Direkt zum Hauptbereich

Baahubali - The Beginning (S.S. Rajamouli, Indien 2015)

 

Mit einer ebensolchen Vorfreude wie in unseren Breiten das Publikum der neuen Episode von Star Wars entgegenfieberte, wurde, von uns weitestgehend unbemerkt, in weiten Teilen Asiens Rajamoulis Großepos Baahubali erwartet. Ein tamilischer Fantasy- und  Sandalenfilm, der teils in Tamil und Telugu gedreht, und dann direkt in die anderen Landessprachen synchronisiert wurde. Der Film war (und ist immer noch) ein enormer Erfolg an der Kinokasse und die Filmkritiken überschlugen sich, befeuerten noch den ganzen Hype. Nach einigen Wochen ist nun etwas Ruhe eingekehrt und man findet jetzt auch Stimmen, die dem Film kritischer gegenüber stehen. Es ist ganz so, als hätten sie den Zorn Baahubalis persönlich gefürchtet, oder den seines Schauspielers Prabhas. In der englischsprachigen, westlichen Presse wurde der Film weitestgehend ignoriert, was wieder einmal ein bedenkliches Licht auf die Wahrnehmungsstrategien des Weltkinos im Westen wirft - und dabei ist Baahubali ein Koloss des südindischen Kommerzkinos, angefeuert von einer gigantischen Marketingmaschinerie. Aber wenn es wohl nicht der neueste Bollywood-Titan oder der festivalkompatible Arthouse-Bengale ist, dann werden allzu schnell die Schotten dichtgemacht. So lange das weiterhin so läuft, muss unsere Wahrnehmung zwangsläufig lückenhaft bleiben, reduktionistisch, ausschnitthaft. Etwas mehr Offenheit auf allen Seiten wäre sehr wünschenswert.



Der Held dieser Geschichte jedenfalls wurde als Kleinkind aus seinem Königreich Mahishmati herausgeschmuggelt, da sein noch junges Leben bedroht war. Er wächst bei Pflegeeltern auf, im Dorf am Fuße eines Wasserfalls. Doch er, Shivudu, ist "der Baahubali", der Mann mit der Kraft Shivas, mit einer gottesgleichen Stärke. Immer wieder versucht er wie besessen den mehrere hundert Meter hohen Wasserfall kletternd zu bezwingen. Er fühlt, dort oben wartet etwas - seine Bestimmung - auf ihn. In einer Vision sieht er ein wunderschönes Mädchen (Avanthika, gespielt von Tamanaah), die ihn oben am Anfang des Wassers erwartet. Später, wenn er den Wasserfall überwunden haben wird, gerät er mit dieser Frau, eine Kriegerin einer versprengten Widerstandsgruppe, in eine gefährliche Mission: sie wollen die seit Jahren gefangen gehaltene Mutter ihres eigentlichen Königs befreien, die, wie ein Hund im königlichen Tempel angekettet, ein jämmerliches Dasein fristet. Es regiert der illegitime Despot Bhallala Dev (Rana Daggubati), der in seinem Größenwahnsinn eine riesige, alles überragende goldene Statue von sich selbst vor dem Tempel aufbauen lässt. Der Held des Films wird auch für ihn freilich zur Bedrohung, ganz besonders, als dann in einem langen Flashback die Genealogie der Königsfamilie erläutert wird. Da findet der Film zu seinem vorläufigen Höhepunkt in einer gigantischen Schlachtenszene, in der sich Shivas Vater (der vorherige Baahubali) im Kampf gegen struppige Barbaren beweisen muss - und auch vor allem gegen seinen Bruder, der ihm den Thron streitig macht.



Baahubali - The Beginning ist der erste Teil einer zweiteiligen Saga, deren Fortsetzung 2016 im Kino anlaufen soll. Es ist ein völlig irrsinniger, ja größenwahnsinniger Film, gänzlich radikal in seiner Ästhetik, die den westlichen Besucher zunächst einmal vor den Kopf stoßen dürfte. Hier hat man es mit südindischem Kino zu tun, das sich nicht an die Gegebenheiten der realen Welt hält. Ein Kino, das eben dieses based on a true story gar nicht erst sucht, geradezu absichtlich den Superlativ sucht, um so über das schmähliche irdische Dasein hinauszuwachsen. Es ist durch und durch eskapistisches Kino, das aber verwurzelt ist in den Traditionen und Religionen seines Volkes, das alles das macht, was möglich ist - in den Träumen. Wie stark diese Männer sind, wie wuchtig ihr Schwerthieb, wie vernichtend der Faustschlag, scharf der Blick, zielgerichtet die Erotik, die Überzeugung, was zu tun ist. Die Grätsche zum asiatischen Martial-Arts-Film wird häufig gemacht, sowohl was die Kampfszenen auszeichnet in der indischen Variante des Wire Fu, als auch die Überwindung der Schwerkraft generell. Der Wille des Individuums ist immer stärker als die Limitationen der banalen Realität, und das führt oft zu erstaunlich ekstatischen Ergebnissen. Diese Filme sind bunt und unglaublich enthemmt schön - Kitsch als Kriterium gibt es nicht, weil es keinen Kitsch geben kann: Realität als Kriterium fällt bei Rajamouli komplett aus. Es kann nur die Träume des Kinos geben, und das völlig enthemmt eingesetzte CGI, das diese alternativen Realitäten möglich macht. Und sie ebenso unfassbar brutal, schnell, pompös, glorreich, überbordend geraten lässt. Auf dieses Kino muss man sich völlig einlassen, alle Hemmungen fallen lassen - ansonsten ist man draußen und bleibt ein mäkelnder Miesepeter. Wer aber den weiten Sprung über den Wasserfall wagt, hinüber ins Reich der Fantasie, wo die Schmetterlinge auf den Armen der Geliebten flattern, der wird mit Baahubali einen überwältigenden Moment des Kinos erleben. Sensationell.

