Direkt zum Hauptbereich

No Smoking (Anurag Kashyap, Indien 2007)


Anurag Kashyaps mit dem experimentellen Filmemachen spielender Film nach einer Story von Stephen King ("Quitters Inc.") und im hippen Geiste eines THE GAME von David Fincher folgt dem Protagonisten namens K, "just K" (John Abraham), auf einer Höllenfahrt in die Abgründe Kalkuttas bzw. seiner eigenen Seele - und das nur, weil er mit dem Rauchen aufhören soll. Die Gattin drängt ihn. Denn Rauchen tut er wie ein Schlot, hat sich schon einen Ersatzlungenflügel von seinem Bruder einfügen lassen müssen. Und dennoch raucht er nicht nur nach dem Sex, sondern auch vor demselben. Und bei einem reichen, gut aussehenden Schnösel wie K ist eigentlich immer "vor dem Sex". Dass der Film bald anfängt zu nerven, wenn er von Stilbruch zu Stilbruch springt, verwundert nicht: zu wenig zwingend wirkt das alles, zu wenig plausibel oder herausgearbeitet. Selbstverliebtes Filmemachen. Warum zum Beispiel immer wieder Szenen mit den Comic-Sprechblasen im Bild? Warum die schwarz-weiß-Szenen in Stummfilmästhetik, wenn er sich an die Jugend erinnert? Weil die Ereignisse in der Vergangenheit liegen? Also bitte.

Freilich, einzelne Sequenzen sind auch toll gelungen, besonders die in der Höllenküche des Baba Bangali (Patesh Rawal), oder wie auch immer der unterhemdgewandete Schlachtmeister heißt, der ihn mit seinen Erpressungen im Griff behält. Sollte er wieder eine rauchen, dann... verliert er einen Finger, wird der Bruder gefoltert, die Frau umgebracht. Jedesmal ein bisschen schlimmer, bis er halt das Rauchen sein lässt. Das soll auch ausdrücken, wie schlimm eine Sucht sein kann; NO SMOKING offenbart aber auch einen Regisseur, der so besessen von seinem eigenen Film ist, dass er einfach jeden Scheiß zu machen scheint, der ihm als Universalgenie in die Birne springt. Wie gesagt, das wirkt willkürlich, wenig zwingend, aus einem Gedankenspiel wird zwanghaft schräges Kino. Abgefedert wird das auch nicht gerade durch das immer wieder alles überstrahlende Selbstbewußtsein des Helden, der mit seinem guten Look, seinen gegelten Haaren und sauber rasiertem Sixpack über der Gürtellinie derart idiotisch und deplaziert wirkt, dass es dem Zuschauer sehr schwer fällt, auch nur etwas Empathie für ihn aufzubringen. Auch ein Bad in der Wanne eines Luxushotels (voller Rosenblätter) ändert daran nichts, ganz im Gegenteil; genausowenig, wenn der Adonis machomäßig im Sessel flackt, einen Whisky schlürft und wichtig telephoniert, während seine Sekretärin ihm die Fußnägel knippst. Das ist kein Witz.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...

Sleep Has Her House (Scott Barley, GB 2016)

"And the dark is always hungry." (Scott Barley) Scott Barley's apocalyptical drone-room of a film is a fascinating experience. Not only a film to watch, but definitely one to listen to, as the audio is almost as impressive as its pictures. Very often, the images are blurred in the beginning, but with the slightest movements of the camera, the picture does get clearer, more concrete, focused, but sometimes nothing happens at all, too. Nevertheless, the film feels very dynamic - it's a weird state of an inherent Bildspannung , a suspense (and tension that might rip apart) inside of the images themselves that keeps you totally immersed.  Static movement  of the camera might be the term of technique to describe the process of capturing those dreamlike images, which are almost incomprehensive at first, always hard to grasp. As there seems to be no plot, no dialogue, no actors, there are none of the usual narrative anchors that guide us through a film, or movie. O...