Direkt zum Hauptbereich

9413* Reisetagebuch, Teil 1: Bangkok

 von Stefan Borsos
 
คนเหนือคน aka. TOP SECRET ~ Wichit Khunawut (1967)
 
 Bei meinem letzten Reisebucheintrag an dieser Stelle war es noch Juni und ich in Seoul. Seither ist viel passiert, vor allem allzu Arbeitsintensives, so dass die Berichterstattung über die ereignisreiche Zeit nach dem Saufgelage mit Kim Kuk-hyeong und dem kopfschmerzinduzierenden Screening von Oh Seung-uks THE SHAMELESS verschoben werden musste - diese wird aber an passender Stelle nachgeholt. Soll heißen: Nun steht schon die nächste, bislang längste und umfangreichste Forschungsreise - und mithin das nächste Tagebuch - an.

1. Halt: Bangkok. Ich komme wegen des Lufthansastreiks einen Tag später an als geplant und muss mit der Archivrecherche bis Montag warten. Um die Wartezeit zu verkürzen, verschafft mir Panu Aree, Director of Acquisitions bei Sahamongkolfilm, ein Interview mit Prinz Chatri Chalerm Yukol und dessen Sohn Adam Chalerm Chatri Yukol. Der Treffpunkt liegt etwas außerhalb, was im Moloch Bangkok eine längere Taxifahrt bedeutet. Wir treffen uns in einem unscheinbaren Restaurant am Straßenrand mitten im Nirgendwo, als dessen Inhaber sich im Laufe des Gesprächs als Adam selbst herausstellt. Yukol Junior tritt äußerst selbstbewusst auf und nimmt trotz (oder wegen) seines royalen Backgrounds kein Blatt vor den Mund. Er kann es sich offenbar leisten, für beide momentan maßgeblichen politischen Lager in Thailand Kurzfilm-Propaganda zu drehen (darunter auch jener Anthologiefilm, der mit seinen Hitlerportät-malenden Kindern für internationales Aufsehen sorgte). Ansonsten wurden seine ersten beiden Langfilme THE COP (2013) und THE BLACK DEATH (2015) international kaum wahrgenommen; lediglich bei THE BLACK DEATH könnte sich das nach einigen laufenden Festivaleinladungen noch ändern. Adam selbst behauptet von sich, er mache Filme, die er selbst gerne sehen würde. Was auch immer man von diesem Statement halten mag, auf jeden Fall sind beides Arbeiten, die keinem der aktuellen Trends der thailändischen Filmindustrie folgen: Filme, deren Lust am Genre auf eine sympathisch unaufgeregte Weise spürbar ist, Filme, die ganz ohne ironische Distanz auf verschiedene Genrearchive zugreifen, diese kommentieren, miteinander verschränken. 
 
The Black Death (2015)
 
 Tatsächlich stehen sie ziemlich allein auf weiter Flur im thailändischen Genrekino seit mindestens Kongkiat Komsiris sträflich missachtetem Meisterwerk ANTAPAL (2012). Es scheint, als wolle man zunehmend auf Nummer sich gehen, viele der als Vertreter der thailändischen Nouvelle Vague identifizierten Filmemacher haben andere Arbeitsbereiche für sich entdeckt, sind zum Fernsehen gewechselt oder mit ambitionierten Großprojekten spektakulär gescheitert. Es fehlt der Industrie momentan an Vielfalt und frischen Ideen gleichermaßen. Dass sich Adam diese Herangehensweise leisten kann, liegt sicher nicht nur an seinem Familienhintergrund (diesen aufzuarbeiten, sprich vor allem auch die Arbeiten von Großvater Anusorn Mongkolkarn, Großmutter Ubol Yukol Na Ayudhya und Großonkel Bhanubandhu Yugala einer näheren Betrachtung zu unterziehen, steht noch aus). Mit FukDuk Production leitet er eines der vielversprechendsten Multimedienstartups Thailands und war u.a. damit auch für die Visual Effects der mittlerweile auf sechs Teile angewachsenen KING-NARESUAN-Reihe (2007-2015) seines Vaters verantwortlich. Neben einer Fernsehserie zu Naresuan (man möchte das aufwendige und teure Set schließlich noch weiter nutzen) stehen zwei Projekte an, die Adam in DIY-Manier unabhängig realisieren will, eines davon ein schon länger in Arbeit befindliches postapokalyptisches U-Boot-Kammerspiel.
 