Michael Schleeh

***

Kommentare

  1. Na, mal schauen. Der Film soll ja nun Ende April tatsächlich in die deutschen Kinos kommen. Bin gespannt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, das ist sicher auch der beste Ort, um ihn sich anzusehen. Teil 2 ist übrigens für 2017 geplant.

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Strenge Kompositionen, die beschädigt werden: Jun Tanakas verstörender Horrorfilm BAMY (Japan, 2017)

Schon in den ersten Minuten wird vollkommen klar, wie souverän Jun Tanaka in seinem Spielfilm-Regiedebüt agiert: lange Phasen ausgedehnter Ruhe wechseln sich ab mit subtilen, dabei intensiven Störungen des allzu gewohnten Alltags. Ein Schirm, der plötzlich durchs Bild fliegt, ein alter Bekannter, der plötzlich auftaucht und schräg unter dem Kapuzenpulli hervorschaut sind Elemente schon ganz am Beginn des Films, die eine stark verunsichernde Atmosphäre erschaffen. Strukturell wird der Film zunächst über seine Kamerabewegungen definiert: eine senkrechte Achse (die Fahrt der Protagonistin im gläsernen Fahrstuhl) wird um eine waagerechte Achse (der Weg über den Vorplatz) ergänzt, was dem Film den Eindruck einer genau durchdachten Konstruiertheit und somit  Zielgerichtetheit zugrundelegt, die durch das Element des herabfallenden Schirms aufgebrochen wird. Strenge Kompositionen, die beschädigt werden. Geometrien. Bild-Ton-Scheren. Außerdem erklingen auf der Tonspur urplötzlich abstrakte …

Banshiwala (Anjan Das, Indien 2010)

The sixth film of Bengali film director Anjan Das is a slowly moving arthouse film which features good actors and beautiful music. It is a literary adaption from the novel The Flautist by Shirshendu Mukhopadhyay and that instrument obviously has been one of the inspirations for the very lyrical, melodical songs here. Anjan Das already died in 2014 after directing eight feature films - for Banshiwala he was awarded two prices at international film festivals.

 The film basically asks the moral question if a house as a building is merely a property (of investment) or if it's somehow a sacred place of remembrance. In this case, the house even is a little bit run-down but still an impressive ancestral manor which bears memories of multiple generations of the family. So, selling it would be the equal to giving away the familial heritage. But there's a dark and hidden secret, too, which has to be challenged as the story comes to a close. In some abstract scenes, the fil…

In Bong Joon-hos OKJA (2017) rettet die Liebe eines Mädchens zu seinem Hausschwein eine kleine Welt

Am Beginn von OKJA, Bong Joon-hoos neuestem creature feature für netflix, öffnet sich die koreanische Landschaft auf die schönste Weise. Man staunt über die grünen Hügel und Wälder, die steilen Schluchten und Täler, die einen großen Kontrast setzen zu den allerersten Minuten des Films im Herzen der zubetonierten Metropole Manhattans. Dort nämlich befindet sich die Mirando Corporation, ein Nahrungsmittelhersteller, der mittels Gen-Food seinen Aktienindex hochjubeln möchte. Dazu braucht es Fleisch. Viel Fleisch, und besonders leckeres. Und viel kosten darf es auch nicht. Deswegen werden Riesenschweine gezüchtet (optisch geht das Richtung Seekuh), die Qualitätsfleisch versprechen. Eines der Versuchsschweinchen durfte in den Wäldern und Bergen Koreas aufwachsen, und es ist freilich das Prachtexemplar schlechthin, das dem Film den Titel gibt. Möglicherweise ist es aber vor allem die Liebe, die das Tier erfahren hat, das es so gut gedeihen ließ. Geliebt wird es heiß und innig von dem 13-j…