der Held seine Geliebte aus dem Jenseits zurückholen muss, es ist eine Variation auf Orpheus und Eurydike. Natürlich mit solchen Erweiterungen wie der des Kindheitstraumas, bei dem dann aus Zeichnungen tatsächlich echte Monster werden können, oder dem versuchten Selbstmord, der die Risse auch in der Psyche des Individuums aufzeigt. Am Ende treibt Kurosawa es in diesem Film vielleicht tatsächlich etwas weit, bis ins Extrem hinein - und Momente, die näher an der (also: unserer) Realität verbleiben, scheinen vielen Zuschauern und Fans eigentlich besser zu gefallen, wenn man die vielen wirklich extrem negativen Kritiken zu diesem Film in Betracht zieht. Wenn er, wie so häufig, das Unheimliche im Gewöhnlichen findet: das scheint eigentlich seine Stärke zu sein; Phänomene wie der Schatten an der Wand oder die plötzlich mit Wasser vollgelaufene Wohnung. Aber warum kann man ihn nicht machen lassen, wie er will! Kiyoshi Kurosawa soll natürlich durchaus überraschen dürfen.

Michael Schleeh

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