Antapal ~ Kongkiat Komsiri (2012)
 
 Zum Interview mit Yukol Senior kommt es dann leider doch nicht, er lässt sich aus Krankheitsgründen entschuldigen. Aus einem Ersatztermin wird im Laufe der Tage leider auch nichts mehr. Als mich Panu Aree zurück in die Zivilisation fährt, kommt dann doch noch der Marketingprofi zum Vorschein. Er macht Werbung für kommende Sahamongkol-Projekte wie Yukol Seniors neuen Historienfilm PANTHAI NORASING (über den sich im englischsprachigen Netz trotz der anstehenden Premiere im Dezember bislang so gut wie nichts finden lässt) und für Komsiris Kostüm-Fantasy-Spektakel KHUN PHAN, der bei Sahamongkol laut Panu hoch gehandelt wird. Ich erinnere mich dabei an eine Nachricht von Komsiri aus dem letzten Jahr während der Post-Produktionsphase, in der er beklagte, dass das Studio mehr Action verlange und man nun an einem Kompromiss arbeite. Wie nun dieser Kompromiss aussieht, wird sich hoffentlich bald zeigen!
 
Am Montag dann die erste Pilgerfahrt zum Thai Film Archive. In der momentan eher provisorisch eingerichteten Bibliothek in einem Container empfängt mich Sanchai Chotirosseranee und sein Team. Dank ihrer unermüdlichen Hilfe habe ich die Gelegenheit, Thai-Spionagefilme wie TOP SECRET (Wichit Khunawut), ทรชนคนสวย (beide 1967, Ubol Yukol Na Ayudhya) oder THE RETURN OF DR. CHANG (1968, Supan Prahmpan) zu sichten. Was sehr schnell allzu schmerzhaft deutlich wird, ist der verheerende Zustand der Kopien. Wird man selbst bei den nichtrestaurierten VODs im Koreanischen Filmarchiv mit einer ordentlichen Qualität verwöhnt, ist der Verfall vieler Filme in Thailand schon im fortgeschrittenen Stadium. Das 35mm-Material von TOP SECRET - eine absolute Seltenheit in den 60er Jahren, der Ära des 16mm-Kinos in Thailand - ist mit Laufstreifen fast bis zur Unkenntlichkeit übersät, die Farben nahezu verschwunden. Gerade mit Blick auf die allenthalben so beliebten farbenfrohen Poster erscheinen die Filme oft nur noch als Schatten ihrer selbst; manche sehen so aus, als seien sie von einem Impressionisten mit Wasserfarben gemalt worden. Dabei gehört TOP SECRET immerhin zu jenen Titeln, die noch ihre Originaltonspur vorweisen können (wenn auch keinen Direktton freilich). Andere Filme jener Zeit wie ทรชนเดนตาย (Torrachon Dane Tai, 1969) wurden in den 80er/90er Jahren eher grob neusynchronisiert und mit anachronistischen US-Soundtracks etwa von JAWS, BATMAN und DIRTY DANCING in Billig-Synthie-Versionen ausgestattet. Das führt dann mitunter zu besonders irritierenden Verfremdungseffekten. Das größte Glück habe ich mit ทรชนคนสวย: Hier sind die Farben zur Abwechslung noch recht gut erhalten - und was für eine Farbdramaturgie!! Man könnte fast meinen, die Thais hätten hier Godards Farbästhetik adaptiert oder besonderen Gefallen an Mondrian gefunden, und es fällt nicht schwer, eine direkte Linie von ทรชนคนสวย zu TEARS OF THE BLACK TIGER (2000, Wisit Sasanatieng) zu ziehen. Es ist tatsächlich dasselbe Türkis wie in Sasanatiengs Thai-Western, das hier für ausgesprochen effektive Farbkontraste genutzt wird. Die Strenge der Farbdramaturgie ist ohnehin erstaunlich. Inhaltlich sind die Filme stark antikommunistisch eingefärbt, in TOP SECRET sogar mit Archivmaterial von US-Truppen, das auf perfide Weise an die Landung der Amerikaner auf Omaha Beach im Zweiten Weltkrieg anzuknüpfen sucht. Dabei ist der nationalistisch-propagandistische Aspekt noch verhältnismäßig zahm, erst in den soziopolitischen Wirren der 70er Jahre spitzen sich die Plots ideologisch weiter zu.

