Direkt zum Hauptbereich

Patong Girl (Susanna Salonen, Thailand / Deutschland 2014)



Die deutsche Familie Schroeder verbringt den Weihnachtsurlaub im thailändischen Phuket, und während sich die Eltern immer wieder den Tag mit kleineren Streitereien versüßen, lernt der schüchterne Sohn Felix ("der Glückliche") die hübsche Thailänderin Fai kennen. Das Verknalltsein ist da, man ist gegenseitig entflammt, wenngleich die Eltern von Felix wenig von der Urlaubsliebelei halten. Zumal eine gewisse Rebecca zu hause auf ihren Felix wartet. Insbesondere die sich ach so vorurteilsfrei gebende Mutter ist voller Vorbehalte und unterstellt dem Mädchen niederste Absichten, da sie sowieso nur eine Prostituierte sein könne. Ihre eigenen Frustrationen lenkt sie in zunächst passiv-aggressiver Weise, dann aber immer offensiver werdend gegen ihren Mann, der sich genervt von seiner Frau distanziert und bald beginnt, die Position des Sohnes zu verteidigen. Aber eigentlich geht es in diesem Film um das junge Liebespaar, das nicht weiß, wie es mit dem fremden Leben im eigenen umgehen sollen, und was passiert, wenn Felix den Flug nach Hause, nach Deutschland nehmen soll.

Der Film, finanziert von einigen Förderanstalten und produziert vom Kleinen Fernsehspiel des ZDF, sieht denn leider auch bisweilen aus wie ein ebensolcher Fernsehfilm, und nicht wie Kino (Detlev Bucks ganz ähnlicher Filmentwurf SAME SAME BUT DIFFERENT hatte - vor allem visuell - etwas mehr zu bieten). Im Getümmel des Exotischen fällt das aber nicht so ins Gewicht, dann doch aber eher die kurze Spieldauer von genau 89 fernsehtauglichen Minuten. Vor allem im letzten, interessanteren Drittel des Films, in welchem es die Protagonisten in das Heimatstädtchen von Fai im Norden Thailands verschlägt, wirkt er etwas gehetzt und am Ende doch recht gewaltsam verkürzt zu Ende gebracht. Zwanzig Minuten mehr, die auch den Konflikt in Fais Familie noch genauer hätten beleuchten können, hätten dem Film gut getan und wären seiner Geschichte angemessen gewesen. Schade, dass es auf der DVD keinen Extended Cut gibt. Abgesehen von einigen Stereotypen, die man von solchen gutgemeinten Message-Filmen immer präsentiert bekommt, ist der Film aber erstaunlich liebevoll erzählt; er nimmt sich Zeit für ruhige Momente und kleine Details. So wirkt die Liebesgeschichte erstaunlich plausibel und geradezu zärtlich, aber auch alle anderen Schauspieler sind nicht nur ihren Rollen gewachsen, sondern spielen diese ganz ausgezeichnet und mit großer Hingabe. PATONG GIRL ist ein unterhaltsam amüsanter und bisweilen kritischer Film, der Vorurteile beleuchtet und auch Geschlechterrollen verhandelt. In seiner Narration hätte das Regiedebut von Susanna Salonen aber gerne etwas wagemutiger sein dürfen. 

Zur DVD-Veröffentlichung: 

Die Tragikomödie PATONG GIRL ist am 11. September 2015 beim Label Neue Visionen / good!movies als DVD erschienen und bietet zum Originalton auf Deutsch (passagenweise auch Englisch und Thai) deutsche Untertitel für die fremdsprachigen Dialoge, sowie eine komplette englische Untertitelung an. Bonusmaterial ist kaum vorhanden außer einem Musikvideo, einer Behind-the-Scenes-Szene mit einem Bungee-Sprung und einem einzigen Outtake, einer kurzen Szene bei Fais Familie. Ansonsten finden sich noch weitere Trailer des Labels auf der Scheibe. Die DVD kann hier bei amazon.de erstanden werden.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Japanisches Film Fest Hamburg 2018

Gestern Abend hat das diesjährige Japanische Filmfestival Hamburg seine Pforten geöffnet. Wie man auf einem live-Video auf Facebook mitverfolgen konnte, war die Eröffnungsveranstaltung sehr gut besucht und alle Mitarbeiter, wie auch japanischen Gäste erschienen auf der Bühne für eine ausgedehnte Vorstellungsrunde. Als Film wurde die Anime-Realverfilmung GINTAMA (2017) von Yuichi Fukuda gezeigt, in dem ein Samurai-Krieger aus der Edo-Zeit mithilfe von viel CGI, Blitz und Donner durch mehrere Zeitebenen reist und es unter anderem mit einer Invasion von Außerirdischen aufnehmen muss. Nun ja. Der Regisseur ist bekannt für seine inhaltlich grenzgängerischen Werke, die HENTAI KAMEN-Filme sind sicherlich einigen Leuten ein Begriff.
 Das Programm ist wie jedes Jahr sehr knallig und vor allem breit aufgestellt - und bedient damit die unterschiedlichsten Sparten. Heute Abend etwa läuft Eiji Uchidas neues Loser-Drama LOVE AND OTHER CULTS (das ich hier besprochen habe), zeitgleich zu einem mein…

Proletarische Literatur: DAS FABRIKSCHIFF von Takiji Kobayashi (1929)

Takiji Kobayashis Klassiker der japanischen Arbeiterliteratur Das Fabrikschiff ist ein überwältigender Kurzroman von niederschmetternder sozialhistorischer Wucht, der den ausbeuterischen und rücksichtslosen japanischen Kapitalismus in seiner Extremform beschreibt - er schildert auf häufig derbe und drastische Weise die katastrophalen Zustände auf einem Krabbenfangschiff im ochotskischen Meer nördlich von Hokkaido.

Der durchweg spannende Roman ist dabei kein politisches und agitatorisches Manifest, sondern ein geradezu saftiger und spektakulärer Erlebnisbericht von den menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und Zuständen auf dem Kutter, "unter dem Kommando von Teufeln in Menschengestalt". Das betrifft sowohl die Abläufe des Arbeitsalltags, wie auch das soziale Gefüge unter den Seemännern und deren Vorgesetzten. Jenseits eines sich stets vom Pöbel fernhaltenden Kapitäns, der sich stets in Völlerei ergeht und seiner Verantwortung nicht nachkommt, hat es vor allem der besonde…

Home Invasion, sanftbrutal: Harmonium (Kôji Fukada, Japan 2016)

In Kôji Fukadas Drama spiegeln sich mehrere Konstellationen: Figuren, Ereignisse, Zeitverhältnisse. Und die Gewalt, die unterschwellig immerzu präsent ist, wird von den beiden Männern ausgeübt. Wie sie darum ringen, ein Leben zu haben, oder sich für ein solches nicht-gelebtes beim anderen zu rächen. Aber zunächst ist alles ungewiss und erst im Verlauf des Films werden Zusammenhänge und Verknüpfungen aus der Vergangenheit enthüllt. Und plötzlich ist der Mensch, den du zu kennen glaubtest, ein ganz anderer. Beinahe.
 Manchmal ist man als Zuschaur im Vorsprung vor den Figuren, was die Spannung steigert und den unguten Vorahnungen Vorschub leistet. Aber wie sich das alles entlädt, das ist meisterhaft gemacht von Kôji Fukada und seinen vier bis fünf Darstellern, die alle für sich herausragend sind: Tadanobu Asano als Eindringling in die Familie, Kanji Furutachi als Familienvater, den seine Frau schon länger nicht mehr interessiert, Mariko Tsutui als Mutter und Ehegattin, die versucht all…