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9413* Reisetagebuch, Teil 2: Singapur

von Stefan Borsos

Auf Bangkok folgt Singapur, auf Hitze noch mehr Hitze. Im Vergleich zur thailändischen Hauptstadt, die, freilich grob vereinfachend, ostasiatische und südasiatische Einflüsse vereint, mithin den Sinn für's Praktische auf südländische Entspanntheit treffen lässt, wirkt der Stadtstaat wie die subtropische Schweiz Asiens, wie eine Miniaturstadt in Lebensgröße, blitzblank, geordnet, künstlich, irgendwie surreal. Immer wieder irritiert mich der scheinbar unbedarfte Umgang mit der Kolonialgeschichte. Der koreanische Filmwissenschaftler Lee Sangjoon erklärt mir später, man feiere tatsächlich die Überwindung derselben, aber besonders die Werbung und die allzu sorgfältige Pflege der Kolonialbauten hinterlassen Zweifel bei mir. Selbst das indische, d.h. vor allem tamilische Viertel wirkt wie die Postkartenversion einer südindischen Community; lediglich die Nähmaschinen der Schneider drängen aus den Geschäften auf den Gehweg und bringen willkommene Unordnung ins Multikulti-Idyll.
 
"Gerak Kilat" (1966)

 Begonnen hatten meine Reisevorbereitungen für Singapur mit gleich zwei Rückschlägen. Meine Anfragen beim Asian Film Archive und der Cathay Organisation liefen gleichermaßen ins Leere. Das eine kann nicht (weil sich die Arbeit selektiv auf rezente, in jedem Fall eher kanonische Werke konzentriert), die andere will nicht (aus welchen Gründen auch immer). Hauptsächlich zwei Aspekte meiner Recherche führen mich nach Singapur. Zum einen haben die Shaw Brothers für ihr pan-asiatisches Vertriebsnetzwerk in den 1960er Jahren die im Westen bereits aufgegebene Praxis der Sprachfassungen wieder aufleben lassen. Das bevorzugte Genre dabei: Der Spionagefilm. Die hauseigene PR-Zeitschrift Southern Screen verweist, zumindest in den chinesischsprachigen Texten, immer wieder auf zwei, drei, sogar vier parallel entstandene Fassungen mit jeweils verschiedenen HauptdarstellerInnen und, abhängig von den jeweiligen Zensurbestimmungen des Landes, verschiedenen Dosierungen von Sex und Gewalt. Da British Malaya/Malaysia und Singapur einer der zentralen Absatzmärkte vor der Umorientierung auf Taiwan war, entstehen im Zuge des ersten, ebenfalls von den Shaws produzierten Malay-Bonds GERAK KILAT (1966) Malay-Versionen von ANGEL WITH THE IRON FISTS (1967, d.i. Film Nora Zain - Ajen Wanita 001), THE ANGEL STRIKES BACK (1968, d.i. Jurang Baraya) und SUMMONS TO DEATH (1968, d.i. Bayangan Ajal).

Zum zweiten haben nicht nur die Shaw Brothers, sondern auch die aus Singapur stammende Cathay eine ganze Reihe Bondscher Agentenfilme produziert, Titel wie OPERATION MACAU (1967), PERSIAN CAT (beide Tang Huang), BUDDHA WITH 1000 ARMS (Jiang Nan) oder THE CRIMSON ROSE (alle 1968, Wong Tin-lam). Das Problem: Bis auf die Thai-Ko-Produktion OPERATION BANGKOK (1967, Tang Huang) ist momentan keiner dieser Filme verfügbar - und wurden leider auch, wie fast alles jenseits der Melodramen, Komödien und Musicals, kuratorisch stets vernachlässigt. Daran wird leider auch die nächste große Cathay-Retrospektive des Hong Kong Film Archive im kommenden Jahr nichts ändern; selbst ein Tang-Huang-Schwerpunkt fokussiert auf Altbewährtes wie CINDERELLA AND HER LITTLE ANGELS (1959), SISTER LONG LEGS, DEVOTION oder BETWEEN TEARS AND LAUGHTER (alle 1960). Dabei sollte, anders als der ebenfalls unterrepräsentierte wuxia-Film, der Spionagefilm mit seinen immanenten Modernediskursen Cathays metropolitanes Selbstverständnis jener Zeit wunderbar wiederspiegeln. Es bleibt damit vorerst ein Geheimnis der Kuratoren bzw. Cathays, warum man hier weiterhin die etablierten Genres bedient und mithin in der filmhistorischen Aufarbeitung bewusst auf der Stelle tritt.
 
"Operation Bangkok" (1967)

Durch die Absagen habe ich mehr Zeit als mir lieb ist. Ich treffe zunächst Yung Sai-shing von der National University of Singapore, von Hause aus Spezialist für die Kantonoper, aber auch Autor einiger zentraler Texte zum südostasiatischen Vertriebsnetzwerk der Shaws und zum Medienunternehmen des kantonesischen Entrepreneurs Law Bun und dessen Publikation chinesischer Pulp Fiction. Er empfiehlt mir, mich wegen der Malay-Versionen mit dem Historiker Timothy A. Barnard in Verbindung zu setzen.