Tears of the Black Tiger ~ Wisit Sasanatieng (2000)
 
Wegen Timing und Zeitknappheit habe ich keine Gelegenheit, das ohnehin nur am Wochenende geöffnete Filmmuseum zu besichtigen, aber immerhin schaffe ich es in den stilvoll eingerichteten Archivshop - die vielleicht beste Adresse in Bangkok für Filmbücher und DVDs/VCDs. Gerade die erkleckliche Auswahl an Actionfilmen mit Sombat Metanee und/oder Mitr Chaibancha oder die Reihe mit Klassikern von Yukol Senior, die vor einigen Jahren erschienen sind, sucht man sonst mittlerweile vergebens. Auch die Titel der Thai Film Foundation (in erster Linie von Rattana Pestonji) sind hier zu finden. Zudem hat das Archiv nach dem Vorbild Hongkongs kürzlich die erste Filmografie veröffentlicht (maßgeblich recherchiert von Panu Aree!), und seitdem es den Status einer öffentlichen Institution und mithin eine entsprechende Finanzierung innehat, sind weitere Aktivitäten und Veröffentlichungen zur dringend notwendigen Aufarbeitung der thailändischen Filmgeschichte zu erwarten.

Nächster Halt: Singapur...

*) Frei nach dem kantonesischen Sprichwort und Titel des Herman-Yau-Films: Gau sei yat sam: Neun von zehn sterben, im übertragenen Sinne: Die Chancen stehen schlecht...
 
***
 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Strenge Kompositionen, die beschädigt werden: Jun Tanakas verstörender Horrorfilm BAMY (Japan, 2017)

Schon in den ersten Minuten wird vollkommen klar, wie souverän Jun Tanaka in seinem Spielfilm-Regiedebüt agiert: lange Phasen ausgedehnter Ruhe wechseln sich ab mit subtilen, dabei intensiven Störungen des allzu gewohnten Alltags. Ein Schirm, der plötzlich durchs Bild fliegt, ein alter Bekannter, der plötzlich auftaucht und schräg unter dem Kapuzenpulli hervorschaut sind Elemente schon ganz am Beginn des Films, die eine stark verunsichernde Atmosphäre erschaffen. Strukturell wird der Film zunächst über seine Kamerabewegungen definiert: eine senkrechte Achse (die Fahrt der Protagonistin im gläsernen Fahrstuhl) wird um eine waagerechte Achse (der Weg über den Vorplatz) ergänzt, was dem Film den Eindruck einer genau durchdachten Konstruiertheit und somit  Zielgerichtetheit zugrundelegt, die durch das Element des herabfallenden Schirms aufgebrochen wird. Strenge Kompositionen, die beschädigt werden. Geometrien. Bild-Ton-Scheren. Außerdem erklingen auf der Tonspur urplötzlich abstrakte …

Banshiwala (Anjan Das, Indien 2010)

The sixth film of Bengali film director Anjan Das is a slowly moving arthouse film which features good actors and beautiful music. It is a literary adaption from the novel The Flautist by Shirshendu Mukhopadhyay and that instrument obviously has been one of the inspirations for the very lyrical, melodical songs here. Anjan Das already died in 2014 after directing eight feature films - for Banshiwala he was awarded two prices at international film festivals.

 The film basically asks the moral question if a house as a building is merely a property (of investment) or if it's somehow a sacred place of remembrance. In this case, the house even is a little bit run-down but still an impressive ancestral manor which bears memories of multiple generations of the family. So, selling it would be the equal to giving away the familial heritage. But there's a dark and hidden secret, too, which has to be challenged as the story comes to a close. In some abstract scenes, the fil…

Mad World - Hong Kong's entry for the foreign language Oscar (Wong Chun, 2016)

Wong Chun's debut feature film is not really part of the Hong Kong International Film Festival, but one I did see during my stay here at Mongkok's Broadway Circuit outlet as a regular screening on a sunday morning.

It's a quiet and atmospheric film that is quite beautifully shot and extremely well acted by Eric Tsang (kudos!) and Shawn Yue, his son suffering from bipolar disease. It's a film about fatherhood and responsibilities, about getting old in financially difficult times. They both live in a shared flat with three other parties. No one seems to be able to pay rent anymore in Hong Kong. It's really depressing.

Mad World is definitely worth watching, as it has been screened in Busan and in Toronto. It got mixed reviews overall, but I really don't understand why. There are no loose ends, the plot is fragmented with flashbacks to family history, but that always makes sense and adds to the depth of the characters. I really liked it and recommend…