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Pintu Terlarang: The Forbidden Door (Joko Anwar, Indonesien 2009)


Auch in diesem Film, einem psychologischen Horror-Thriller, arbeitet Joko Anwar mit stark gesättigten Farben in seinen Bildern. Das fällt nicht ganz so radikal aus wie in Dead Time: Kala, führt aber auch zu einem unangenehmen Eindruck der Bedrängung. Als ob die eingefärbte Welt Jakartas visuell auf die Personen einstürzt, die Eindrücke immer ein bisschen zu stark sind, man im Prinzip wehrlos ist gegen die optische Vorherrschaft der Bilder. Und natürlich geht es in diesem Film auch um das Sehen, vor allem um das Sehen und die Wahrnehmung von Kunst, Medien, TV, Realität: Der Protagonist ist ein talentierter Bildhauer, der mit einer Ausstellung von Skulpturen großen Erfolg hat. Sie alle stellen nackte, schwangere Frauen dar, die sich in recht aufreizenden Posen präsentieren. Der vergrößerte Bauch steht dabei meist im Zentrum des Objekts, mit ihm das zu erwartende Kind. Hier greift nun Anwars Psycho-Schleife: der Künstler selbst scheint nämlich impotent zu sein, beziehungsweise unter Erektionsstörungen zu leiden. Seine Frau macht ihm Vorhaltungen, und drängt ihn dazu, endlich zum Arzt zu gehen. Diese bringt neben ihren körperlichen Reizen auch ein üppiges Erbe mit in die Ehe und lässt es an verführerischen Blicken nicht mangeln. Das erregt freilich auch die Neugierde von Gambirs Kollegen - die Eifersucht lauert im Hintergrund. Gambirs künstlerischer Output scheint also der Ausdruck eines persönlichen Defizits zu sein, gespeist aus dem Unterbewußtsein. Seine eigene Mangelerfahrung manifestiert sich im künstlerischen Objekt. 

Aus diesem Grunde zweifelt er auch an seinen Fähigkeiten - da er sich selbst im "Schöpfungsprozess" (bei der Arbeit) permanent seine eigene realweltliche "Unfähigkeit" vorhält, und diese derart zu kompensieren versucht. Das nimmt irgendwann wahnhafte Züge an. Plötzlich sieht er kleine Kinder spielen, wo keine sein können. Im Fernseher tauchen plötzlich Kinderbilder auf, Bildrauschen, die Kanäle wechseln von selbst: ein Junge wird von seinem Vater missbraucht, ein Kind sticht sich ständig selbst beim Nähen eines Kleidungsstücks. Gewalt und Verletzungen füllen zunehmend die Bilder. Im "real life" allerdings findet er unvermutet auftauchende Kasiber von einem Jungen, der ihn um Hilfe anfleht. Vor der Haustür ist der Hilferuf auf den Boden gekrakelt, auf der Toilette findet er ein Stück  Papier, auf dem sich derselbe Hilferuf "Tolong saya!" (Help me!) befindet. Und einiges deutet darauf hin, dass er es selbst ist, der sich diese Hilferufe zusendet - denn Bilder aus der eigenen Kindheit mischen sich darunter. Und was nicht weniger verstörend ist: seine Freundin, die immer so nett verständnisvoll lächelt, scheint ebenfalls in die Sache verwickelt zu sein. Gambir verliert den Boden unter den Füßen während sich Realitäts- und Wahnebenen vermischen.

In einem merkwürdigen Hotel scheinen die Fäden zusammen zu laufen, vermutlich ist es aber auch ein Bordell, man weiß es nicht genau. Dort kann Gambir per geheime Kameras / Fernsehbildschirme in die verschiedenen Zimmer hineinschauen, in denen sich überall Horrorszenarien abspielen, Szenen, die seinen eigenen Geisteszustand wiederspiegeln. Hier findet er auch seine eigene Frau wieder, die sich von einem potenten Hengst begatten lässt, um endlich das lang ersehnte Kind zu bekommen. Das Schöne an diesem Film: die Verwirrtheit des Protagonisten zeigt sich dem Zuschauer des Films als Verwirrspiel - denn dieser wird, ebenso wie der Anti-Held, im Dunkeln gelassen. Er erhält keine zusätzlichen Informationen, ist auf derselben Ebene wie Gambir, muss sich alles selbst zusammenreimen. Insofern steht der Film unter einem permanenten inneren Druck, da sich mit jedem neuen Ereignis die Deutungsmöglichkeiten verschieben. Man hat schlicht und einfach keine Ahnung, wo das alles hinsteuert (der Film könnte vielleicht auch noch ein schlechter Erotikthriller werden). Für Plotfehlerfinder (Memento-Adepten) ein Alptraum, das Kino des Joko Anwar, für Leute, die sich treiben lassen können eine cineastische Deluxe-Erfahrung. Und als dann schließlich Küchenmesser ausgepackt und Kehlen geschlitzt werden, da verstärkt sich der Eindruck: es geht auf direktem Wege - durch die verbotene Tür hindurch -  ins Jenseits.

Michael Schleeh

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