Während ich auf seine Antwort warte, begebe ich mich selbst auf die Suche - und lande zunächst im Mustafa Centre. Dass ich mich in Little India befinde, merke ich bereits bei der Taschenkontrolle am Eingang. Das Kaufhaus wurde in den 1970er Jahren eröffnet und hat sich seither, for better or worse, offenbar nur unwesentlich verändert. Anstatt in großzügigen Passagen zu flanieren wie in den Malls, zwängt man sich hier durch ausgezirkelt enge Gänge zu laut plärrenden Mandarin-Coverversionen von "When a Child is born" (hierzulande besser bekannt als "Tränen lügen nicht") und "Rivers of Babylon", regelmäßig unterbrochen von unverständlichen Angebotsdurchsagen. Das Mustafa Centre - ein indischer Gemischtwarenladen in groß. Neben einer Auswahl an Drogerieartikeln wie bei einem Großhändler bietet das Kaufhaus eine nicht minder eindrucksvolle DVD-Abteilung: Indische Filme vor allem in Hindi und Tamil, aber auch Malayalam und Telugu, neue malaysische und indonesische DVDs (in der Regel englisch untertitelt) sowie auch die in Malaysia/Singapur veröffentlichen Editionen der Malay-Shaws und -Cathays. Die gesuchten Agentenfilme sind zwar ausverkauft (dafür gibt es massenweise Klassiker mit Superstar P.Ramlee), aber besonders das heillos überfordernde Angebot an aktuellen, oft unbekannten malaysischen und indonesischen Titeln unterstreicht, dass jegliches Konzept eines 'asiatischen Kinos', wie umfassend es auch gemeint sein mag, stets fragmentarisch und reduktionistisch bleiben wird. Mamat Khalid beispielsweise, der mit seiner Zombiekomödie ZOMBI KAMPUNG PISANG (2007) und dem Noir-Pastiche KALA MALAM BULAN MENGAMBANG (2008) für einen kurzen Moment international für Aufsehen sorgte, hat seither mehr als ein halbes Dutzend Filme gedreht - weitgehend unter Ausschluss 'westlicher' Beobachter, Experten und Kritiker. Ähnliches gilt für Filmemacher wie Kabir Bhatia, Hanung Bramantyo oder Brando Lee, deren aktuelle Arbeiten hier zur Begutachtung feilgeboten werden.

Szenenbild aus "Zombi Kampung Pisang" (2007)

Ich bin ohnehin erstaunt, wie viele DVD-Shops es z.B. im Vergleich mit Bangkok oder Hongkong noch in Singapur gibt. Die Ketten haben, bis auf das Label Poh Kim Video (das sich hauptsächlich auf Serien spezialisiert, aber just auch die Fortsetzung von John Woos übrigens ganz, ganz großartigem THE CROSSING veröffentlicht hat), zwar allesamt dichtgemacht, aber kleine, eigenständige Läden in den indischen und malaysischen Vierteln machen die Stadt tatsächlich zu einem Mekka für süd(ost)asiatische DVDs. Fast genau vor einem Jahr wurde mir in Chennai empfohlen, mich wegen tamilischer Klassiker am besten in Singapur umzusehen - und tatsächlich: Ich finde hier u.a. den wunderbaren MGR-Swashbuckler MALAIKKALLAN (1954, S.M. Sriramulu Naidu), veröffentlicht von Columbia, einem von mehreren auf tamilisches Kino spezialisierten Labels in Singapur/Malaysia.

Am letzten Tag treffe ich schließlich den eingangs erwähnten Lee Sangjoon von der Nanyang Technological University, den ersten und bis heute einzigen Wissenschaftler, der Zugang zum Shaw-Archiv erhalten hat. Studiogeschichte zu betreiben ist wegen der desaströsen Materiallage in Asien (abgesehen von Japan vielleicht) ein einziger Graus. Statt Verträge, Studiokorrespondenzen, Bilanzen und ähnlich Handfestes auszuwerten, werden schlechterdings Ausgaben des bereits erwähnten PR-Magazins und andere weniger bis kaum belastbare Quellen herangezogen. Lee erzählt mir, wie er dem ehemaligen Produktionsleiter Lawrence Wong wochenlang hinterher telefonierte, bevor schließlich ein Kontakt zustande kam. Ein Abendessen mit ehemaligen Shaw-Angestellten und reichlich Hühnerfüßen später saßen sie dann in Wongs Büro, wo ihm dieser ein Bündel Verträge in die Hand drückte. Keine Rückfragen, kein zusätzliches Material. What you see is what you get. Ich bin durchaus neidisch.

Kurz vor meiner Abreise erreicht mich dann auch noch die Antwort von Barnard: Die Filme hat er natürlich alle und hilft mir beim nächsten Mal gerne aus. Aber nun geht es erst einmal nach... Manila!


*) Frei nach dem kantonesischen Sprichwort und Titel des Herman-Yau-Films: Gau sei yat sam - "Neun von zehn sterben", im übertragenen Sinne: Die Chancen stehen schlecht.


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